Lebensrhythmus in Spanien
Wo die Uhren anders ticken

Madrid / Ochtrup -

Mit dem frühem Aufstehen hatte unser Autor Maximilian Stascheit eigentlich nie Probleme. Doch seit er in Madrid studiert, wird er langsam zum Langschläfer. Denn dort ticken die Uhren anders.

Samstag, 06.10.2018, 08:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 06.10.2018, 08:00 Uhr
Das „Tor der Sonne“: Geschäftiges Treiben auf dem Platz „Puerta del Sol“ in Madrid.
Das „Tor der Sonne“: Geschäftiges Treiben auf dem Platz „Puerta del Sol“ in Madrid. Foto: Maximilian Stascheit

Eigentlich war ich noch nie ein wirklicher Langschläfer. Morgens relativ früh aus dem Bett zu kommen, das ist mir in meinen bisher 20 Lebensjahren meist nicht sonderlich schwergefallen. Doch nach rund einem Monat, in dem ich jetzt in der spanischen Hauptstadt lebe, scheint sich mein Körper langsam, aber sicher dem hiesigen Lebensrhythmus anzupassen. Denn in Spanien – das wurde mir schon in den ersten Tagen klar – ticken die Uhren einfach etwas anders. Und das in vielerlei Hinsicht.

Wenn die Kurse in der Uni um neun Uhr beginnen – was bei mir dreimal in der Woche der Fall ist – dann ist das schon ausgesprochen früh. Die meisten Läden und Supermärkte haben zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geöffnet. In meiner ersten Unterrichtswoche wollte ich vor der Uni schon ein paar Einkäufe erledigen – ein typischer Anfängerfehler. Vor zehn Uhr geht selbst in der Weltmetropole Ma­drid nicht sonderlich viel. Nur die Bäckerei- und Kioskbetriebe in der U-Bahn-Station hatten ein Herz für frühaufstehende Studenten und bewahrten mich davor, den Tag in der Uni mit nüchternem Magen antreten zu müssen.

Denn das Familienfrühstück, wie wir es in Deutschland gewohnt sind, kennen die Spanier in dieser Form weniger. Was auch daran liegt, dass sich das Leben hier allgemein viel mehr auf der Straße, in Bars oder Cafés als in den eigenen vier Wänden abspielt. Schon vor der Arbeit treffen sich die Spanier gerne mit Freunden oder Kollegen in einer Bar auf einen Milchkaffee und verspeisen unglaublich populäre Süßbackwaren. Wahre Kalorienbomben, aber ausgesprochen lecker. Nur gute Brötchen, wie ich sie aus der Heimat liebe, habe ich hier bisher vergeblich gesucht.

Wenn die ersten Arbeitsstunden gegen elf Uhr verrichtet sind, geht der Spanier auch schon zum zweiten Frühstück über, das sowohl ähnlich süß und kalorienhaltig wie das erste ausfallen kann, oftmals aber auch herzhaft in Form von Sandwiches oder sogenannten Bocadillos daherkommt. Was ich immer noch gleichermaßen amüsiert und entsetzt zur Kenntnis nehme, ist der ausgeprägte Alkoholkonsum der Einheimischen. Schon wenn man am späten Morgen durch die Straßen schlendert, sieht man überall Bier und Sangria trinkende Menschen in den Straßencafés sitzen. Erst kürzlich beobachtete ich eine meiner Professorinnen, wie sie sich um elf Uhr in der Mensa der Fakultät ein Croissant und ein Bier bestellte. Stabiles Frühstück, würde ich sagen.

Maximilian Stascheit trinkt lieber Café con leche als Bier zum Frühstück.

Maximilian Stascheit trinkt lieber Café con leche als Bier zum Frühstück. Foto: Kevin Poll

Das muss dann aber auch für einige Stündchen halten, denn auch das Mittagessen steht bei den Spaniern deutlich später auf dem Programm. Pünktlich um zwölf Uhr in die Mensa zu gehen, wie ich das an meiner Uni in Bochum gerne tue, ist hier ein Ding der Unmöglichkeit. Denn die meisten Küchen haben zu dieser Uhrzeit noch gar nicht geöffnet. Erst zwischen 14 und 16.30 Uhr isst man hier üblicherweise die erste warme Mahlzeit und läutet damit die Siesta ein – eine ausgeprägte Mittagspause. Ich gebe es zu: An dieses Element des spanischen Tagesrhythmus habe ich mich am ehesten gewöhnt. Man nutzt die Zeit entweder für ein Schläfchen oder verabredetet sich mit Freunden und Kollegen in einer Bar, bevor es am Nachmittag wieder an die Arbeit geht.

Wenn die Sonne dann um 20 Uhr untergeht, ist der Tag allerdings noch lange nicht vorbei. Auch an Wochentagen pulsiert das Leben bis in die späten Abendstunden auf der Straße. Ich selber nutze die Abende gerne für einen kleinen Spaziergang und genieße den Sonnenuntergang in einem der wunderschönen Parks. Nur mit dem späten Abendessen – die Spanier treffen sich gerne mal um 21 Uhr noch auf ein paar Tapas – mag ich mich bisher noch nicht wirklich anfreunden.

Wohl aber mit dem verhältnismäßig späten Tagesbeginn, sofern es die Uni zulässt. Kürzlich bin ich tatsächlich erst gegen Mittag aus dem Bett gekommen. Kaum zu glauben.

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