Landwirtschaft
„Wir setzen bei uns auf Dialog“

Ochtrup -

Im Interview spricht Thomas Ostendorf mit WN-Redakteurin Anne Steven über die Enthüllungen von Stern-TV über die Haltung von Tieren auf dem Hof der neuen NRW-Landwirtschaftministerin Christina Schulze Föcking und über die Rahmenbedingungen der Haltung von Schweinen.

Montag, 24.07.2017, 13:07 Uhr

Thomas Ostendorf ist hat einen Hof mit Sauenhaltung und Ferkelaufzucht in der Wester. Der Dialog mit Verbrauchern ist ihm besonders wichtig, weshalb er regelmäßig Hofführungen anbietet.
Thomas Ostendorf ist hat einen Hof mit Sauenhaltung und Ferkelaufzucht in der Wester. Der Dialog mit Verbrauchern ist ihm besonders wichtig, weshalb er regelmäßig Hofführungen anbietet. Foto: Anne Steven

Nach dem Bericht in der RTL-Sendung „Stern TV“ über den landwirtschaftlichen Betrieb der neuen NRW-Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking hat WN-Redakteurin Anne Steven mit Landwirt Thomas Ostendorf gesprochen. Der Vorsitzende des Landwirtschaflichen Ortsvereins (LOV) kritisiert die Vorgehensweise der Tierschützer, die in den Schweinestall der Schulze Föckings einbrachen und heimlich filmten. Er hat die Vertreterin der Presse deshalb zu einem Rundgang über seinen Hof eingeladen und ganz nebenbei ein paar Dinge in der Schweinehaltung erklärt.

Herr Ostendorf, haben Sie sich den TV-Beitrag über den Stall der Familie Schulze Föcking inzwischen angeschaut?

Thomas Ostendorf: Nein. Aber ich möchte mir von hier aus auch keine Ferndiagnose erlauben. Ich kenne den Stall nicht und wir wissen auch nicht, woher die Bilder wirklich stammen. Alles andere ist der Stellungnahme des Betriebsleiters zu entnehmen. Aber ich lade alle ein, bei uns einen Rundgang durch den Betrieb zu machen und sich die moderne Schweinehaltung anzusehen. Denn wir Landwirte setzen auf Dialog. Nur das, was bei Schulze Föckings passiert ist, ist für mich kein Dialog. Das ist eine Hetzjagd. Solchen Leuten geht es nicht darum, Tiere zu schützen, sondern darum, die Tierhaltung komplett abzuschaffen.

Aber muss man nicht aufrütteln und auf Missstände hinweisen?

Ostendorf: Sicherlich. Aber so? Ob es zu rechtfertigen ist, das eine Gesetz zu brechen, um ein anderes einzuhalten? Ich habe da meine Bedenken. Dem Staat obliegt an dieser Stelle die Kontrolle. Und wir befinden uns immerhin in einem Rechtsstaat. Außerdem leben wir Landwirte auf unserem Arbeitsplatz. Bei uns stehen immer Familien dahinter. Da ist so eine Vorgehensweise sehr beängstigend.

Im Beitrag waren die kranken Tiere in größeren Gruppen zusammen untergebracht. Ist das normal?

Ostendorf: Ich darf kranke Tiere nicht isolieren. Sie müssen wenigstens Sichtkontakt zueinander haben. Deshalb gibt es sogenannte Krankenbuchten. Ich habe auch welche. Und da sind natürlich manchmal Tiere drin, denen es nicht gut geht. Das kann ich auch nicht schönreden. Aber auch wenn die Tiere in Gruppen untergebracht sind, werden bei uns alle Schweine einzeln behandelt. Es sei denn, ich habe einen Massenausbruch beispielsweise einer Infektionskrankheit.

Und wie entstehen Verletzungen wie zum Beispiel angebissene Schwänze oder Ohren bei den Tieren?

Ostendorf: Die Schweine beißen sich gegenseitig. Das ist ein immer wieder auftretendes Krankheitsbild, aber nicht der Regelfall. Da sind so viele Faktoren, die in Wechselwirkung zueinander stehen. Es gibt Durchgänge, da gibt es keine Probleme. Da gehen die Tiere ohne eine Verletzung raus. Aber dann ist ein Faktor anders: die Luft, das Wetter schlägt um oder das Futter verändert sich. Man sieht das ganz oft zum Sommer hin, wenn die Altbestände aufgebraucht sind und es neues Getreide gibt. Da hakt es dann schon mal an der einen oder anderen Stelle.

Welchen Sinn hat das Kupieren von Schweineschwänzen?

Ostendorf: Das machen wir vorsorglich. Aktuell läuft das noch im Rahmen einer Ausnahmegenehmigung ab. Am Ende des Schwanzes sind keine Nerven- dafür aber Blutbahnen. Das heißt, wenn ein Schwein ein anderes an dieser Stelle beißt, löst es bei seinem Artgenossen keinen Fluchtreflex aus. Durch das Kupieren enden Nerven- und Blutbahnen an der gleichen Stelle. Wenn ein Schwein gebissen wird, merkt es das und düst ab. Zur Zeit ist das noch praktikabel. Aber wir wollen ja so wenige Eingriffe wie möglich. Die Politik drängt deshalb aktuell darauf, auf das Kupieren zu verzichten. Wir wissen aber noch nicht, wie es ohne gehen soll. Da gibt es noch keine Lösung.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob die Tiere nicht falsch gehalten werden, wenn sie sich gegenseitig Verletzungen zufügen.

Ostendorf: Ja, natürlich. Aber gestatten Sie mir eine Gegenfrage: Warum laufen dann 90 Prozent der Tiere problemlos durch die Aufzucht? Und das Problem existiert auch in anderen Haltungsformen genau so. Da gibt es einfach ab und an ein gesteigertes Aggressionspotenzial. Und wenn da Blut zu sehen ist, kann es zu Problemen kommen. An dieser Stelle wird in alle Richtungen geforscht – bislang aber ohne eine Lösung. Ich könnte gut und gerne auf all diese Maßnahmen verzichten. Denn für mich machen sie in erster Linie Arbeit. Die Ferkel ließen sich aber ohne kupierte Schwänze nicht gut vermarkten.

Was tun Landwirte, um solche Bisswunden zu verhindern?

Ostendorf: Man muss ganz am Anfang schnell Einhalt gebieten. Ich hatte letztens auch so eine Truppe. Da habe ich Eichenlaub abgesägt und das in den Stall geworfen. Da war nach zwei Tagen Ruhe. Die Tiere beißen auf dem Holz herum, statt auf ihren Kollegen. Aber es ist ja nicht so, dass sie sonst kein Spielmaterial hätten. Wir füttern auch manchmal Zwiebeln oder Luzerne-Pellets, wo die Tiere drauf herum kauen können oder bieten Heu-Raufen an. Aber selbst das ist nicht so interessant wie der Schwanz vom Kollegen.

Wie werden Bissverletzungen bei Schweinen behandelt?

Ostendorf: Zunächst mit einem blau färbenden Desinfektionsspray. Damit heilen die Wunden besser ab. Wenn man das nicht weiß, sieht die blauverfärbte Haut abgestorben aus. Problematisch werden solche Wunden, wenn sie sich entzünden. Bei den Tieren zieht eine Entzündung schnell ins Rückenmark. Und dann wird es ein Total-Ausfall. Vorher kann man mit Antibiotika aber oftmals Schlimmeres verhindern.

Lässt sich so ein Tier noch verkaufen?

Ostendorf: Wir dürfen es nicht verkaufen – schon gar nicht, wenn es Antibiotika bekommen hat. Da gibt es bestimmte Karenzzeiten, die eingehalten werden müssen. Da muss man absolut sauber arbeiten. Es darf auch kein verletztes Tier verladen werden. Eine Wunde muss vollständig abgeheilt sein. Ansonsten verbleibt es in der Krankenbucht. Wird es nicht wieder gesund, steht der Landwirt irgendwann vor der Entscheidung: therapiewürdig oder nicht.

Das heißt?

Ostendorf: Im schlimmsten Fall muss ich das Tier erlösen, nottöten, wie wir sagen. Dazu bin ich gesetzlich verpflichtet. Nur das will natürlich niemand hören. Aus wirtschaftlichen Gründen darf ich die Tiere allerdings nicht nottöten.

Wie läuft das Nottöten ab?

Ostendorf: Wir haben hier bei uns eine CO²-Box, in der wir kleine Saugferkel nottöten können. Ich bin froh, dass es diese Möglichkeit gibt – für die ich übrigens 3000 Euro investiert habe.

Gewöhnt man sich daran?

Ostendorf: Mmh, ich würde sagen, es birgt irgendwann eine gewisse Routine. Da muss man nicht drum herum reden. Aber, wenn ich es mache, dann schnell, sauber und ordentlich. Damit das Tier nicht leiden muss. Das ist mein Anspruch. Nur diesen Vorgang finden Sie in jedem Betrieb, unabhängig von der Haltungsform. Und ganz abgesehen davon: Wer Schnitzel essen will, muss ein Tiertöten. Punkt. Das sage ich auch immer Besuchern auf unserem Hof, wenn sie total begeistert die ganz jungen Ferkel anschauen. Wer das nicht möchte, muss an die andere Seite des Grills gehen. Das ist auch in Ordnung und soll jeder für sich entscheiden.

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