Von überstrapazierten Modefloskeln
Menschheit im Alles-gut-Modus

„Alles gut?“, fragte mich vor längerer Zeit eine Bekannte, als wir uns zufällig in der Stadt trafen. Das machte mich stutzig. Sollte sie den Eindruck haben, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist? „Ne ne, alles gut“, meinte sie beschwichtigend.

Donnerstag, 07.03.2019, 06:00 Uhr
Alles gut, okääääy?
Alles gut, okääääy? Foto: colourbox

Mittlerweile habe ich kapiert, dass es sich bei „Alles gut!“ um eine Modefloskel handelt. Und zwar eine, die zurzeit reichlich überstrapaziert wird. Egal, ob man verkündet, keine Lust auf eine Radtour zu haben, oder eine Einladung absagt, oder sich entschuldigt wird, weil man laut geniest hat. Sagt man das zu einem Menschen, der sich im Alles-gut-Modus bewegt, wird er stets antworten: „Alles gut.“ So, als wolle er sagen. „Du musst dich nicht aufregen. Das wird schon wieder.“ Das erinnert mich an Anti-Stress-Therapien oder Beruhigungsmethoden im Yoga-Kursus.

Inzwischen scheinen sich die Alles-gut-Viren nun auch in meinem Bekanntenkreis auszubreiten. Neulich zum Beispiel hatte ich zum Kaffeeklatsch eingeladen und ein neues Kuchenrezept ausprobiert. Als ich meine Gäste fragte, wie ihnen der Kuchen schmeckt, kam es gleich aus mehreren Mündern geschossen: „Alles gut.“ Hatte der Kuchen den Damen nun geschmeckt oder nicht? Ich hakte nach: „Oder möchte jemand lieber ein Schnittchen?“ Aber ich bekam erneut ein „Alles gut“ zu hören. In diesem Fall war wohl eher „Nein, danke“ gemeint. Nachdem wir Kaffee und Kuchen genossen hatten, wollte ich meinem Besuch ein Gläschen Sekt anbieten. Drei von fünf Frauen erklärten spontan: „Alles gut.“ Da sei doch die Frage erlaubt, ob das nicht ein bisschen viel des Guten ist?

Aber alles gut, du oftmals strapaziertes „Alles gut“. Du stehst nicht allein auf der aktuellen Favoritenliste der überlasteten Floskeln. Auch „Okay“ liegt schon seit längerer Zeit im Trend. Die Rede ist nicht von O.K. im Sinne von „Geht in Ordnung.“ Nein, es handelt sich um dieses lang gedehnte „Okäääy“, das ein überzeugter Okäääy-Sager bei jeder Gelegenheit verlauten lässt. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand erzählt, dass er seine Wohnung renoviert, oder ob man von der Aussicht auf einen neuen Job berichtet oder von der Überlegung, ein Gemüsebeet anzulegen. Die Antwort lautet stets: „Okäääy.“

Ein weiterer Hit unter den Modefloskeln ist „Sorry“. Was ein echter Sorry-Fan ist, der stellt so ziemlich jeder Aussage ein „Sorry“ voran. Noch mehr Modewörter gefällig? „Nicht wirklich“ zählt auch dazu und „halt“. Beide Formulierungen sind halt bei der jüngeren Generation angesagt. Ist halt so. Und vor längerer Zeit war bei den Modewortfreunden ziemlich alles „echt“, was ihnen in den Mund – oder besser gesagt – über die Lippen kam. Echt schön, echt langweilig, echt teuer und so weiter. Bis die Dinge schließlich „irgendwie“ nicht mehr so „echt“ waren.

Hin und wieder so eine trendige Formulierung in die Unterhaltung einzustreuen, ist durchaus okäääy. Das macht halt jeder. Aber wenn einem diese Floskeln ständig um die Ohren fliegen, ist das nicht wirklich spannend. Sorry, aber ich finde es sogar irgendwie echt nervig. Trotzdem: Alles gut.

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