Haushaltswaren und Schmiede Terhaar in Welbergen
Schmitts‘ Paulas Laden

Ochtrup -

Schmitts Paula war früher in Welbergen bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich Terhaar betrieb sie im Herzen des Dorfes einen Haushaltswarenladen und eine Schmiede. Die Geschäftsfrau mit Leib und Seele kannte jeder und sie kannte jeden. Ein echtes Original.

Donnerstag, 13.06.2019, 07:00 Uhr
Haushaltswaren und Schmiede Terhaar im Dorfkern von Welbergen etwa Mitte der 1950er Jahre aus der Vogelperspektive.
Haushaltswaren und Schmiede Terhaar im Dorfkern von Welbergen etwa Mitte der 1950er Jahre aus der Vogelperspektive. Foto: Privatarchiv Familie Terhaar

Wenn Christa Fremann und ihre Halbgeschwister Ulla Küppers und Johannes Terhaar nach Welbergen kommen, dann werden Erinnerungen wach an das Haus ihrer Kindheit. Das Anwesen lag an der Dorfstraße gegenüber der Dionysiuskirche, direkt neben dem Dorfladen. Schmiede, Laden, Fahrradhandel und Tankstelle waren auf dem Areal vereint. Und eine Zeit lang wurden dort auch Landwirtschaftliche Geräte verkauft.

Schmiedemeister Heinrich Terhaar konzentrierte sich aber bald ausschließlich auf sein Handwerk. In seine Werkstatt kamen die Bauern, wenn sie ihre Pferde beschlagen ließen oder andere Schmiededienste wünschten. Ein weiterer Schwerpunkt seines Handwerks waren Kunstschmiedearbeiten. Das Eingangstor des Anwesens Haus Welbergen zum Beispiel war sein Werk.

„Schmitts Paula “ kannte jeder

Für alles andere war seine Frau Paula zuständig. Alle nannten sie „Schmitts Paula“, weil sie die Frau des Dorfschmiedes war. Schmitts Paula pendelte zwischen Tankstelle und Laden, erledigte nebenbei ihren Haushalt und war jederzeit für ihre Kundschaft da. Öffnungszeiten? Die gab es bei ihr nicht. Ulla Küppers erinnert sich an einen Kunden, der nach Mitternacht an der Haustür klingelte. „Paula, ick mott noch tanken“, habe der Mann gerufen. Klar, dass Paula Terhaar dem Mopedfahrer diesen Wunsch erfüllte. Die Uhrzeit spielte für sie keine Rolle.

Paula und Heinrich Terhaar.

Paula und Heinrich Terhaar. Foto: Privatarchiv Familie Terhaar

Mit Herzblut betrieb sie vor allen Dingen ihren Laden, den sie nach und nach zu einem kleinen Kaufhaus erweiterte. Ob Haushaltswaren, Süßigkeiten, Tabakwaren, Zeitschriften, Spielzeug oder Handwerkzeug – bei Schmitts Paula wurde man fündig. Natürlich kauften die jungen Frauen aus Welbergen und Umgebung dort ihre Kaffee- und Essservices sowie Bestecke und Gläser für die Aussteuer. Alles im Dutzend, das schrieb die dörfliche Tradition vor. Und wenn jemand ein Geschenk für eine Verlobung oder Hochzeit suchte, dann wusste Paula Terhaar genau, was im Haushalt der betreffenden Braut bereits vorhanden war.

Neben der guten Beratung gehörte selbstverständlich ein Pläuschchen am Rande dazu. Schmitts Paula war eine Geschäftsfrau mit Leib und Seele, die sich stets Zeit für andere nahm und die Vorlieben ihrer Kundschaft kannte. So richtete sie sich darauf ein, dass viele Männer samstagnachmittags gern heimwerkelten. Da fehlte dem einen oder anderen natürlich mal ein passendes Ersatzteil. „Paula, ick bruk noch n‘ paar van düsse Schrüwkes.“ So oder ähnlich formulierten die Kunden dann ihre Wünsche. Mit einem Lächeln auf den Lippen erklärte die Ladeninhaberin daraufhin: „Augenblick, ick kiek moal, off ick die helpen kann“ und verschwand im Keller. „Dort war das Ersatzteillager, wo Mutter meistens das passende Stück fand. Und wenn nicht, versuchte sie es zu besorgen. Es gab kaum eine Ware, die sie nicht beschaffen konnte“, erinnert sich Christa Fremann.

Ursprung des Unternehmens

Der Ursprung des Unternehmens war die Schmiede Woltering am Brink. Der Schmied Johann Meyer aus Esterwegen hatte sie im Jahre 1939 gepachtet. In Welbergen fand Meyer nicht nur sein berufliches Standbein, sondern auch seine spätere Frau Paula, eine geborene Schwering. 1942 heirateten die beiden. Wie alle jung Vermählten hatten auch sie Zukunftspläne. Sie wollten sich in Richtung Dorfmitte orientieren und erwarben ein passendes Grundstück an der Dorfstraße.

Aber zum Bau der Schmiede kam es vorläufig nicht. Denn es herrschte Krieg und Johann Meyer wurde 1943 eingezogen. Bereits 1944 fiel er im Zweiten Weltkrieg. „Aber das haben wir erst 1949 erfahren. Bis dahin galt mein Vater als vermisst“, berichtet Christa Fremann.

Ihre Mutter habe fortan die Geschicke allein in die Hand genommen und auf dem Grundstück im Dorf mit dem Bau eines Wohnhauses mit Schmiede begonnen. 1951 heiratete sie den Schmiedemeister Heinrich Terhaar und erweiterte das Gebäude. Im Erdgeschoss ihres Wohnhauses richtete sie einen kleinen Laden mit Haushaltswaren ein. Von dort hatte sie die Tankstelle, die ebenfalls auf dem Grundstück errichtet wurde, stets im Blick.

„Anfangs wurde der Treibstoff aus einem Fass in den Tank gefüllt“, erinnert sich Christa Fremann an die Tankkultur der 1950er Jahre. Später kamen die ersten Zapfsäulen. Die hatten allerdings nicht den heutigen Selbstbedienungs-Standard. Den Treibstoff füllten die Terhaars persönlich in die Tanks. „Und sonntags haben wir oft diese Arbeit übernommen“, erzählen die Töchter.

Dieses Foto entstand 1974. Damals musste Paula Terhaar die Preistafel an der Tankstelle noch per Hand aktualisieren. Ohne Leiter kam sie da nicht dran.

Dieses Foto entstand 1974. Damals musste Paula Terhaar die Preistafel an der Tankstelle noch per Hand aktualisieren. Ohne Leiter kam sie da nicht dran. Foto: Privatarchiv Familie Terhaar

Christa Fremann zeigt ein Tankstellenfoto aus dem Jahre 1979. Der Benzinpreis lag damals bei 97 Pfennig pro Liter. „Wenn sich der Preis änderte, kletterte unsere Mutter auf ihre Standleiter und aktualisierte die Angaben auf der Preistafel“, erzählen Schmitts Paulas Töchter schmunzelnd. Zum Glück seien damals die Benzinpreise noch recht stabil gewesen, so dass der Leitereinsatz nicht allzu häufig erforderlich war.

1986 wurde Paula Terhaar Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls. Ein Schock für die Familie und für alle, die sie kannten. „Eine ältere Welbergenerin erzählte mir einmal, dass das ganze Dorf getrauert hätte“, bemerkt Christa Fremann nachdenklich.

Heinrich Terhaar und sein Sohn Johannes führten den Laden zunächst weiter. 1993 starb der Senior und 1994 schloss Johannes Terhaar das Unternehmen. Einige Jahre später wurden Haus und Werkstatt abgerissen. Auf dem Gelände entstand ein Neubau. An dem Standort, wo einst Schmitts Paula und ihr Mann Heinrich lebten und ihre Kunden bedienten, zogen die Volksbankfiliale (inzwischen SB-Bereich der Volksbank) und ein Statikerbüro ein. „Haushaltswaren und Schmiede Terhaar“ sind somit Geschichte. Eine Geschichte, an die man in Welbergen nach wie vor gern zurückdenkt.

Nach dem Abriss Mitte der 1990er Jahre entstand dieser Neubau. Heute ist dort ein Statiker-Büro und der SB-Bereich der Volksbank untergebracht.

Nach dem Abriss Mitte der 1990er Jahre entstand dieser Neubau. Heute ist dort ein Statiker-Büro und der SB-Bereich der Volksbank untergebracht. Foto: Irmgard Tappe

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