Ochtrup einst und heute
Die Kirmes für Zuhause

Ochtrup -

Die „Kirmes für Zuhause“, das war und ist für viele Ochtruper immer noch das Alpenbrot. Familie Kracke kreierte diesen Jahrmarkt-Klassiker in den 1950er-Jahren als für sie das Kirmesgeschäft und der Verkauf von Süßwaren richtig losging. Die Dampfbäckerei am Marktplatz gab es da schon viele Jahre.

Dienstag, 04.12.2018, 06:00 Uhr
Das Haus von Familie Kracke im Februar 1961 mit Dampfbäckerei und Lebensmittelgeschäft. .
Das Haus von Familie Kracke im Februar 1961 mit Dampfbäckerei und Lebensmittelgeschäft. . Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Lebkuchen? Die verbindet doch jeder direkt mit Weihnachten, oder? Bei Helmut Kracke ist das ein bisschen anders. Dem Ochtruper Urgestein fällt da eine andere Zeit des Jahres ein: die Kirmes. Im Jahr 1911 eröffnete sein Vater Heinrich Kracke am Marktplatz eine Dampfbäckerei. Heute ist dort die Arztpraxis Gesenhues beheimatet. Doch früher wurden dort mehr Lebkuchen verkauft als die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Als Bäckergeselle ging man damals noch – wie heute so mancher Zimmermann – auf Wanderschaft. Aus dieser Zeit stammt das Lebkuchenrezept der Familie Kracke. „Da hat mein Vater das Lebkuchenbacken gelernt“, erzählt Helmut Kracke. Für die Hausbäckerei der Familie war das nur gut. Denn sie brachte nicht genügend ein; die Lebkuchen lieferten da einen willkommenen Nebenverdienst.

Zunächst verkaufte der Vater den zu Herzen geformten Lebkuchen auf Schützenfesten, später auf der Kirmes. Von seinen acht Kindern erlernten zwei den Beruf des Bäckers – auch Helmut Kracke.

Richtig begeistert sei er damals nicht gewesen. Doch weil die älteren Brüder im Krieg als Soldaten eingezogen worden waren, musste der jüngste Sohn ran.

In dieser Zeit wurde auch die Kirmesbäckerei aufgezogen. Die Spezialität der Familie neben den süßen Herzen: das in der Töpferstadt legendäre Alpenbrot. Lange Stränge des Lebkuchenteigs wurden dafür zunächst im Ganzen gebacken, danach in kleine Stücke geschnitten und mit einer kakaohaltigen Zuckerglasur vollendet. Viele Jahre war das Handarbeit, später seien dann auch Maschinen zum Einsatz gekommen, erinnert sich Helmut Kracke.

Im Jahr 2006 war in dem Haus am Marktplatz ein Versicherungsbüro beheimatet.

Im Jahr 2006 war in dem Haus am Marktplatz ein Versicherungsbüro beheimatet. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Anfang der 1950er-Jahre übernahm sein älterer Bruder Karl die Bäckerei, Willi führte den kleinen angeschlossenen Edeka-Laden weiter. Sein letztes Lehrjahr absolvierte Helmut bei seinem Bruder. Doch so richtig Feuer fing der heute 89-Jährige für das Bäckerhandwerk nicht. Viel lieber half er da im mittlerweile gewachsenen Familienbetrieb beim Verkauf des Naschwerks mit. „Wir waren die erste Süßwarenbude nach dem Krieg“, erzählt Helmut Kracke nicht ohne Stolz. Nach der Währungsreform sei es dann so richtig losgegangen. „Ich habe später gar nicht mehr in der Bäckerei gestanden“, erzählt der 89-Jährige. Fortan arbeitete er auf dem Verkaufswagen oder in der Losbude auf der Kirmes in sämtlichen Städten im Umkreis.

Und so manchem Kunden verkaufte die Familie Kracke – auch die Frauen halfen fleißig mit – während dieser Zeit „die Kirmes für Zuhause“, wie das Alpenbrot liebevoll genannt wurde. Zentnerweise musste produziert werden. „Wir hatten eine Glasiermaschine, die war so groß wie ein Betonmischer“, blickt der Rentner lachend zurück.

Seit fast 30 Jahren ist er mittlerweile im Ruhestand. „50 Jahre bin ich da mitgeturnt. Da war es dann auch gut gewesen. Und die Jungen haben übernommen“, freut sich Helmut Kracke, dass die Familientradition, wenn heute auch ganz anders als zu seiner Zeit, fortgeführt wird.

Ob er heute noch in der Küche steht und backt? „Manchmal noch ein Brot, wenn die Enkelkinder kommen“, erzählt er. Doch Lebkuchen, nein, diese Zeit sei vorbei. Obwohl die Süßwaren von heute kaum mehr an die Handwerkskunst von einst heranreichen würden.

Ach so, und ein bisschen hatten die Lebkuchen von Familie Kracke übrigens doch mit Weihnachten zu tun, wie Helmut Krackes Frau Hedwig noch einfällt. Denn in der Adventszeit produzierten die Bäcker hübsch dekorierte Lebkuchenhäuschen.

Heute befindet sich am Marktplatz die Arztpraxis Gesenhues.

Heute befindet sich am Marktplatz die Arztpraxis Gesenhues. Foto: Anne Steven

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