Demenz rückt immer stärker in den Fokus – Malteser bilden Begleiter aus
Die Krankheit der Angehörigen

Ochtrup -

„Wie es ist, wenn man alles vergisst? Wie Honig im, Kopf – alles ist verklebt“, antwortete Didi Hallervorden als Opa Amadeus auf die Frage seiner Enkelin Tilda in dem Schweiger-Film zum Thema Alzheimer und Demenz. Andreas Kortüm, Ausbilder und Dozent beim Malteser Hilfsdienst im Bezirk Münsterland, hat da noch ein anderes Bild vor Augen. Nämlich das von einem Rucksack: „Was man als Letztes dort hineinpackt, fällt als Erstes wieder heraus.“

Dienstag, 15.01.2019, 06:00 Uhr
Demenzbegleiter werden in Zukunft immer stärker gefragt. Die Malteser bieten deshalb auch in Ochtrup entsprechende Ausbildungen an, wie Falk Schröder (l.) und Andreas Kortüm erklärten.
Demenzbegleiter werden in Zukunft immer stärker gefragt. Die Malteser bieten deshalb auch in Ochtrup entsprechende Ausbildungen an, wie Falk Schröder (l.) und Andreas Kortüm erklärten. Foto: Malteser/Fotografie Katharina Eckhardt/Susanne Menzel

Demenz – eine Krankheit, die weltweit immer mehr zunimmt und in immer mehr Familien zum Thema wird. Was passiert mit dementiell erkrankten Menschen? Wie reagieren sie? Was bekommen sie von ihrer Umwelt noch mit? Was können sie abspeichern und aufnehmen? Wie bekomme ich noch Zugang zu ihnen? Wie kann ich ihnen helfen, sie in ihrem Alltag begleiten? Es sind viele Fragen, die aufkommen, wenn ein Angehöriger plötzlich Formen dieser Krankheit zeigt. Schleichend zunächst, dann immer deutlicher werdend.

Die Malteser haben sich 2009 des Themas angenommen und bieten nunmehr seit vier Jahren Schulungen zum Demenzbegleiter an. Ausgehend von der Diözesangeschäftsstelle in Münster über Hiltrup, Ahlen, Drensteinfurt, Greven, jetzt in Schöppingen, ab Herbst auch in Ochtrup. „Demenz hat es immer schon gegeben, sie rückt aber in den letzten Jahren stärker in den Fokus der Gesellschaft. Früher hat man gesagt, die Leute werden tüddelig“, schildert Andreas Kortüm .

In Erste-Hilfe-Maßnahmen ist die „Demenz“ in der Vergangenheit immer nur mit einer kurzen Unterrichtssequenz gestreift worden. „Wir können dabei eigentlich nur an der Oberfläche kratzen und unter dem Titel ‚Versorgung verwirrter Personen‘ darauf eingehen. Das ist eigentlich angesichts der Bedeutung des Themas zu wenig. Denn besonders die Angehörigen dementiell erkrankter Personen benötigen viel mehr ‚Futter‘, um sich mit dem Krankheitsbild auseinandersetzen zu können“, meint Kortüm.

Zumal die inhaltliche Diskussion ständig öffentlicher wird. Nicht zuletzt auch durch die – zum Teil kontrovers diskutierte – filmische Auseinandersetzung mit dem Thema. „Bei ‚Honig im Kopf‘ wird die Krankheit eigentlich falsch dargestellt“, äußert sich Dozent Andreas Kortüm kritisch: „Demenzkranke laufen nicht vor etwas weg, sondern zu etwas hin. Zu ihrem alten Lebensumfeld. Das, was sie in der frühkindlichen Entwicklung oder in der als junger Erwachsener erlernt haben, das ist ihnen noch präsent. Das Kurzzeitgedächtnis allerdings, das ist das erste, das bei ihnen wieder verschwunden ist“, so seine Erfahrung. „Es gibt Menschen, die leben noch in einer ganz anderen Ära. Da ist beispielsweise Helmut Kohl noch Bundeskanzler. Sie konnten die jüngsten Entwicklungen nicht abspeichern und abrufen.“ Die Frau eines demenzkranken Ehemannes habe ihm einmal gesagt: „Ich bin eigentlich schon Witwe, obwohl mein Mann noch lebt. Aber es ist so, als schaue er durch mich hindurch.“

Das Augenmerk bei der Schulung zum Demenzbegleiter, ergänzt Falk Schröder , Leiter der Ausbildung bei den Ochtruper Maltesern, liege vor allem auf den praktischen Übungen: „Darüber kommen die Teilnehmer ins Gespräch, es entwickeln sich erfahrungsgemäß eine bessere Teamarbeit und Netzwerke, die sich später als sehr wertvoll erweisen können.“ Zielgruppe des sich über zehn Abende erstreckenden Angebotes seien deshalb neben Angehörigen auch Ehrenamtliche, die sich beispielsweise in der Betreuung eines Demenz-Cafés engagieren.

„Inhaltlich vermitteln wir zunächst erst einmal Basiswissen darüber, wie das gesunde Organ Gehirn funktioniert. Erst wenn ich das verstehe, kann ich die Krankheit einordnen“, sagt Andreas Kortüm. „Demenz ist übrigens gar nicht so kompliziert. Ich kann sie mit Hilfe eines Kaffeelöffels erklären.“ Jeder habe als Kind gelernt, mit einem Löffel umzugehen und was man mit ihm mache. Man betrachte den Löffel zunächst mit den Augen – und dieses Bild werde hinten im Gehirn abgespeichert. An der Seite des Gehirnes befinde sich das Kurzzeitgedächtnis, das wiederum Impulse ans Bewegungszentrum melde. Etwa in der Form: „Mit dem Löffel umrühren oder essen.“ Wenn das Kurzzeitgedächtnis aber nicht mehr funktioniere, frage sich der Mensch: „Was mache ich mit dem Löffel?“ Andreas Kortüm: „Manche kämmen sich dann beispielsweise damit die Haare, weil sie als Kind von der Mutter eine Bürste in die Hand gedrückt bekamen und sich diese Handgriffe und Bewegungen mit einem Gegenstand in der Hand noch gemerkt haben.“

In dem Lehrgang, so betonen Schröder und Kortüm, werde vor allem viel Biografiearbeit geleistet. Andreas Kortüm: „Wir müssen im Umgang mit Demenzkranken lernen, zu akzeptieren, dass das, was einmal aus dem Rucksack herausgefallen ist, nicht wieder hineingelegt werden kann. Wir müssen andere Ansätze finden, um Zugang zu bekommen. Demenz ist leider noch nicht heilbar, aber man kann sie verzögern.“

In der Zukunft werde dieses Krankheitsbild mehr und mehr zum Thema werden. Für Familien ebenso wie für jene, die sich beruflich damit auseinandersetzen, prognostizieren die beiden Malteser-Vertreter: „Man nennt die Demenz auch die Krankheit der Angehörigen. Sie sitzen mit dem Betroffenen in einem Boot.“

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