Geplanter Bau eines Krematoriums
Stadt will Kreis auf Problematik hinweisen

ochtrup -

Die Caritaswerkstätten Langenhorst haben gegen den Bau eines Krematoriums in ihrer Nachbarschaft geklagt. Das Einvernehmen der Stadt Ochtrup bezüglich des Bauantrages sei zwar nicht mehr erforderlich, so Bürgermeister Kai Hutzenlaub, die Kommune will den Kreis aber auf die Problematik an der Waldstraße hinweisen. Währenddessen starteten die Caritaswerkstätten eine Unterschriftenaktion.

Samstag, 20.01.2018, 06:01 Uhr

Die Caritaswerkstätten haben gegen den Bau eines Krematoriums an der Waldstraße geklagt.
Die Caritaswerkstätten haben gegen den Bau eines Krematoriums an der Waldstraße geklagt. Foto: Anne Steven

Die Stadt Ochtrup ist, was die Baugenehmigung eines von Investoren geplanten Krematoriums an der Waldstraße angeht, vollständig aus dem Rennen. Handelnde Instanz ist der Kreis. Das betonte Bürgermeister Kai Hutzenlaub jetzt im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Offiziell sind wir nicht mehr dran“, so der Verwaltungschef. Die Kommune müsse bei einem solchen Genehmigungsverfahren, bei dem der Kreis als zuständige Behörde in der Regel eine Stellungnahme der Stadt einfordere, kein Einvernehmen erteilen. Der Grund: Es gibt einen gültigen Bebauungsplan. „Da ist das Einvernehmen nicht mehr erforderlich“, so Hutzenlaub. Trotzdem werde die Stadt darauf hinweisen, dass sie an dem Standort an der Waldstraße in direkter Nachbarschaft zu den Caritaswerkstätten eine Problematik sehe. „Da wird sich der Kreis mit auseinandersetzen müssen, ob diese besonderen Betriebe miteinander harmonieren können. Auf die Begründung bin ich dann gespannt“, sagte Hutzenlaub.

Was die Klage der Caritaswerkstätten gegen die vom Kreis genehmigte Bauvoranfrage der Investoren angeht, sieht Hutzenlaub, der selbst Jurist ist, durchaus gute Chancen für die Werkstätten. „Ich glaube, dass die Caritas Recht bekommen wird. Aber das ist meine persönliche Meinung“, so Hutzenlaub.

Vor allem ein Urteil des Verwaltungsgerichts in Düsseldorf vom 22. November 2017, wonach ein Krematorium in einem Industriegebiet nicht zulässig sei, lässt den Bürgermeister zu diesem Schluss kommen. Ursprünglich habe die Kommune angenommen, dass planungsrechtlich nichts gegen ein Krematorium in einem Gewerbegebiet spräche.

Unter anderem auf dieses Urteil – mittlerweile gibt es laut Auskunft des Caritas-Geschäftsführers Gregor Wortmann derer sogar vier – stützt sich die Klage der Langenhorster Werkstätten. „Die Einäscherung wird als Teil der Bestattung angesehen. Sie ist nicht auf den technischen Vorgang des Verbrennens zu reduzieren. Und das darf nicht in einem Industriegebiet passieren. Es braucht dafür eine würdigere Umgebung“, betonte Wortmann jetzt während eines Pressegesprächs.

Die Caritaswerkstätten starten eine Unterschriftenaktion: (hinten v.l.) Hans Dapper und Anne Fieberg (Eltern- Angehörigen- und Betreuerbeirat), Helma Soba (Vorsitzende des Werkstattrates), Gregor Wortmann (Caritas-Geschäftsführer), Rut Uferkamp (Vorsitzende des Eltern- und Angehörigen und Betreuerbeirates), Andre Herking (Werkstattrat), Alexander Lürwer (Werkstattleiter) und Barbara Tottmann (Sozialer Dienst der Caritaswerkstätten) sowie Ardita Krasniqi (hockend, Werkstattrat).

Die Caritaswerkstätten starten eine Unterschriftenaktion: (hinten v.l.) Hans Dapper und Anne Fieberg (Eltern- Angehörigen- und Betreuerbeirat), Helma Soba (Vorsitzende des Werkstattrates), Gregor Wortmann (Caritas-Geschäftsführer), Rut Uferkamp (Vorsitzende des Eltern- und Angehörigen und Betreuerbeirates), Andre Herking (Werkstattrat), Alexander Lürwer (Werkstattleiter) und Barbara Tottmann (Sozialer Dienst der Caritaswerkstätten) sowie Ardita Krasniqi (hockend, Werkstattrat). Foto: Anne Steven

Ein weiterer und für die Caritaswerkstätten viel wesentlicheres Argument gegen ein Krematorium an der Waldstraße ist allerdings, dass die Beschäftigten dort nicht mit einem solchen Betrieb in ihrer direkter Nachbarschaft umgehen könnten (WN berichteten). Deshalb startet der Werkstattrat zusammen mit dem Eltern- und Angehörigen-Beirat eine Unterschriftenaktion. „Die unmittelbare und tägliche Konfrontation mit der Leichenverbrennung ist für die meisten Beschäftigten eine Zumutung und eine emotionale Belastung“, fasste Ruth Uferkamp vom Eltern- und Angehörigen-Beirat zusammen. Das Thema Tod sei für viele Beschäftige ohnehin ein schweres, da es für sie kaum greifbar sei. „Man merkt schon jetzt, dass das Thema nachwirkt.“

So berichtet die Vorsitzende des Werkstattrates, Helma Soba, von einer Situation während der Arbeit in der Druckerei. Eine Kollegin, die zuvor von dem geplanten Bau eines Krematoriums erfahren habe, sei plötzlich in Tränen ausgebrochen. Der Tod ihres Vaters, der bereits einige Jahre zurückliegt, sei wieder hochgekommen.

Auch Ardita Krasniqi (Werkstattrat) bekommt mit, dass sich die Stimmung in den Werkstätten verändert hat. „Viele haben Angst. Beim Feueralarm am Donnerstag haben viele Panik bekommen und angefangen zu weinen“, berichtet sie von der Situation beim Fehlalarm während des Sturms Friederike. Es werde für das Betreuungspersonal sehr schwierig, betonte Barbara Tottmann vom Sozialen Dienst der Werkstätten. Auch lasse sich ein Krematorium kaum vor den Beschäftigen verheimlichen. Schon das normale Alltagsleben sei für die Behinderten manchmal überfordernd. Wie könnten sie da verarbeiten, dass in ihrer direkten Nachbarschaft menschliche Leichen verbrannt würden.

Diese Überforderung äußere sich in vielerlei Hinsicht. Einige Beschäftigte zögen sich zurück, seien einfach sehr traurig. Andere entwickelten Depressionen, manche aggressives Verhalten – auch gegen sich selbst. Vor allem die Schwerstmehrfachbehinderten, so Tottmann, könnten sich in vielen Fälle nicht oder kaum über Gespräche oder Ablenkung entlasten. Eine erleichternde Verarbeitung der Thematik sei für sie vielfach kaum möglich. Krisen, Erkrankungen und Betreuungsabbrüche seien in der Folge zu erwarten, wenn das Krematorium an der Waldstraße in Betrieb gehen dürfe. „Das Thema Tod gewinnt durch das Krematorium an Dominanz. Das ist anders, als wenn eine Person aus den Caritaswerkstätten stirbt“, versuchte Werkstattleiter Alexander Lürwer die Problematik zu verdeutlichen. Die Unterschriftenaktion richtet sich vor allem an die Politiker im Ochtruper Stadtrat, von denen sich die Caritaswerkstätten Unterstützung für ihr Anliegen erhoffen. Eigens für die Aktion wurde eine Internetseite eingerichtet, auf der die Petition auch online – neben der Papierversion, die in den Werkstätten und im Café Knitterfrei ausliegt – unterstützt werden kann.  

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