Kinderärztliche Versorgung
Dr. Moudjahid Abu Tair übernimmt die Praxis von Dr. Inge Hagen

Ochtrup -

In Ochtrup ist Kinderärztin Dr. Inge Hagen so etwas wie eine Institution. Seit fast 35 Jahren hat sie an der Lautstraße ihre Praxis. Ab dem 1. Juni (Donnerstag) befindet sich die 69-Jährige im Ruhestand. Doch die Nachfolge ist glücklicherweise geregelt.

Donnerstag, 01.06.2017, 05:00 Uhr
In Ochtrup wird es auch in Zukunft einen Kinderarzt geben. Dr. Moudjahid Abu Tair übernimmt die Praxis von Kinderärztin Dr. Inge Hagen. Die 69-Jährige geht in den Ruhestand.
In Ochtrup wird es auch in Zukunft einen Kinderarzt geben. Dr. Moudjahid Abu Tair übernimmt die Praxis von Kinderärztin Dr. Inge Hagen. Die 69-Jährige geht in den Ruhestand. Foto: Anne Steven

So richtig ernst genommen hatte Dr. Inge Hagen ihre Bewerbung um die Stelle als Kinderärztin in Ochtrup eigentlich nicht. Fast 35 Jahre ist das nun her und die 69-Jährige ist immer noch in Ochtrup.

„Ich stand damals vor der Entscheidung, auf Dauer in einer Klinik in Köln zu arbeiten oder mehr in die praktische Tätigkeit einer niedergelassenen Kinderärztin zu wechseln. Da hab ich mich einfach mal in Och­trup beworben“, erinnert sie sich zurück. Doch aus Spaß wurde rasch Ernst – dauerhafter Ernst sozusagen. Ab dem 1. Juni (Donnerstag) ist Hagen allerdings offiziell im Ruhestand. Ihre Praxis übernimmt der Borghorster Kinderarzt Dr. Moudjahid Abu Tair.

„Der frühere Stadtdirektor Bernhard Elling hat sich damals sehr um mich bemüht“, erzählt die Kinderärztin, wie sie als junge Oberärztin aus Köln überredete wurde, in die Töpferstadt zu kommen. Der Grund für das Engagement des Stadtdirektors: Eine Kinderärztin gab es zu dieser Zeit in Ochtrup nicht.

Den Wechsel nach Och­trup hat Inge Hagen aber nie bereut. Im Juli 1983 eröffnete sie an der Lautstraße ihre Praxis. Gerade die Anfangszeit sei sehr anstrengend gewesen, erzählt die 69-Jährige. Doch es habe ihr auch unglaublich viel Spaß gemacht, die Praxis aufzubauen. Neben dem Alltagsgeschäft beteiligte Inge Hagen sich an dem Notdienstplan der Ochtruper Ärzte. Auch Hausbesuche, oftmals zu später Stunde und bei furchtbarem Wetter, gehörten damals noch dazu. „Ich habe oftmals Probleme gehabt, mich gerade in den Bauerschaften, wenn es dunkel oder nebelig war, zurechtzufinden“, erinnert sich die Kinderärztin mit einem Schmunzeln zurück.

Auch so manche Familie ist ihr in Erinnerung geblieben. Da war zum Beispiel das kleine Mädchen, das noch an der Hand seines Vaters in die Praxis kam, dann aber das Bewusstsein verlor und schließlich wegen einer Hirnhautentzündung ins Krankenhaus gebracht werden musste. „Ich bin im Krankenwagen noch bis nach Münster mitgefahren“, erzählt die Kinderärztin. Und auch die Familie mit den fünf Kindern, die alle der Reihe nach an Keuchhusten erkrankten, ist ihr im Gedächtnis geblieben.

Früher typische Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Windpocken hat Hagen heute allerdings kaum noch in ihrer Praxis. „Da merkt man, dass der Impfschutz greift“, freut sie sich. Denn während Windpocken für Kinder zwar unangenehm aber nicht gefährlich seien, könnten sie im Erwachsenenalter – hier sind besonders ältere Menschen oder Patienten mit einer geschwächten Immunabwehr betroffen – eine Gürtelrose entwickeln. Beide Erkrankungen entstünden durch denselben Krankheitserreger.

Weniger mit einem Erreger hat ein anderes Problem zu tun, dass statt der üblichen Kinderkrankheiten immer häufiger in der Praxis auftritt. „Der Bedarf an Ergotherapie ist gestiegen“, hat Inge Hagen festgestellt. Während die Defizite früher vor allem bei entwicklungsverzögerten Kindern aufgetreten seien, benötigten heute vermehrt gesunde Kinder Ergotherapie. Eltern fehle oft einfach die Zeit für ihre Kinder. „Es wird immer viel über das Recht der Kinder auf einen Kindergartenplatz gesprochen. Ich würde sagen, gerade in der ersten Zeit sollten wir das Recht des Kinder auf Mutter oder Vater betonen“, positioniert sich Inge Hagen klar. Sie kritisiert zudem, dass viele Eltern oftmals durch Computer und Smartphones abgelenkt würden und sich deshalb zu wenig mit ihrem Nachwuchs beschäftigten.

Als Kinderärztin ist für Hagen der „Blick für den Patienten“ immens wichtig – auch, weil Kinder oftmals nicht konkret äußern können, wo es genau schmerzt.

„Gerade das macht unseren Beruf aber aus“, findet Hagens Nachfolger als Kinderarzt, Dr. Moudjahid Abu Tair. Der 39-Jährige lebt in Ahaus und betreibt seit drei Jahren eine Kinderarztpraxis in Borghorst. Seit dem 1. Juni ist er nun auch in Ochtrup ansässig. Abu Tairs Spezialgebiet sind die Kinder-Lungenheilkunde und die Allergologie. Gemeinsam mit den beiden Kinderärztinnen Dr. Sandra Normann und Dagmar Ruf kümmert er sich künftig um die Versorgung im Bereich der Kinderheilkunde in der Töpferstadt. Das Mitarbeiter-Team von Inge Hagen wird übrigens übernommen. Die Praxis soll auch weiterhin zu den üblichen Öffnungszeiten erreichbar sein. „Wir dürfen zwischen Gronau und Steinfurt keine Versorgungslücke entstehen lassen. Es braucht hier den Kinderarzt“, stellt Abu Tair klar.

Und manchmal wird dieser auch weiterhin Dr. Inge Hagen heißen. Denn ab und an – wenn sie nicht gerade auf Reisen oder dem Golfplatz ist oder an der Staffelei steht – will die frischgebackene Ruheständlerin in ihrer ehemaligen Praxis Vertretungen übernehmen. Ganz kann sie dann doch nicht von ihrem Beruf lassen.

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