Vergleichbar mit gutem Sex
Spielsucht wird in der Bevölkerung kaum wahrgenommen

Ochtrup -

Spielsucht wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren, beteiligt sich der Caritasverband Steinfurt am Donnerstag an einem landesweiten Aktionstag „Glücksspielsucht“. Neben einer offenen Sprechstunde wird eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion geben.

Donnerstag, 24.09.2015, 11:09 Uhr

Ewald Brinker nennt sie die „verschämte Sucht“. Denn das ist es, was der Suchtberater bei der Caritas tagtäglich erlebt. Nach außen hin sei die Spielsucht kaum sichtbar. „Viele Spieler führen einen ganz normalen Lebenswandel“, weiß der Fachmann. Doch anders als in der Bevölkerung oft vermutet, sei es für Spielsüchtige genauso schwer, mit dem Spielen aufzuhören, wie ein Drogenabhängiger nicht auf den nächsten „Schuss“ verzichten kann. Um über dieses Suchtpotenzial aufzuklären und die Bevölkerung zu sensibilisieren, beteiligt sich auch die Beratungsstelle des Caritasverbandes Steinfurt an einem landesweiten „Aktionstag Glücksspielsucht “, der am heutigen Donnerstag stattfindet.

Vormittags sind Ewald Brinker und seine Kollegen auf dem Ochtruper Wochenmarkt anzutreffen. An ihrem Infostand demonstrieren sie unter anderem an einem mit Lebensmitteln gefüllten Einkaufswagen wie hoch der Durchschnittsverlust eines Spielhallenbesuchs ist. Außerdem gibt es jede Menge weitere Informationen zum Thema. Brinker hofft, so viele Menschen erreichen zu können. Aber: „Es ist ein mühsames Geschäft“, weiß der Suchtberater um die Hemmschwellen bei diesem Thema. Problematisch sei, dass viele Menschen die Spielsucht nicht nachvollziehen könnten. Beim Alkohol sei das beispielsweise anders. Doch das, was im Körper ablaufe, wenn jemand beim Spielen gewinne, die Anzahl an Hormonen die dann freigesetzt würden, sei durchaus mit einem Rausch vergleichbar – oder mit gutem Sex. „Den wollen auch alle haben und natürlich auch immer wieder“, versucht Brinker, den Drang der Spieler begreifbar zu machen.

Froh ist er, dass in Ochtrup die Zahl der Spielhallen abgenommen hat. „Vor zehn Jahren hatten wir noch drei solcher Einrichtungen“, weiß Brinker. Heute sei es nur noch eine. Anders die Situation in Gronau und Ahaus. „Das Ganze hat sich verlagert“, sagt der Fachmann. Die Kommunen würden sich Steuereinnahmen versprechen, doch hätten sie nicht im Blick, dass die Bürger durch das Spielen große Verluste machen und deshalb auch ihre Kaufkraft sinkt. Kaum jemand begreife, wie schmal der Grad zwischen dem Spaß am Spiel und der Spielsucht sei.

Es sind vor allem Angehörige, die sich als erste an die Beratungsstelle der Caritas wenden. Ein Instrument, um Spieler im Verwandten- oder Freundeskreis vor sich selbst zu schützen, ist die sogenannte Fremdsperre. „Während diese Maßnahme in anderen Bundesländern klar geregelt ist, gibt es in NRW noch viele Hindernisse. So muss beispielsweise eine Verschuldung oder Abhängigkeit konkret vorliegen, um eine Person zu sperren“, erklärt Brinker. Im Gegensatz zum selbstauferlegten Hausverbot – hierbei würde bei einer Zuwiderhandlung nur der Spieler selbst belangt (Hausfriedensbruch) – sind beim Verstoß gegen eine Sperre auch die Spielhallenbetreiber dran. „Sie müssen, wenn ein gesperrter Spieler in ihrer Einrichtung spielt, die Verluste ausgleichen“, weiß der Suchtberater. Doch in NRW täten sich die Verantwortlichen mit dieser Regelung noch schwer.

Positiv bewertet Brinker, dass, beispielsweise im Lotto-Bereich die Spielscheine mittlerweile personalisiert sind. Und auch in Spielcasinos, die sich in staatlicher Trägerschaft befinden, ist eine Sperre viel besser durchsetzbar.

Ein Problem bleibt aber: die nahe Grenze zu den Niederlanden. Dort fänden in den Spielcasinos regelrechte Events mit Massagen, Maniküre und dergleichen statt. „Die lassen sich richtig was einfallen“, kennt Brinker die Problematik. Deshalb ist der Suchtberater froh um jedes Spielcasino und jede Spielhalle, jeden Spielautomaten, der nicht mehr betrieben wird. Eng arbeiten er und seine Kollegen auch mit den Ordnungsämtern zusammen, um diese zu beraten.

Zum Thema

Die Fachstelle Glücksspielsucht des Caritasverbandes Steinfurt bietet im Rahmen des Aktionstages Glücksspielsucht am heutigen Donnerstag ab 14.30 Uhr eine offene Sprechstunde im Caritashaus, Parkstraße 6, an. Um 18 Uhr wird an gleicher Stelle der Film „Im Rausch des Zufalls“ gezeigt. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Alle Interessierten sind eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3527841?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F182%2F4852067%2F4852071%2F
Nachrichten-Ticker