Die Ära Struck im ehemaligen Jugendheim
„Da liefen alle hin“

Ochtrup -

Das ehemalige Jugendheim an der Piusstraße war früher der Treffpunkt für viele junge Menschen in Ochtrup. Familie Struck führte dort viele Jahre eine Schneiderwerkstatt und betrieb die Wirtschaft. Für die Serie „Ochtrup einst und heute“ blicken Gisela Struck und Irmel Kockmann zurück und lassen die Zeit, als Oma Struck im Jugendheim noch schaltete und waltete, wieder lebendig werden.

Dienstag, 11.12.2018, 08:00 Uhr
Dieses Bild zeigt das ehemalige Jugendheim im Jahr 1913. Vor dem Gebäude hat der Vaterländische Frauenverein anlässlich seines 25-jährigen Bestehens Aufstellung genommen.
Dieses Bild zeigt das ehemalige Jugendheim im Jahr 1913. Vor dem Gebäude hat der Vaterländische Frauenverein anlässlich seines 25-jährigen Bestehens Aufstellung genommen. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Manche Menschen bleiben in Erinnerung, weil sie echte Perlen waren. Schimmernd und vielleicht ein bisschen zu gut für diese Welt. Schwiegermüttern werden oftmals andere Eigenschaften zugewiesen. Doch müsste Gisela Struck eine echte Perle benennen, würde die Wahl auf ihre Schwiegermutter fallen.

Katharina Struck übernahm Anfang der 1920er Jahre zusammen mit ihrem Mann Gerhard als sogenannte Kastellane das Jugendheim in Och­trup – heute vielen als ehemaliges DRK-Zentrum an der Piusstraße bekannt. Während sich im Erdgeschoss eine Wirtschaft mit Saalbetrieb befand – einer der größten der Töpferstadt zur dieser Zeit – richteten die Strucks im Obergeschoss eine Schneiderwerkstatt ein. Schneidermeister Struck hatte dort gut zu tun. Und auch mit Kindern war die Familie reich gesegnet – und damit sind nicht nur die acht leiblichen gemeint. „Meine Schwiegermutter hat alle Kinder, die ins Jugendheim kamen, aufgefangen“, weiß Gisela Struck noch ganz genau. Wer Sorgen und Probleme hatte, der ging zu Katharina Struck. „Die Kinder sprachen sich bei ihr aus“, sagt ihre Schwiegertochter. Und: Das westfälische „hinten aus dem Hals küern“ sei gar nicht die Art von Katharina Struck gewesen.

Das ehemalige DRK-Zentrum auf einem Bild aus dem Jahr 2006.

Das ehemalige DRK-Zentrum auf einem Bild aus dem Jahr 2006. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Die Schneiderwerkstatt entwickelte sich schnell zum Treffpunkt. Die Fußballer vom Sportplatz hielten sich dort ebenso auf wie Jugendliche aus ganz Ochtrup. Wenn Spiele waren, öffneten die Strucks zudem die Wirtschaft. „Da liefen alle hin. Meine Schwiegermutter machte alles mit“, lacht Gisela Struck. „Und wenn der Schiedsrichter nicht ordentlich gepfiffen hatte, bekam er in der Pause bei Oma Struck keinen Kaffee.“

War das Jugendheim bereits während des Ersten Weltkriegs zum Lazarett umfunktioniert worden, erfolgte auch im Zweiten Weltkrieg eine Umnutzung. 1939 war das Jugendheim in den Besitz der Stadt Ochtrup übergegangen. Während des Krieges nutzten dann beispielsweise die Firmen Laurenz und Schräder den großen Saal als Lager, außerdem diente das Jugendheim Zwangsarbeitern als Unterkunft. Später war es Notquartier für Flüchtlinge und Vertriebene. Nach dem Krieg wurden dort Schulspeisungen für täglich bis zu 2000 Kinder durchgeführt. Außerdem fanden im Saal wieder Feierlichkeiten statt. „Da waren ganz oft Betriebsausflügler aus Holland zu Gast“, kann sich Gisela Struck noch gut erinnern. Die feiernden Niederländer hätten aber immer spätestens um 23 Uhr abends wieder weggemusst. Denn nach Mitternacht wurde die Grenze dicht gemacht.

1953 heiratete Hermann, der zweitälteste Sohn der Strucks, seine Frau Renate, und beide übernahmen auch das Jugendheim – inklusive Schneiderwerkstatt und Wirtschaft. „Hinter der Bühne im großen Saal gab es einen Backofen. Da wurden zu Weihnachten immer Plätzchen gebacken“, erzählt Gisela Struck. „Und im Saal haben die Kinder gespielt, wenn keine Veranstaltungen waren.“

Eines dieser Kinder war Irmel Kockmann. „Für uns war das toll“, erinnert sie sich gerne zurück. Auch beim Mittagessen sei die Runde groß gewesen. Neben ihren Großeltern, den Eltern und ihrem Bruder saßen auch Gesellen, Lehrlinge und meistens auch Tanten und Onkel mit am Tisch.

Gisela Struck ist das Weihnachtsfest besonders in Erinnerung geblieben. Heiligabend bei Oma Struck, das lief so ab: Um 23 Uhr ging die Familie zur Ucht in die Krankenhaus-Kapelle. Danach kehrten alle ins Jugendheim zurück und es fand ein nächtliches Kaffeetrinken und eine kleine Bescherung für die Kinder statt. Auch Renate und Hermann Struck führten diese Tradition noch lange weiter.

1963 übernahmen die beiden die Gaststätte Tümmers (heute „Alt Och­trup“) und zogen aus dem Jugendheim aus. 1966 starb Katharina Struck, einige Zeit später auch ihr Mann. Nach ihrem Tod wurde die Wirtschaft im Jugendheim nicht weitergeführt. Nur Veranstaltungen fanden noch statt.

Einzig ihre Tochter Toni hielt im Jugendheim die Stellung. Auch als Ende der 1980er Jahre das DRK dort sein Quartier einrichtete, blieb „Tant’ Toni“ und war für viele die gute Seele. Auch sie lebt mittlerweile nicht mehr. Doch eine Perle war sie auf ihre Art auch.

Das ehemalige Jugendheim heute: In dem Gebäude finden noch immer Veranstaltungen wie etwa die Aufführungen des plattdeutschen Theaters der Landjugend oder diverse Sportkurse statt. Außerdem hat der Verein „Miteinander“ dort sein Domizil bezogen.

Das ehemalige Jugendheim heute: In dem Gebäude finden noch immer Veranstaltungen wie etwa die Aufführungen des plattdeutschen Theaters der Landjugend oder diverse Sportkurse statt. Außerdem hat der Verein „Miteinander“ dort sein Domizil bezogen. Foto: Anne Steven

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6249706?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F182%2F
Die alte Leier: Preußen Münster spielt in Meppen wie ein Absteiger
Münsters Ole Kittner (rechts) blockt in dieser Szene Meppens Torschützen Deniz Undav ab.
Nachrichten-Ticker