Borkenkäfer-Plage hat Ochtrup erreicht
Kahlschläge in den Fichtenbeständen

Ochtrup -

Bereits im vergangenen Jahr suchte der Borkenkäfer das Münsterland und seine Fichtenbestände heim. Ochtrup blieb bislang verschont. Doch nun ist der Insektenbefall auch in der Töpferstadt enorm. Förster Alexander Huesmann spricht von einer regelrechten Durchseuchung. Die Konsequenz: Kahlschläge – nicht nur in Ochtrup.

Dienstag, 07.05.2019, 06:00 Uhr
Förster Alexander Huesmann markiert in einem Waldstück in Langenhorst eine vom Borkenkäfer befallene Fichte. Da die Bäume durch die zurückliegenden Wetterextreme geschwächt sind, haben sie den Insekten kaum etwas entgegenzusetzen.
Förster Alexander Huesmann markiert in einem Waldstück in Langenhorst eine vom Borkenkäfer befallene Fichte. Da die Bäume durch die zurückliegenden Wetterextreme geschwächt sind, haben sie den Insekten kaum etwas entgegenzusetzen. Foto: Anne Steven

Auf den ersten Blick sieht die Fichte in dem kleinen Wäldchen in Lan­genhorst aus wie ein gewöhnlicher Baum. Doch wer genau hinschaut entdeckt zahllose winzige Insekten auf dem Stamm, die eilig hin- und herkrabbeln. Ameisen sind das nicht, dafür sind sie zu dick. Es sind Käfer, um genau zu sein, Borkenkäfer. Alexander Huesmann kennt diese kleinen Strategen ziemlich genau. Und der Leiter des Forstbetriebsbezirks Ochtrup beim Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen weiß auch: Diesen Befall wird die Fichte ebenso wenig überleben wie alle anderen Bäume ihrer Art in diesem Waldstück.

Denn dort, wo er an diesem Morgen mit Forstwirt Olaf Staehler unterwegs ist, hat der Borkenkäfer zugeschlagen – und das gnadenlos. Kaum ein Baum, der nicht befallen ist – im gesamten Münsterland sieht es ähnlich aus. Huesmann selbst hat so etwas noch nicht erlebt. „Durch die Wetterextreme ist dieses Jahr alles anders“, musste der Fachmann lernen.

Das Bild zeigt das typische Fraßmuster eines Buchdrucker-Borkenkäfers.

Das Bild zeigt das typische Fraßmuster eines Buchdrucker-Borkenkäfers. Foto: Anne Steven

Zunächst fegte Anfang vergangenen Jahres Sturmtief „Friederike“ über das Münsterland hinweg. Zahllose Bäume kippten um. Das Aufräumen in den Wäldern ging zwar relativ zügig voran, doch oftmals blieben einige Bäume liegen. Vor allem solche, die erst nachdem die Waldarbeiter abgerückt waren, umstürzten. Für den Borkenkäfer wie ein Schlemmerbuffet. Denn die Bäume sind zwar tot, bieten den kleinen Plagegeistern aber noch genügend Feuchtigkeit, um wenigstens eine Generation durchzubringen.

Auf den Sturm folgte ein ungewöhnlich heißer und trockener Sommer. „Die meisten Bäume sind dadurch vorgeschädigt“, weiß Alexander Huesmann. Das Problem: Die Männchen der Borkenkäfer bohren sich durch die Rinde in die Bastschicht der Fichten. Dort legen sie eine sogenannte „Rammelkammer“ an. Die dort von ihnen abgesonderten Botenstoffe (Pheromone) locken später die Weibchen an, die wiederum in die von der Rammelkammer abzweigende Muttergänge ihre Eier legen, aus denen später die Larven schlüpfen.

Normalerweise würde ein gesunder Baum schon beim ersten Eindringen der Borkenkäfermännchen so viel Harz produzieren, dass der Eindringling keine Chance hätte. Aber bedingt durch den Wassermangel im Sommer sind die Bäume abwehrgeschwächt und nicht in der Lage, das klebrige und lebensrettende Sekret zu bilden. Das wiederum öffnet dem Borkenkäfer Tür und Tor. Statt bisher zwei schafften es im vergangenen Sommer drei bis vier Generationen Borkenkäfer.

Dann gab es einen milden Winter. „Die Käfer haben teilweise unter der Rinde überwintert“, weiß Alexander Huesmann. So stieg ihre Population an.

Sind die Larven geschlüpft, fressen sie sich in unterschiedlichen Mustern unter der Rinde entlang. „Das hier ist ein Buchdrucker“, erklärt Olaf Staehler. Der Forstwirt hat zu Veranschaulichung ein Stück Fichtenstamm geschält und deutet auf ein dunkles Muster im hellen Holz. In der Mitte ist deutlich die Rammelkammer mit den beiden Muttergängen zu erkennen. Und ein verschreckter Borkenkäfer, der hilflos versucht, durch den nun geöffneten Gang zu krabbeln. Doch Mitleid ist hier fehl am Platze. Denn die Larven fressen sich später in wagerechten Linien von der Kammer weg durch die Bastschicht der Fichten. Das Fraßmuster ähnelt dann einem aufgeschlagenen Buch, daher der Name Buchdrucker. Doch viel schlimmer: Die Larven kappen damit die Leitungsbahnen der Bäume. Sie können nicht mehr mit Nährstoffen versorgt werden und sterben. Bei einem gesunden Exemplar würden circa 200 Käfer ausreichen, schätzt Alexander Huesmann. Doch allein das Gekrabbel an diesem kleinen Teilstück des Stammes lässt vermuten, dass dieser Baum keine Chance mehr hat. Mit pinkfarbenem Markierspray gibt der Förster ihn zum Fällen frei – genau wie alle anderen etwa 70 Bäume in dem kleinen Wäldchen.

Für Waldbesitzer ist der Borkenkäferbefall oft nur an den kleinen Sägemehlhäufchen rund um den Stamm der Fichte zu erkennen.

Für Waldbesitzer ist der Borkenkäferbefall oft nur an den kleinen Sägemehlhäufchen rund um den Stamm der Fichte zu erkennen. Foto: Anne Steven

Wie diesem Waldbesitzer geht es derzeit vielen im Münsterland. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie mit den Borkenkäfern zu kämpfen. Die Ochtruper blieben zunächst verschont. Alexander Huesmann führt dieses Phänomen auf die schweren, nassen Böden der Gegend zurück, die das Wasser länger speichern konnten als etwa sandige Böden. Doch wie gesagt, es war nur ein kleiner Aufschub.

Das geschlagene Holz muss möglichst schnell aus den Wäldern abtransportiert werden. Und dann bestehe auch noch die Gefahr, dass die Käfer aus dem geschlagenen Holz ausfliegen und im Wald oder am Lagerort weiteren Schaden anrichten. Der Holzmarkt werde derzeit europaweit regelrecht mit Fichtenholz überflutet, berichtet der Förster. „Die Bestände sind so durchseucht, dass wir davon ausgehen, dass sie diesen Sommer nicht überleben werden“, berichtet Huesmann für sein Revier. Und aus diesem Grund würden derzeit überall im Münsterland regelrechte Kahlschläge produziert.

Warum es in dieser Gegend überhaupt so viele Fichten gibt, obwohl doch natürlich eher Buchen, Eichen und Birken vorkommen, kann Alexander Huesmann erklären. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten sich die Besatzungsmächte mit sogenannten Reparationshieben schadlos. „Da haben sich die Briten in der Gegend ordentlich bedient“, erzählt der Förster. Als es ans Aufforsten ging, fiel die Wahl der Waldbesitzer auf die Fichten, weil sie schnell wachsen, gutes Bauholz und das zu damaliger Zeit stark nachgefragte Grubenholz liefern.

Da krabbeln sie, die Borkenkäfer.

Da krabbeln sie, die Borkenkäfer. Foto: Anne Steven

Die aktuellen Kahlschläge müssen ebenfalls aufgeforstet werden. „Das schreibt der Gesetzgeber so vor“, betont Alexander Huesmann. Doch was gepflanzt werden soll, ist nicht vorgeschrieben. Fichten sind aber definitiv aus dem Rennen. Alternativen könnten die aus Nordamerika stammende Douglasie oder die Küstentanne sein. Auch die in Süddeutschland heimische Weißtanne ist geeignet. „Grundsätzlich sind Mischwälder besser als Monokulturen“, sagt der Förster. Großflächige Nadelholzflächen sollten vermieden werden, Mischkulturen mit Laubholz sind weniger anfällig gegen Schädlinge oder Wetterextreme. Ursprüngliche Wälder im Ochtruper Bereich bestehen in der Regel aus Birken oder Eichen. Wobei Letztere deutlich langsamer wachsen. „Aber schließlich ist das eine Generationensache.“ Es kommen aber auch mediterrane Baumarten wie etwa die Esskastanie in Frage. Dieser Baum befinde sich derzeit in der Erprobungsphase.

Grundsätzlich versuchen Alexander Huesmann und seine Mitstreiter, jeden Quadratmeter Wald zu erhalten. Aber gegen den Borkenkäfer ist derzeit einfach kein Kraut gewachsen.

Forstwirt Olaf Staehler schält den Stamm einer Fichte, um das Ausmaß des Borkenkäferbefalls sichtbar zu machen.

Forstwirt Olaf Staehler schält den Stamm einer Fichte, um das Ausmaß des Borkenkäferbefalls sichtbar zu machen. Foto: Anne Steven

Tipps für Land- und Forstwirte

ichtig bei einem Borkenkäferbefall ist für Waldbesitzende zu wissen, dass es steuerliche Erleichterungen gibt. Diese gelten für außerordentliche Holznutzungen. „Nach Paragraf 34b Einkommensteuergesetz (EStG) sind außerordentliche Holznutzungen unter anderem ‚Holznutzungen infolge höherer Gewalt (Kalamitätsnutzungen)’“, schreibt Wald und Holz NRW auf seiner Internetseite. Dazu zählten auch solche, die durch Insektenfraß, wie zum Beispiel durch Borkenkäfer, entstehen. Um diese außerordentlichen Holznutzungen bei der Berechnung der Einkommenssteuer geltend zu machen, sei es notwendig, diese sofort nach dem Feststellen des Schadens bei dem zuständigen Finanzamt anzumelden, sowie nach dem Holzeinschlag mengenmäßig nachzuweisen. Die Formulare sind online zu finden. Erst nach der Anmeldung gilt der ermäßigte Steuersatz.  

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