Änne Wessling wuchs in den 20er Jahren an der Dränke auf
Das Kittchen in der Nachbarschaft

Ochtrup -

Änne Wessling ist Jahrgang 1922 und in Ochtrup aufgewachsen. Ihre Kindheit spielte sich rund um ihr Elternhaus an der Dränke ab. Derzeit verändert sich der Bereich stark. Doch die Ochtruperin weiß noch ganz genau, dass früher im Hof des Alten Rathauses ein Kittchen war.

Samstag, 08.12.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 10.12.2018, 09:48 Uhr
So in etwa sah die Ecke Bültstraße/Dränke in den Kindertagen von Änne Wessling aus. Links ist das Alte Rathaus zu sehen.
So in etwa sah die Ecke Bültstraße/Dränke in den Kindertagen von Änne Wessling aus. Links ist das Alte Rathaus zu sehen. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Wenn Änne Wessling heute am Dränkekreisel vorbeikommt, werden bei der 96-Jährigen Erinnerungen wach. Denn dort, wo sich gerade baulich jede Menge bewegt, ist die Ochtruperin aufgewachsen. Immer in Sichtweite: das damalige Kittchen der Töpferstadt.

Wenn sie heute von ihrer Kindheit in direkter Nachbarschaft zum heutigen Alten Rathaus erzählt, in dessen Hof ( Wall) sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Ochtruper Gefängnis befunden hat, schauen sie viele Menschen ungläubig an. „Dann kommt immer die Frage: ‚Was, ein Kittchen in Och­trup?’“, erzählt Änne Wessling schmunzelnd.

1922 wurde sie als ältestes von vier Kindern in dem Haus ihrer Eltern an der Dränke geboren. Die Adresse lautete damals Wigbold 85². Es war das Haus direkt neben dem jüngst abgerissenen Gebäude. Im Hintergrund sieht man auf dem freigelegten Gelände noch ein paar Maurerreste. „Das muss das Polizeihaus gewesen sein“, ist sich Änne Wessling sicher. Und was wäre solch ein Polizeihaus ohne Kittchen? Besagte Zelle hatte ein nahezu vollständig verblendetes Fenster zur Straße raus. Wenn Änne Wessling mit ihren Geschwistern und Freunden beim Spielen dort vorbeikam, konnte sie oftmals die Gefangenen reden hören. „Die haben manchmal nach uns Kindern gerufen“, erinnert sich die alte Dame zurück. Was die Eingesperrten wollten? „Wir sollten ihnen Zigaretten holen“, erzählt Änne Wessling lachend. Das Kleingeld wurde in eine Regenrinne unterhalb der Verblendung geworfen, den gleichen Weg nahmen die von den Kindern besorgten Glimmstängel wieder zurück.

Dieses Bild zeigt die Nachbarkinder an der Dränke mit Bernhard Rehers (o.r.) bei einem Kinderschützenfest 1939.

Dieses Bild zeigt die Nachbarkinder an der Dränke mit Bernhard Rehers (o.r.) bei einem Kinderschützenfest 1939. Foto: Privatbesitz Änne Wessling

Doch das sei nicht der einzige Kontakt der Nachbarskinder mit den Gefangenen gewesen. Änne Wessling hat noch heute den damaligen Ortspolizisten in Erinnerung. „Onkel Niehues war damals der einzige Polizist in Ochtrup“, erzählt sie. Und wenn er den Insassen des Kittchens Essen brachte, durfte manchmal eines der Kinder aus der Nachbarschaft mitgehen. Gefürchtet habe sie sich nie, sagt Änne Wessling. Und auch ihre Eltern und die ihrer Spielkameraden fanden den Umgang keineswegs verwerflich. Der Umstand, dass sich das Ochtruper Gefängnis in direkter Nachbarschaft befand, wurde einfach hingenommen. „Die hatten ja meistens nur Kleinigkeiten verbrochen“, sagt Änne Wessling. Das Kittchen gehörte einfach genau wie alle anderen Häuser, Höfe, Wiesen und Flächen zum Alltag der Ochtruper Familien dazu.

Das Foto zeigt eine Nachbarin vor dem Haus der Familie Wessling. Die Adresse hieß damals noch Wigbold 85².

Das Foto zeigt eine Nachbarin vor dem Haus der Familie Wessling. Die Adresse hieß damals noch Wigbold 85². Foto: Privatbesitz Änne Wessling

Auf diesem Spielplatz, rund um die Dränke und die Alte Maate, wuchs Änne Wessling auf. Ihre Kindheit hat sie in guter Erinnerung. Mit ihren Geschwistern sowie den Mädchen und Jungen aus den umliegenden Häusern wurde sie mit vielen Freiheiten groß. Gespielt wurde mal hier, mal dort und meistens draußen. „In der Schmiede von Rehers waren wir oft“, erinnert sich die Ochtruperin. Was es dort für die Kinder gab? Na, einen Lehmboden. „Dort durften wir kleine Löcher machen und knickern“, weiß Änne Wessling noch ganz genau. Der Bruder des Schmieds, Bernhard Rehers, sei etwas behindert gewesen. Er beschäftigte sich oft mit den Nachbarskindern, schnitzte Spielzeug und ähnliches. Gespielt wurde auch auf den Wiesen rund um die Alte Maate („Da haben wir immer Schlüsselblumen gepflückt“) und im Park der Villa Winkel. Die ausgedehnten Flächen boten viele Möglichkeiten. Im Winter liefen die Kinder Schlittschuh auf dem Teich, im Sommer besuchten sie „Onkel Beile“ in seinem Gärtnerhaus und bekamen Blumenableger geschenkt.

In den 1950er Jahren zog Familie Wessling von der Dränke weg. In den Jahren darauf veränderte sich der Bereich stark. Die Straße musste verbreitert und drei Häuser – darunter auch das Elternhaus von Änne Wessling – abgerissen werden. Es wurde aber später wiederaufgebaut. Genauso wie das Haus der Boczeks. Die Familie sei aber bereits eher weggezogen und habe das Haus an den Schuster Beckwermert verkauft, erzählt Änne Wessling. Dieser baute nach dem Abriss an der Dränke neu und richtete dort seine Werkstatt ein.

Heute stehen dem früheren Spielplatz von Änne Wessling wieder zahlreiche Veränderungen bevor. Aber ihre Erinnerungen, die bleiben. „Es war eine schöne Zeit“, sagt sie.

o sieht es rund um das Alte Rathaus an der Bültstraße heute aus. In seinem Hinterhof stand früher das Polizeihaus.

o sieht es rund um das Alte Rathaus an der Bültstraße heute aus. In seinem Hinterhof stand früher das Polizeihaus. Foto: Anne Steven

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