Ochtruper und Steinfurter wegen Sachbeschädigungen vor Gericht
Mobbing als Auslöser

ochtrup/Rheine -

Zwei junge Männer aus Ochtrup und Steinfurt mussten sich am Montag vor dem Jugendschöffengericht in Rheine verantworten. Der Vorwurf: Sachbeschädigung in 78 Fällen. Schaden: circa 250 000 Euro. Der Grund: Mobbing.

Dienstag, 11.09.2018, 07:00 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 11.09.2018, 07:00 Uhr
Zwei Junge Männer standen in Rheine vor Gericht.
Zwei Junge Männer standen in Rheine vor Gericht. Foto: dpa

Unerträgliches Mobbing in der Schule war offenbar der Auslöser für eine Serie von Straftaten, bei der zwischen Februar und März 2017 insgesamt 74 Fahrzeuge in Steinfurt, Horstmar und Altenberge beschädigt wurden. An vier Bushaltestellen in Altenberge und Steinfurt schlugen die Täter zudem Glasscheiben ein. Zwei 20 und 21 Jahre alte Männer aus Steinfurt und Och­trup standen deswegen am Montag in Rheine vor dem Jugendschöffengericht.

Der Ochtruper schätzte den Sachschaden, für den sie aufkommen müssen, auf 250 000 Euro. Beide Angeklagten legten ein umfassendes Geständnis ab. „Warum haben Sie das gemacht? Mit jedem Schlag wurde der Schuldenberg größer. Das wird Ihr Hauptproblem sein“, machte der Richter nach der Anklageverlesung deutlich. Während der 20-jährige Steinfurter kein Wort herausbrachte, bekannte der Ochtruper Farbe: „Ich habe mir dabei vorgestellt, dass es die Gegenstände von den Leuten sind, die mich über Jahre gemobbt haben.“ Ihre Taten beschrieben die Angeklagten als eine Mischung aus Mutprobe, Frust und Wut. „Als ich die erste Scheibe eingeschlagen habe, fühlte sich das befreiend an, aber es war der größte Fehler meines Lebens“, sagte der Angeklagte aus Ochtrup.

Im Radio hätten sie von solchen Taten gehört und plötzlich den Plan gehabt, so etwas auch zu tun. Der Ochtruper fuhr den Pkw und verdeckte das Kennzeichen. Als eine Geschädigte den Knall hörte, rief sie die Polizei, so flogen die beiden auf. „Es waren überall Glassplitter im Auto“, sagte ein Kriminalbeamte als Zeuge aus. Die Angeklagten hätten sofort alles zugegeben. „Das Ganze hat sich verselbstständigt“, glaubte der Jugendgerichtshelfer, weil beide Angeklagten in relativ normalen Verhältnissen aufgewachsen seien.

Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer ein Jahr mit Bewährung gegen sie. Er ging von schädlichen Neigungen sowie der Schwere der Schuld aus und sagte: „Das Motivbündel für eine solche Serie über fünf Wochen ist schwer nachvollziehbar.“

Das Gericht indes sah die schädlichen Neigungen als nicht sicher bestätigt an und verhängte noch keine Jugendstrafe, sondern stellte beide wegen Sachbeschädigung für zwei Jahre unter Bewährung ohne festes Strafmaß.

Diese Maßnahme gibt es nur im Jugendstrafrecht, um den Lebensweg und die berufliche Laufbahn der Angeklagten nicht dauerhaft zu zerstören. Die Verurteilten werden einem Bewährungshelfer unterstellt und müssen Kontakt zu einer Schuldnerberatung aufnehmen sowie 50 Sozialstunden leisten. „Das ist eigentlich sehr wenig“, sagte der Richter in der Urteilsbegründung. Aber das Gericht gehe davon aus, dass beide, die nie strafrechtlich aufgefallen waren, durch die Schulden und die Gerichtsverhandlung geläutert seien. „Wenn Sie sich an die Auflagen halten, erlischt der Schuldspruch nach zwei Jahren. Werden Sie erneut straffällig, sehen wir uns wieder, und dann geht es nicht so glimpflich aus“, mahnte der Richter eindringlich.

In ihrem letzten Wort hatten die beiden jungen Männer geschworen, nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt geraten zu wollen. Inzwischen haben sie ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und feste Arbeitsplätze, die nicht gefährdet werden sollen – auch im Hinblick auf den Schadenersatz, wie der Richter konstatierte.

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