Loslassen ist nicht leicht
Im Gespräch mit Angehörigen von Menschen mit Behinderungen

Ochtrup -

Eine Fernsehreportage, in der Journalisten schockierende Missstände in Wohnheimen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen aufdeckten, sorgte jüngst für Aufregung und Entsetzen. Ein Anlass für die WN, einmal nachzuhören: Wie sind Eltern von Menschen mit Handicaps in Ochtrup mit der Begleitung ihrer Kinder zufrieden? Was beschäftigt sie in diesem Zusammenhang, wo sind Ängste, wo Probleme?

Samstag, 08.04.2017, 06:04 Uhr

Gerold Hetkämper und seine Mutter Anneliese.
Gerold Hetkämper und seine Mutter Anneliese. Foto: Anne Spill

Als Gerold Hetkämper seine Mutter in der Tür entdeckt, strahlt er über das ganze Gesicht. „Ja, hallo!“, ruft der 50-Jährige freudig, springt von seinem Stuhl auf und umarmt seinen Gast. Die Überraschung ist groß – es passiert ja nicht jeden Tag, dass ihn jemand bei der Arbeit besucht. Das erste Mal ist es aber längst nicht. Schließlich ist Gerold Hetkämper schon seit den 80er-Jahren bei den Caritaswerkstätten Langenhorst beschäftigt. Da hat die Familie schon das eine oder andere Mal vorbeigeschaut.

Anlass des Besuchs ist dieses Mal ein Pressegespräch in der Einrichtung an der Waldstraße. Dort treffen sich an diesem Morgen neben Anneliese Hetkämper und Brigitte Alferink , deren Sohn ebenfalls in den Werkstätten beschäftigt ist, die Sozialpädagogin Katharina Middendorf und Werkstattleiter Alexander Lürwer mit dem Gast von der Zeitung. Sie alle haben vor wenigen Wochen eine Fernsehreportage gesehen – oder zumindest davon gehört: Darin deckten Reporter schockierende Missstände in Wohnheimen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen auf. Das war Anlass für die WN-Redaktion, mal nachzuhören: Wie sind Eltern von Menschen mit Handicaps hier in Ochtrup mit der Begleitung ihrer Kinder zufrieden? Was beschäftigt sie in diesem Zusammenhang, wo sind Ängste, wo Probleme?

Der Freundeskreis Behinderter und Nichtbehinderter lud prompt zu sich ein – und Anneliese Hetkämper und Brigitte Alferink erklärten sich bereit, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Die sind überwiegend positiv: Beide Söhne, Gerold und Sebastian, fühlen sich – so ist der Eindruck der Mütter – in den Caritaswerkstätten wohl. Leiter Alexander Lürwer war denn auch gern bereit, einen Einblick in die Arbeit an der Waldstraße zu gewähren.

In der „Verpackungsgruppe“ wird an diesem Morgen emsig gewerkelt. Verschiedene Artikel gilt es in passender Anzahl in Tüten und Schachteln zu befördern. In dieser Einheit arbeitet auch Sebastian Reining. Der 28-Jährige, der das Prader-Willy-Syndrom hat, ist seit 2009 in den Caritaswerkstätten beschäftigt. Der Job, erzählt seine Mutter Brigitte Alferink, „ist Lebensinhalt“. Eine Aufgabe zu haben, eigenes Geld zu verdienen und Bezugspersonen auch außerhalb der Familie zu haben – das sei für den jungen Mann sehr wichtig. Mit Stolz habe Sebastian Reining seinen beiden Nichten beim Adventsbasar gezeigt, was er jeden Tag macht. „Das hatten sich die zwei gar nicht vorstellen können“, erzählt Brigitte Alferink.

Die Mutter ist froh, ihren Sohn gut aufgehoben zu wissen – auch weil sie aus Gesprächen im Freundeskreis Behinderter und Nichtbehinderter weiß, dass andere Angehörige in früheren Zeiten auch schon ganz andere Erfahrungen gemacht haben. Sie ist sich sicher, dass sie es erfahren würde, wenn ihr Kind auf irgendeine Art und Weise schlecht behandelt würde. „Das würde Sebastian erzählen.“ Dem Team der Caritaswerkstätten in der Töpferstadt vertraut sie.

„Wir begegnen unseren Beschäftigten mit Wertschätzung und auf Augenhöhe“, versichert denn auch Werkstattleiter Alexander Lürwer und verweist auf das christliche Menschenbild, an dem sich die Einrichtung orientiere. Das Fachpersonal sei hoch qualifiziert und unterstütze sich gegenseitig. Natürlich sei nicht immer „alles rosig“, sagt Alexander Lürwer – mitunter gebe es unter den Beschäftigten auch mal Reibereien. Im Umgang mit schwierigen Situationen sei das Team der Werkstätten aber geschult. „Wir sind uns der besonderen Verantwortung bewusst“, betont er.

Den Eltern gebe das ein gutes Gefühl, beschreibt Brigitte Alferink. Für sie sei es nämlich gar nicht immer so leicht, ein Stück weit loszulassen: „Man denkt ja immer, nur man selbst kennt sein Kind.“ Und so sorgt sie sich auch bei dem Gedanken an die Zukunft: Wo wird ihr Sohn irgendwann einmal wohnen, wenn sie sich selbst nicht mehr kümmern kann? „Da muss in den nächsten Jahren eine Lösung her“, weiß Brigitte Alferink. Einmal habe sie bereits einen Platz im ambulant betreuten Wohnen für ihren Sohn bekommen können. Das Zimmer sei dann aber doch nicht so ideal gewesen, „und vielleicht waren wir auch noch nicht ganz bereit dafür“, gibt sie zu.

Ähnliche Gedanken beschäftigten auch Anneliese Hetkämper, deren Sohn – er hat Trisomie 21 – ebenfalls im Elternhaus lebt. „Was ist, wenn ich mal krank werde oder sterbe?“, fragt sie. Eine Antwort darauf, die hat sie noch nicht. Vorerst ist sie froh, dass auch ihr Sohn in den Caritaswerkstätten offensichtlich zufrieden ist und eine Aufgabe hat. „Gerold macht das viel Freude“, berichtet Anneliese Hetkämper. „Urlaub nimmt er oft nur ungern.“

Und so macht es dem 50-Jährigen auch nichts aus, dass er nach dem Besuch seiner Mutter an diesem Morgen wieder zurück an die Arbeit muss. Eine herzliche Verabschiedung – und schon sitzt er wieder an seinem Platz. Weiter geht‘s . . .

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