Ochtrup einst und heute: Hubertusheim
Wilde Zeiten im alten Hubi

ochtrup -

Wilde Geschichten von mindestens ebenso wilden Partys ranken sich um das ehemalige Hubertusheim, das im Schatten der Pfarrkirche einst der Treffpunkt der Jugend war. Betreuer von damals erinnern sich im Rahmen der Adventsserie „Ochtrup einst und heute“.

Samstag, 01.12.2018, 15:00 Uhr
Aus dem Hubertusheim, das im Schatten der Pfarrkirche für die Jugend reserviert war, ist heute ein schmuckes Hotel geworden.
Aus dem Hubertusheim, das im Schatten der Pfarrkirche für die Jugend reserviert war, ist heute ein schmuckes Hotel geworden. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

In einer Sache scheinen sich alle einig zu sein: Wer auch immer seine Jugend im Hubertusheim verbracht hat, es muss eine wilde Zeit gewesen sein – egal wann.

Reinhard Leusder zum Beispiel kennt das ehemalige Jugendzentrum der Kirchengemeinde noch aus seinen Anfängen in den 1960er-Jahren. Als junger Messdiener war er bei dem legendären „Stadtspiel“ des damaligen Kaplans dabei. „Das alte ‚Hubi’ sollte damals abgerissen werden“, erzählt das Ochtruper Urgestein. Eigentlich sei es eine wilde – schon wieder – Abrissparty gewesen. Denn das Spiel des Kaplan sah vor: Während die Pfadfinder und Oberministranten das abrissreife Gebäude verteidigten, sollten es die jüngeren Messdiener angreifen. „Das war mal eine wirklich wilde Aktion“, erinnert sich Reinhard Leusder gerne und mit leuchtenden Augen zurück. Stühle seien damals aus den Fenstern geflogen und hier und da habe es gar ein bisschen gebrannt.

In dem Neubau ging es dann aber nicht zahmer zu. Die Jugendlichen lebten den Geist ihrer Zeit. So war das Hubertusheim die Geburtsstätte der „Schaukelstuhl-Redaktion“ (wir berichteten) ebenso wie einer der ersten Ochtruper Bands, wie Reinhard Leusder erzählt. Les Coqs (zu deutsch: die Hähne) spielten den Beat der 1960er-Jahre und manchmal stand besagter Kaplan mit ihnen auf der Bühne und schmetterte „Marmor, Stein und Eisen bricht“.

Die Jugendlichen richteten mit Genehmigung der Kirchengemeinde eine Diskothek ein – inklusive selbstgemauerter Theke. „Samstags nach der Abendmesse wurde dann bis Mitternacht gefeiert“, berichtet der 68-Jährige. Doch nicht überall kamen die Partys gut an. „Ich glaube, Pfarrgemeinderat und der Pastor hätten das Ganze schon nach der zweiten Auflage am liebsten wieder geschlossen“, meint Reinhard Leusder grinsend.

Und es gab auch durchaus „körperliche Auseinandersetzungen“ wie der Ochtruper so manches Aufeinandertreffen mit einem „Clübchen aus Gronau“ nett umschreibt. Einmal sei ein junger Mann verprügelt worden und nachher mit einem Gewehr im Hubi aufgetaucht. Doch das mutige und entschlossene Einschreiten von Kaplan Bernhard Lübbering, der zu diesem Zeitpunkt das Amt von seinem Vorgänger übernommen hatte, habe Schlimmeres verhindert. „Der Junge hat das Gewehr gesenkt und bitterlich angefangen zu weinen“, erinnert sich Reinhard Leusder noch gut an diese wilde Zeit.

Wild empfindet auch ein anderer Reinhard seine Zeit im Hubertusheim rückblickend. Reinhard Vinkelau – den meisten Ochtrupern als „Madness“ bekannt – übernahm 1998 die Leitung des Jugendzentrums. Der 51-Jährige ist in Metelen und dem dortigen Jugendtreff groß geworden, wie er sagt. Ins Hubertusheim nach Ochtrup kam er damals nicht. „Das war ein No-Go“ meint er mit einem Grinsen. Auf die Stelle als Leiter des Ochtruper Jugendzen­trums bewarb sich Madness trotzdem – und bekam sie auch noch. Anfangs habe er schon gedacht: „Alter, was kommt jetzt auf dich zu?“ Doch dann sei es „Liebe auf den ersten Blick gewesen“. Die Jugendlichen im Hubi hätten eine unruhige Zeit mit vielen Personalwechseln hinter sich gehabt. Madness brachte – man glaubt es kaum – Ruhe und Beständigkeit hinein. „Das war ein guter Boden, nur eben ein bisschen verwildert“, erinnert sich der Ochtruper sehr genau an die Jugendlichen von einst, die mit echtem Elan und Tatkraft bei der Sache waren.

Jugendkulturabende wurden zum Kern seiner Tätigkeit – neben dem normalen Betrieb, versteht sich. Und erneut gab es Live-Auftritte im Schatten der Kirche. „Am Abend nach dem ersten Konzert, kam einer der Jugendlichen zu mir gelaufen und rief ganz aufgeregt: ‚Madness, Madness, das Hubi brennt’“, erzählt der Sozialpädagoge. Sein Grinsen verrät ihn an dieser Stelle: Natürlich ist das Jugendzentrum nicht abgebrannt. Lediglich eine Nebelmaschine unter der Bühne hatte sich verselbstständigt und das komplette Gebäude eingenebelt. „Das war schon eine wilde Premiere“, muss der Ochtruper heute noch lachen.

Neben den engagierten Jugendlichen taten auch viele Zivis ihren Dienst im Jugendzentrum. Mancher Kontakt bestehe bis heute, betont Reinhard Vinkelau. Die Jugendlichen organisierten derweil Konzerte mit Bands aus aller Welt, Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen. Eine Gruppe Mädchen kümmerte sich um die Verpflegung der Bands. „Das war auch ein wichtiger Teil der Kulturgruppe“, ist Madness überzeugt. Er selbst sieht das Jugendzentrum als Schnittstelle. Die Jugendlichen hätten sich damals, weil sie sich so stark einbrachten, wahnsinnig mit dem Hubi identifiziert.

Doch bei all den schönen Erinnerungen sind Reinhard Vinkelau auch die Konflikte zwischen den Jugendlichen im Gedächtnis geblieben. „Das war nicht immer einfach“, gibt er zu. Der Jugendtreff wurde 2008 geschlossen uns zog ins Jugendcafé Freiraum im Georgsheim neben der Marienkirche um. Das alte Hubertusheim wurde an einen Investor verkauft, der aus dem Gebäude ein Hotel machte.

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