Petition will Verlegung des Einschulungs-Stichtages erreichen
Wir machen uns die Kinder passend

Ochtrup -

„Klein, aber oho“, sind die Dötze häufig beim Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule. Nicht selten zeigen sie sich sogar so pfiffig, dass sie von der Kita eine Bestätigung dafür erhalten, schon vor dem sechsten Lebensjahr den „Sprung“ zu schaffen. Offizieller Stichtag für die Einschulung in NRW ist der 30. September.

Donnerstag, 28.02.2019, 06:00 Uhr
Stolz tragen diese ABC-Schützen die Schultüte. Aber nicht jeder Knirps ist auch entsprechend schulreif.
Stolz tragen diese ABC-Schützen die Schultüte. Aber nicht jeder Knirps ist auch entsprechend schulreif. Foto: Dak/Wigger

„Klein, aber oho“, sind die Dötze häufig beim Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule. Nicht selten zeigen sie sich sogar so pfiffig, dass sie von der Kita eine Bestätigung dafür erhalten, schon vor dem sechsten Lebensjahr den „Sprung“ zu schaffen. Offizieller Stichtag für die Einschulung in NRW ist der 30. September. Eine Mutter aus Essen findet den „Einschulungskorridor“ allerdings zu knapp – zumal der Stichtag in den vergangenen Jahren schrittweise vom 30. Juni nach hinten verlegt wurde. Viele Bundesländer sind hier inzwischen wieder zurückgerudert. Nicht jedoch Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg. Sylvia Montanino möchte dies ändern – und hat nun eine Petition online gestellt, um weitere Mitstreiter für eine Rückverlegung zu gewinnen.

„Die oftmals noch fünfjährigen Kinder sind vielfach schlichtweg mit der Einschulung überfordert“, argumentiert die Mutter und Petitions-Verfasserin. Eine Rückstellung ist nach aktuellem Stand kaum mehr möglich und wird nur noch aus erheblichen gesundheitlichen Gründen durchgeführt.

Bei Marlies Lütkehermölle, Leiterin der Lamberti-Grundschule rennt Sylvia Montanino mit ihrer Forderung offene Türen ein. „Wir haben mit Kindern, die sehr früh eingeschult wurden, mehr negative als positive Erfahrungen“, erklärt die Pädagogin. „Viele der Jungen und Mädchen sind kognitiv gut entwickelt, sodass sie den Lernstoff zunächst ganz gut hinbekommen. Aber im sozial-emotionalen Bereich sind sie noch längst nicht so weit, dass man sie als schulreif bezeichnen könnte.“

Als Beispiel aus der Praxis schildert Marlies Lütkehermölle, „dass die sehr jungen Lernanfänger oft Wochen benötigen, um sich von den Eltern lösen zu können. Das kann man oft gar nicht wieder aufholen.“ Bedingt durch diese emotionale Verzögerung verweilen die Kleinen nicht selten drei statt zwei Jahre in der sogenannten Schuleingangsphase. „Wir müssen in diesen Fällen sehr viel Beziehungsarbeit leisten und sind als Pädagogen gleichzeitig Mutter- oder Vaterersatz, die das Bedürfnis nach Nähe befriedigen müssen.“ Das bedeute vor allem viel Arbeit in Kleingruppen. „Das wiederum ist im Hinblick auf die existierenden Klassengrößen nicht immer zufriedenstellend zu leisten“, ist Marlies Lütkehermölle realistisch: „Wir können den Kindern in vielen Fällen dann leider an emotionaler Zuwendung nicht das geben, was sie noch brauchen.“

Mitunter entwickelt sich der sozial-emotionale Rückstand auch in den nachfolgenden Jahren nicht so wie bei älteren Kindern. Selbst später in der weiterführenden Schule hinken die Kids oft noch zurück.

In der Von-Galen-Grundschule in Langenhorst ist die frühe Einschulung von Mädchen und Jungen dagegen kein Thema. Sandra Rohe, stellvertretende Schulleiterin: „Wir hatten die letzten Jahre kaum Kinder, die schon mit fünf Jahren die Schulbank gedrückt haben.“ Ihrer Meinung nach „kann man das auch nicht generell über einen Kamm scheren, ob die Kinder zum Stichtag schulreif sind, oder nicht. Es gibt jene, die ziehen locker mit, andere dagegen haben ihre Defizite im sozial-emotionalen Bereich. Manche sind mit sechs Jahren von der Körpergröße her noch so klein, dass sie kaum ihren Tornister tragen können.“

Einen Stichtag als Einschulungsdatum hält auch Christiane Wanschers, Leiterin der Marienschule, für schwierig: „Ich würde mir eher einen ganzheitlichen Blick auf das Kind wünschen. Es gibt auch mit sechs Jahren durchaus Kinder, denen ein weiteres Jahr im Kindergarten oder – wie früher – in der Vorschule gut tun würde. Andere dagegen schaffen es auch mit fünf Jahren, sich gut auf die Schule einzustellen.“ Christiane Wanschers favorisiert deshalb „einen flexiblen Umgang mit dem Stichtag.“ Momentan habe die angewandte Diagnostik nur den Wert, „dass wir ein Schuljahr stets entsprechend der individuellen Bedürfnisse dieser Kinder umstrukturieren müssen. Indem man die Beteiligten – Eltern, Kindergarten und Schule – von Seiten der Behörden nicht mitnimmt, macht man sich die Kinder durch den Stichtag passend. Das sind sie aber nicht.“

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