Fahrschüler sind oft unsicher
Wie das Kaninchen vor der Schlange

Ochtrup -

Immer mehr Menschen fallen durch ihre theoretische und praktische Fahrprüfung. Das belegen die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes für das Jahr 2017: 39 Prozent schafften demnach die Theorieprüfung nicht, 32 Prozent fielen durch die praktische Fahrprüfung. Woran mag das liegen? Bereitet der erste Kontakt zum Fahrzeug doch so viel Unbehagen? Oder sind Fahranfänger Angsthasen?

Donnerstag, 07.03.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 07.03.2019, 08:37 Uhr
Stella Löcker probiert in der Fahrschule Helling einen Fahrsimulator aus. Viele Fahrschulen bieten diese Geräte mittlerweile an, damit Fahrschüler wie die 17-jährige Ochtruperin ganz unbefangen an das Autofahren herangeführt werden können.
Stella Löcker probiert in der Fahrschule Helling einen Fahrsimulator aus. Viele Fahrschulen bieten diese Geräte mittlerweile an, damit Fahrschüler wie die 17-jährige Ochtruperin ganz unbefangen an das Autofahren herangeführt werden können. Foto: Nele Scheipers

In Ochtrup sind sich die Fahrlehrer einig: Von Angst kann im Allgemeinen gar nicht die Rede sein. Die Fahrschüler gingen hingegen mit einem gesunden Maß an Respekt und etwas Unsicherheit an die Sache heran. Alles doch völlig normal, da man schließlich nicht genau wisse, was auf einen zukommt. „Mit wenig Fahrroutine fehlt die Übung und umso unsicherer fährt man. Das gilt für Jung und Alt“, erklärt Fahrlehrer Stephan Helling .

Besagte Unsicherheiten entstünden seiner Meinung nach jedoch aus komplexeren Verkehrssituationen und durch moderne Technik in den Pkw. „Die neuen technischen Helferlein sind schön, aber auch schwieriger zu bedienen“, findet der Fahrlehrer. Den Schülern werden alle technischen Möglichkeiten eines Autos erklärt. Denn theoretisch müssen sie in einer Prüfungssituation auch alles bedienen können. „Gefahrenbremsungen werden in Fahrstunden geübt, damit Fahranfänger am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn das Antiblockiersystem greift“, erklärt er. So könne Vertrauen zur Technik aufgebaut werden.

Welches Auto fahren die Eltern? „Ein blaues“

Andreas Krassowski , der nach eigenen Angaben in 34 Berufsjahren alle Generationen in seiner Fahrschule erlebt hat, sieht den Ursprung der Unsicherheit woanders. „Junge Menschen haben heute eine technische Affinität zu ihren Smartphones. Die Affinität, ein Auto zu bedienen, ein Auto zu fahren, ist allerdings verloren gegangen“, meint der Fahrlehrer. Früher hätten sich die Fahrschüler mehr mit der Technik auseinandergesetzt. Gab es keine Maschinen zu Hause, so wurde bei den Nachbarn gefragt, ob man nicht helfen und Trecker fahren könne, erinnert sich Andreas Krassowski an seine Jugend in den 70er Jahren. „Man wundert sich – einige junge Menschen, die in meine Fahrschule kommen, wissen nicht einmal, welches Auto die Eltern fahren“, fügt er noch hinzu. „Ein blaues“ sei dann oft die Antwort.

Auch Fahrlehrer Lutz Kockmann blickt in die Vergangenheit zurück, um sich das mögliche Unbehagen der jungen Fahrschüler zu erklären. „Früher hatte man viel mehr Zeit, sich zu entwickeln. Und mehr Zeit bedeutet auch, ich bekomme mehr mit von meiner Umwelt“, weiß der 37-Jährige und meint damit das veränderte Schulsystem. Jeder in seinem Bekanntenkreis habe damals einen Mofaführerschein und somit zumindest ein bisschen Technikerfahrung gehabt. Weniger Wissen bedeute heute eben auch mehr Respekt vor der Sache.

Sollten Eltern also vermehrt selbst aktiv werden und mit ihren Schützlingen das Auto fahren üben, um ihnen die Unsicherheit zu nehmen?

Stressabbau im Simulator

Auch an dieser Stelle herrscht Einigkeit unter den Fahrlehrern: Lasst es sein! Neben der Tatsache, dass das Fahren ohne Führerschein illegal ist, müssten viele falsch antrainierte Gewohnheiten, erst wieder abgewöhnt werden. „Mit Eltern oder Freunden bekommen die Fahrschüler das Auto ans Hüpfen, aber nicht ans Fahren“, warnt Stephan Helling. „Wir gehen die Sache mit Ruhe und Geduld an. Wie der Kunde es möchte“, verspricht Lutz Kockmann. Mit viel Feingefühl und Menschenkenntnis begleite er den Fahrschüler Schritt für Schritt nach seinen Bedürfnissen.

Viele Fahrschulen greifen mittlerweile auf einen zusätzlichen Assistenten, einen Fahrsimulator, zurück. „Ein Umfeld, in dem erst einmal niemand auf die Finger schaut. Es darf fleißig abgewürgt oder gegen Bordsteinkanten gefahren werden – ganz wichtig, ohne andere Beteiligte verletzten zu können“, betont Lutz Kockmann. Nach ersten Fahrversuchen am Simulator seien oft schon einige Ungereimtheiten wieder verflogen, ergänzt Fahrlehrer Stephan Helling: „Das Stress-Level ist geringer und niemand muss sich mehr fühlen wie ein Kaninchen vor der Schlange.“

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