Gesprächsabend zum Thema „Erziehungs-Kultur“
Zerrissen zwischen den Welten

Ochtrup -

„Erziehungs-Kultur“ war am Donnerstag das Thema eines Gesprächsabends im Forum der Bücherei St. Lamberti anlässlich der Interkulturellen Woche. Die Talkgäste hatten zum Teil Erstaunliches aus ihrem Erfahrungsschatz zu berichten.

Freitag, 29.09.2017, 08:09 Uhr

Über multikulturelle Kindererziehung sprach Moderatorin Bettina Flug mit Riham Sabbagh, Kefah Sawalha und Beate Feldevert.
Über multikulturelle Kindererziehung sprach Moderatorin Bettina Flug mit Riham Sabbagh, Kefah Sawalha und Beate Feldevert. Foto: Irmgard Tappe

Zu den Gästen der Talkrunde zählte Kefah Sawalha, die aus Pakistan stammt und seit 25 Jahren in Deutschland lebt. Die Mitarbeiterin der evangelischen Jugendhilfe Münsterland betreut unter anderem eine Gruppe minderjähriger Flüchtlinge in Ochtrup. Über ihre Erfahrungen mit Kindern im Vorschulalter und deren Eltern berichtete die Leiterin der Kindertagesstätte St. Lamberti, Brigitte Feldevert. Sie ist bei ihrer Arbeit umgeben von einer Bandbreite der Nationen. Gern hätte Moderatorin Bettina Flug auch eine achtfache Mutter aus Syrien begrüßt, doch sie hatte aus Krankheitsgründen abgesagt. Aber die 29-jährige Syrerin Riham Sabbagh war kurzfristig eingesprungen.

Sabbagh lebt seit knapp zwei Jahren in Ochtrup. Sie erzählte von ihrer Kindheit und Jugend in Aleppo, wo Jungen als das starke Geschlecht galten. „Selbst als 16-Jährige durfte ich nicht allein die Stadt verlassen. Mein zwei Jahre jüngerer Bruder hat mich überallhin begleitet“, erzählte sie und rollte die Augen. Immerhin durfte sie das Abitur machen und studieren. „Einige meiner Freundinnen waren sehr intelligent. Aber die Eltern erlaubten es nicht, dass sie zur Uni gehen, weil dort auch Jungen waren“, gab sie einen Einblick in die strenge Geschlechtertrennung der dortigen Kultur.

Das sei in Palästina nicht anders, griff auch Kefah Sawalha das krasse Unterschiedsdenken auf. Schule sei keine Pflicht gewesen, was in der Regel zu Lasten der Mädchenbildung gegangen sei, erinnerte sie sich und erzählte von ihrer Arbeit auf dem Bauernhof ihrer Eltern, wo sie tagsüber Schafe gemolken und im Haushalt geholfen hat. Das war schließlich Mädchensache. „Aber ich bin zur Schule gegangen und habe nachts gelernt. Ich hatte nur den Gedanken, mein Leben zu verändern. Das hat mich angetrieben“, berichtete sie.

Riham Sabbagh spannte den Bogen zu den Kitas in Syrien. „Das sind private Kindergärten. Kinder, deren Eltern es sich finanziell leisten können, besuchen die Einrichtung. Bereits in der Kita lernen die Kleinen neben Arabisch auf spielerische Art erste Worte in Englisch und Französisch“, wusste die 29-Jährige.

Das kommt den kleinen Flüchtlingskindern natürlich zu Gute. „Viele syrische Kinder“, berichtete Feldevert, „sprechen ein wenig Englisch, wenn sie zu uns kommen. Das erleichtert die Verständigung sehr.“

Da ein Flüchtling mit dem Grenzübertritt nicht automatisch sein Traditionsdenken abstreift, hat die Kita-Leiterin Erfahrung mit dem Stellenwert von Jungen und Mädchen in muslimischen Ländern. „Die Jungen genießen im Elternhaus oft die Rolle eines kleinen Prinzen. Bei uns in der Gruppe müssen sie dann erst einmal lernen, dass es hier anders läuft“, betonte sie. Aber je jünger ein Kind, desto lernfähiger sei es.

Das Kita-Team steht aber auch Eltern hilfreich zur Seite, wenn es darum geht, Formulare auszufüllen. Diese Schreiben seien meist recht umfassend und kompliziert aufgebaut, erklärte die Kita-Leiterin. Zustimmendes Nicken im Raum. Selbst wer die deutsche Sprache beherrsche, habe mitunter Probleme, sich da durchzubeißen, hieß es aus den Reihen der Anwesenden. „Antragsformulare für Flüchtlinge müssen unbedingt sprachlich heruntergeschraubt und übersetzt werden“, forderte Bettina Flug.

Feldevert ging weiter auf den Kontakt zwischen Erzieherinnen und Eltern ein. „Am ehesten kommt man über Bastelnachmittage oder ähnliche Aktionen ins Gespräch.“ Von den Vätern werde sie als Frau in leitender Funktion mittlerweile anerkannt.

Kefah Sawalha hat festgestellt, dass es für Frauen in Führungsrollen nicht einfach sei, akzeptiert zu werden. „Ich habe meinen Jugendlichen von Anfang an klar gemacht, dass man respektvoll, höflich und nett miteinander umgehen muss. Inzwischen respektieren sie mich“, berichtete sie aus ihrem Erfahrungsschatz mit jungen männlichen Flüchtlingen und spannte den Bogen zur Generation der Väter. „Kein Vater ist bereit, auf sein Kleinkind aufzupassen, damit die Mutter einen Sprachkurs besuchen kann“, ärgert sie sich. „Ich habe dich geheiratet, damit du die Hausarbeit machst und auf die Kinder aufpasst“, sei das Grundsatzdenken der Männer.

Pastorin Heike Bergmann wies darauf hin, dass Flüchtlinge zerrissen seien zwischen den Welten. Es sei unsere Pflicht, diese Menschen und ganz besonders die Kinder zu unterstützen. „Redet miteinander und geht aufeinander zu und tragt das weiter, worüber wir heute Abend geredet haben“, appellierte Bettina Flug an die Anwesenden dieser interessanten Veranstaltung, die mehr Resonanz verdient hätte.

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