Kräht der Hahn auf dem Mist  .  . .
. . . geht der Bauer auf die Straße

Ochtrup -

Demonstrieren ist eigentlich keine klassische Tätigkeit in der Landwirtschaft. Doch am Donnerstag machen auch etwa 100 Bauern aus Ochtrup eine Ausnahme und gehen in Münster auf die Straße – oder besser auf den Domplatz. Bei der vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband initiierten Demo lautet ihre Forderung: eine bessere Umsetzung der neuen EU-Düngeverordnung. Denn die bedroht ihre Existenz.

Mittwoch, 03.04.2019, 06:00 Uhr
Das Grundwasser in Ochtrup – hier die Messstelle in der Wester – ist in Ordnung. Die Bauern in der Töpferstadt befürchten trotzdem Restriktionen aufgrund der neuen EU-Düngeverordnung.
Das Grundwasser in Ochtrup – hier die Messstelle in der Wester – ist in Ordnung. Die Bauern in der Töpferstadt befürchten trotzdem Restriktionen aufgrund der neuen EU-Düngeverordnung. Foto: Anne Steven

„Das ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – endgültig.“ Ortslandwirt Stefan Löcker und der LOV-Vorsitzende Thomas Ostendorf schauen sich grimmig an. Die neue EU-Düngeverordnung macht den Landwirten zu schaffen, sagen sie. Sie sind so wütend, dass sie sich am Donnerstag (4. April) an einer Demo des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und seines rheinischen Pendants für eine bäuerliche Landwirtschaft beteiligen. Rund 6000 Bauern aus NRW, Niedersachsen, Schleswig Holstein, Bayern und Hessen werden auf dem Domplatz erwartet. Aus Ochtrup wollen etwa 100 Bauern demonstrieren.

Grundwasser hat oberste Priorität

„Oberste Priorität ist: Das Grundwasser muss in Ordnung sein“, stellt Ortslandwirt Stefan Löcker gleich vorneweg klar. Denn als Landwirte seien auch sie darauf angewiesen. Deshalb dürfe die Nitratbelastung nicht zu hoch werden. Was er und seine Berufskollegen allerdings kritisieren, ist die Umsetzung der neuen Düngeverordnung.

Ein Beispiel: Messungen haben ergeben, dass beide Grundwassermessstellen in Neuenkirchen nicht in Ordnung sind. Da Ochtrup und Neuenkirchen miteinander verbunden seien, bekämen nun auch die Landwirte hier die Restriktionen zu spüren. Letzteres sei noch nicht mal das Problem. Doch Ostendorf und Löcker bezweifeln die Einwandfreiheit der Messstellen in Neuenkirchen. „Eine befindet sich in einem Wohngebiet, in die andere läuft Oberflächenwasser hinein“, sagt Stefan Löcker. Das verfälsche die Werte. In anderen Orten gibt es ähnliche Fälle. Die Landwirtschaft könne deshalb nicht als einziger Verursacher gelten. Da gebe es andere Einflussfaktoren. Die Messstelle in der Wester in Ochtrup sei indes in Ordnung. Und auch in den Brunnen der Landwirte habe es keine auffälligen Werte gegeben.

Am Donnerstag wollen auch die Landwirte aus Ochtrup mit zahlreichen Berufskollegen in Münster demonstrieren. Mit im Gepäck: eine Tonne Bürokratie (in Papierform) und die Kritik am „Dokumentenwahnsinn“

Am Donnerstag wollen auch die Landwirte aus Ochtrup mit zahlreichen Berufskollegen in Münster demonstrieren. Mit im Gepäck: eine Tonne Bürokratie (in Papierform) und die Kritik am „Dokumentenwahnsinn“ Foto: Andreas Feldevert

Die Restriktionen der neuen Verordnung bedrohen nun – da sind sich die beiden sicher – in der Töpferstadt und anderswo Existenzen. „Davor haben wir Angst“, gibt Thomas Ostendorf unumwunden zu. Es würde nämlich bedeuten, dass sie 20 Prozent weniger düngen dürften. „Unsere Pflanzen müssten hungern“, verbildlicht Ostendorf die Maßnahme. Brotgetreide – würde es denn in Ochtrup angebaut – könnten die Landwirte gleich vergessen. Futtergetreide liefere mit weniger Dünger kaum noch Erträge. Letzteres habe wiederum Auswirkungen auf den Düngebedarf im nächsten Jahr, der dann ebenfalls niedriger ausfalle. „Das ist eine Teufelsspirale“, macht Ostendorf deutlich. Aber er weiß auch: Es ist immer ein Ritt auf der Rasierklinge – zwischen Grundwasserschutz und Pflanzenernährung.

Lagerkapazitäten für Gülle

Eine weitere Maßnahme der EU-Düngeverordnung: Im Sommer darf nicht mehr gedüngt werden. „Da werden bei so manchem Landwirt die Lagerkapazitäten für Gülle nicht mehr ausreichen“, weiß Löcker. Die Konsequenz: „Bude zu!“, gibt sich Ostendorf flapsig, doch der Blick bleibt ernst. „Vor allem kleinere und mittlere Betriebe werden eher aufgeben, als dass sie erneut investieren“, fasst Löcker zusammen.

Doch was tun? Das Grundwasser rein erhalten wollen die Landwirte. Und an der neuen EU-Verordnung führe auch kein Weg vorbei. Doch sie wünschen sich eine bessere Umsetzung. „Ökologie kann nur von Ökonomie getragen werden“, ist sich Ostendorf sicher. „Wenn uns Fachleute sagen, das Grundwasser ist gefährdet, dann ist das so“, gibt sich Löcker keinen falschen Illusionen hin. Doch es brauche zum Beispiel Übergangsfristen und aussagekräftige Messungen. „Solange alles fachlich begründet und nicht politisch motiviert ist, habe ich kein Problem“, sagt Ostendorf. Die Landwirte wollen den schwarzen Peter nicht von sich weisen. Es müssten aber neben der Landwirtschaft auch andere Einflussfaktoren bedacht werden.

Wandel in der Landwirtschaft?

Die Bauern befürchten einen Wandel in der Landwirtschaft, der vor allem die nachfolgenden Generationen verprellen könnte. „Die Ausbildung wird immer besser, aber es wird nicht honoriert“, sagt Löcker. Auch ein Ärgernis: „Der Dokumentenwahnsinn.“ Er treibt die Bauern am Donnerstag ebenfalls auf die Straße. Schließlich kämen sie bei all der Dokumentation gar nicht mehr zu ihrem eigentlichen Job. „Sie hören gerade niemanden über Preise schimpfen“, versucht Ostendorf den Ernst der Lage deutlich zu machen. Bei ihm und Löcker kommt gar die Frage auf: „Ist Landwirtschaft überhaupt noch gewollt? Wenn nicht, müssen wir einen Kompromiss finden. Aber uns am langen Arm verhungern lassen, das ist unfair“, findet Ostendorf.

Zum Thema

Die Landwirte aus Ochtrup treffen sich am Donnerstag (4. April) um 8.30 Uhr am Bahnhof. Von dort geht es mit dem Zug zur Demo auf dem Domplatz in Münster. Es entstehen keine Fahrtkosten.

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