Ein Besuch auf dem Friedhof
Nicht nur ein Ort für Trauer

Ochtrup -

Am Donnerstag begeht die katholische Kirche das Fest Allerheiligen. Viele Ochtruper richten in den Tagen vor dem 1. November die Gräber ihrer Angehörigen her, zünden Kerzen an. Doch ist der Friedhof nur ein Ort für Tod und Trauer? Mathilde Beile, die seit mehr als 50 Jahren direkt nebenan wohnt, findet das nicht. Für sie ist der Friedhof sogar ein wunderschöner Ort.

Donnerstag, 01.11.2018, 06:00 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 01.11.2018, 06:00 Uhr
Für Mathilde Beile, deren Familie die Gärtnerei am Oster-Friedhof betreibt, ist der Friedhof nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch Natur und damit Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Außerdem ist es dort wunderschön, findet die 76-Jährige.
Für Mathilde Beile, deren Familie die Gärtnerei am Oster-Friedhof betreibt, ist der Friedhof nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch Natur und damit Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Außerdem ist es dort wunderschön, findet die 76-Jährige. Foto: Anne Steven

Schon mal im Dunkeln über den Friedhof spaziert? Mit ihm verbinden die meisten Menschen Tod, Trauer und in vielen Fällen auch ein gewisses Unbehagen. Nur warum ist das so? Der gesunde Menschenverstand sagt dem Spaziergänger: „Hier hast du nun wirklich nichts zu befürchten!“ Und Mathilde Beile sagt das auch. Seit mehr als 50 Jahren lebt und arbeitet sie mit ihrem Mann Josef direkt neben dem Friedhof in der Oster. Ihre Familie betreibt dort eine Gärtnerei. Unbehagen? Grusel gar, weil der Friedhof direkt nebenan ist? Keine Spur!

Hochbetrieb auf dem Friedhof

Gerade herrscht am Friedhof Hochbetrieb. Es ist kurz vor Allerheiligen, und gefühlt sind alle Ochtruper auf den Beinen, um die Gräber ihrer Verstorbenen herzurichten. Klar, dass auch Familie Beile in diesen Tagen mächtig viel zu tun hat. Doch auch dann findet Mathilde Beile Muße für einen kurzen Spaziergang über „ihren Friedhof“. „Ganz früh morgens, wenn noch niemand hier ist, dann ist es am schönsten“, erzählt sie strahlend und umfasst mit einer ausladenden Handbewegung das ganze Gelände.

Vor allem die alten und mächtigen Bäume haben es der Och­truperin, die die Natur liebt, angetan. „So ein Friedhof ist schließlich auch Lebensraum“, meint sie. Ganz spontan fallen ihr da die vielen Vögel ein, Eulen sogar, aber auch zahlreiche Insekten. Imker Ferdi Becker, erzählt sie, habe auf einer Wiese hinter dem Friedhof ein paar Bienenvölker stehen. Und Kaninchen bevölkern den Friedhof natürlich ebenso wie Mäuse. Aber die müssen sich jetzt seit Kurzem in Acht nehmen. Denn zwar ungebeten, aber nicht unwillkommen hat ein kleiner, grauer Stubentiger die offenbar vakante Stelle der Friedhofskatze übernommen.

Die vielen Bäume machen natürlich auch jede Menge Dreck. Im Frühling Blüten, und im Herbst fallen die Blätter. „Viele Leute, die hier die Gräber pflegen, ärgert das“, weiß Mathilde Beile. Doch sie findet, ohne die Bäume würde der Friedhof seinen Charme verlieren.

„Früher gab es bei der Grabgestaltung nicht so viel Auswahl“, sagt Mathilde Beile. Im Sommer kamen Tagetes oder Begonien aufs Grab, zum Winter Stiefmütterchen. Letztere sind auch heute noch echte Klassiker.

„Früher gab es bei der Grabgestaltung nicht so viel Auswahl“, sagt Mathilde Beile. Im Sommer kamen Tagetes oder Begonien aufs Grab, zum Winter Stiefmütterchen. Letztere sind auch heute noch echte Klassiker. Foto: Anne Steven

Grabgestaltung

Die Liebe und der Bezug zur Natur, die Mathilde Beile verinnerlicht hat, sei vielen Menschen ein bisschen abhanden bekommen, hat sie festgestellt. „Alles muss sehr sauber sein.“ Und das mache sich dann auch in der Grabgestaltung bemerkbar. So sind auf vielen Gräbern inzwischen Kieselsteine oder Schotter zu finden – fein säuberlich eingerahmt von ein paar wenigen Pflanzen. „Die Leute denken, dann hast du Ruhe und brauchst dich nicht so oft kümmern“, kennt die 76-Jährige die Beweggründe.

Doch das Unkraut bahne sich auch durch Folien- und Steinschichten seinen Weg. Und das Laub müsse ohnehin zwischen den Steinen herausgesucht werden. Deshalb hätten einige dieser Art der Grabgestaltung auch schon den Rücken gekehrt. Eine gute Alternative: Bodendecker. Mathilde Beile empfiehlt an dieser Stelle zum Beispiel Waldsteinia – ein gelb blühender, immergrüner Bodendecker – oder den Klassiker Cotoneaster, eine pflegeleichte Zwergmispel, die sich schnell ausbreitet und Unkraut wirkungsvoll unterdrückt.

Früher gab es bei der Grabgestaltung viel weniger Auswahl als heute. „Im Sommer nahm man Tagetes oder Begonien, im Winter kamen Stiefmütterchen aufs Grab.“ Heute macht die Heide den Stiefmütterchen Konkurrenz. „Man hat ein bisschen Farbe. Außerdem sind sie frostfest“, kennt die Fachfrau die Vorzüge beider Pflanzen.

Gerade fährt ihr Mann Josef mit dem alten VW-Bulli an ihr vorbei. Der 79-Jährige hebt grüßend die Hand. Doch Zeit für einen Plausch hat er nicht. Er muss weiter. „Es gibt bis Allerheiligen noch jede Menge zu tun“, weiß Mathilde Beile. Denn der Friedhof will für diesen stillen Feiertag herausgeputzt sein. Da gilt es noch, einige Gräber zu bepflanzen, Wege zur harken und vom Laub zu befreien, und auch einige Hecken müssen noch geschnitten werden. Aber zu ordentlich soll es nicht werden. „Wenn das Laub von den Bäumen fällt, ist das ja auch irgendwie Leben und Tod“, hat der Wandel der Jahreszeiten für Mathilde Beile Symbolkraft.

Keine Frage, Tod und Trauer sind auf einem Friedhof immer präsent. Er böte eben auch Raum für Trauernde. „Manche kommen jeden Tag zu einem Grab“, weiß die 76-Jährige. „So ein Spaziergang hierher, die Aufgabe, das Grab zu pflegen und es schön herzurichten, das gibt dem Tag Struktur“, hat sie gelernt. Und Mathilde Beile weiß auch um die wohltuende Wirkung eines kurzen Plausches, ein paar nette Worte, die Frage nach dem Befinden, „einen schönen Tag noch“. Das helfe bei der Trauerbewältigung. Der Friedhof, damit auch ein Ort der Begegnung, des Zusammenkommens, des Erinnerns.

Kaum vorstellbar, dass man sich hier gruseln könnte, oder? Vielleicht ist es einfach der Blickwinkel, den es zu verändern gilt. Schon mal im Dunkeln über den Friedhof spaziert?

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