Vortrag beim Hospizverein über „Kriegskinder – Kriegsenkel“
Altersprozess als Kränkung

Ochtrup -

Einerseits war es eine Geschichtsstunde über Krieg, Flucht und Vertreibung. Andererseits waren es Handreichungen und Empfehlungen für den Umgang von Patienten und sterbenden Menschen mit traumatischen und nicht verarbeiteten Erlebnissen. Margarete Heitkönig-Wilp, Sozialarbeiterin und Koordinatorin beim Hospizverein Lengerich, war die Referentin des öffentlichen Stammtisches, zu dem der Hospizverein Ochtrup-Metelen in die Lamberti-Bücherei eingeladen hatte.

Mittwoch, 10.04.2019, 06:00 Uhr
Eine Geschichtsstunde über den Krieg, aber auch Handreichungen für den Umgang mit traumatisierten Menschen gab Margarete Heitkönig-Wilp, hier mit Hospizkoordinator Dieter Lange-Lagemann.
Eine Geschichtsstunde über den Krieg, aber auch Handreichungen für den Umgang mit traumatisierten Menschen gab Margarete Heitkönig-Wilp, hier mit Hospizkoordinator Dieter Lange-Lagemann. Foto: Norbert Hoppe

Unter dem Motto „Kriegskinder – Kriegsenkel“ näherte sich Heitkönig-Wilp einem Thema, das erst seit Anfang der 2000-er Jahre zur Sprache gekommen sei. „Am Ende des Lebens rücken die Kriegserlebnisse wieder ins Bewusstsein“, informierte die Referentin. Daher sei es manchmal entscheidend im Umgang mit Sterbenden und Pflegebedürftigen, fundiert um die Kriegszeiten zu wissen und ein Gespür für Äußerungen und Verhaltensweisen dieser Menschen zu entwickeln. Gerade bei unvermeidlichem Körperkontakt und Berührungen sei ein hohes Maß an Sensibilität gefordert, so Heitkönig-Wilp.

Heitkönig-Wilp beleuchtete die Erfahrungen der verschiedenen Jahrgänge der „Kriegskinder“, deren Kindheit und Jugend von nationalsozialistischer Erziehung in Schule und Jugendorganisationen geprägt war. Junge Männer, oft noch im jugendlichen Alter, wurden gegen Kriegsende noch als Soldaten und Flakhelfer zum Dienst verpflichtet. Die Zeit in Kriegsgefangenschaft oder Arbeitslager waren oft ursächlich für Anpassungsschwierigkeiten in der Nachkriegszeit. Jüngere Kinder litten unter Bombenangriffen, Hunger, Flucht, Vertreibung und einer weitgehend zerstörten Umwelt. Viele wuchsen ohne Vater auf und waren mit der Rolle ihrer Mütter als Vertrauensperson überfordert. Der Verlust von Angehörigen und das Miterleben von Gewalt und Verwundungen verstärkten das Leid ebenfalls. „Es war alles andere als eine unbeschwerte Kindheit“, beschrieb Heitkönig-Wilp diese schlimme Zeit während der Jahre von 1939 bis 1945.

Im Umgang mit diesen Traumata entwickelten viele der betroffenen Menschen Strategien, die ihr Leiden erträglicher werden ließen. Verleugnung, Bagatellisierung und Verharmlosung seien ebenso eine Form der Verdrängung gewesen, wie, über erlebte Gewalt sachlich und emotionslos zu erzählen. Auch ausgeprägtes Sicherheitsdenken und Autonomiebedürfnis gehörten dazu, wenn es darum gehe, Abhängigkeit von anderen Menschen zu vermeiden.

Zum Verhalten von Kriegskindern im Alter und bei Pflegebedürftigkeit wusste Heitkönig-Wilp auch aus eigenen Erfahrungen zu berichten, dass gar nicht so wenige Menschen dieser Generation den unvermeidlichen Altersprozess als Kränkung empfänden. „Warum passiert es ausgerechnet mir?“, zitierte Heitkönig-Wilp die Äußerung einer Patientin. Es mache sich ein Gefühl breit, als sei der Energiestöpsel gezogen worden. Aufgaben des Alterns wie Abschiednehmen, die Akzeptanz von Hilfsbedürftigkeit und Einschränkungen würden abgelehnt oder verdrängt.

Eine grundlegende Wertschätzung und Würdigung der Lebensleistung helfe bei der Pflege und Begleitung der Kriegsgeneration. „Und bieten Sie nicht Hilfe sondern Unterstützung an“, so eine Empfehlung der Referentin an Pflegende und Begleitende, die an diesem Abend ein aufmerksames Publikum waren.

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