Am 4. Juli steht die Wiederwahl der Ersten Beigeordneten an
Chefin, wenn der Chef nicht da ist

Ochtrup -

Seit acht Jahren ist Birgit Stening Ochtrups Erste Beigeordnete. Am 4. Juli (Donnerstag) steht in der Ratssitzung ihre erste Wiederwahl an. Die Fraktionen haben dies vorab bereits befürwortet. Doch was tut eine Erste Beigeordnete überhaupt? Und wie ist es, wenn das Vorstellungsgespräch öffentlich in einer Ratssitzung abgehalten wird? Die WN haben mit Birgit Stening darüber gesprochen.

Montag, 24.06.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 24.06.2019, 14:58 Uhr
Wenn der Bürgermeister außer Haus ist, hat Ochtrups Erste Beigeordnete Birgit Stening im Rathaus das Sagen. Am Donnerstag steht ihre erste Wiederwahl an.
Wenn der Bürgermeister außer Haus ist, hat Ochtrups Erste Beigeordnete Birgit Stening im Rathaus das Sagen. Am Donnerstag steht ihre erste Wiederwahl an. Foto: Steven

Das Vorstellungsgespräch für die neue Stelle wird öffentlich abgehalten, der erste Arbeitstag dauert 16 Stunden und irgendwie ist man für alles und jeden zuständig. Ein wahrer Traumjob, oder? Nun, Och­trups Erste Beigeordnet Birgit Stening hat das nicht abschrecken können. Vor acht Jahren trat sie ihren Dienst im Rathaus der Töpferstadt unter genau diesen Bedingungen an – und bisher hat sie keinen Tag bereut. Am 4. Juli (Donnerstag) steht ihre Wiederwahl an.

Öffentliches Vorstellungsgespräch

Als Bonbon gab es vorweg einen gemeinsamen Antrag aller Ratsfraktionen, in dem sich die Politiker für die Wiederwahl der 49-Jährigen aussprachen. „Das hat mich total gefreut und auch stolz gemacht“, ist Birgit Stening dankbar für diese Unterstützung aus der Politik. Letzterer – vor acht Jahren in anderer Besetzung – musste sich die Ochtruperin in ihrem öffentlichen Vorstellungsgespräch stellen. „Das war am 28. September 2011“, kommt das Datum wie aus der Pistole geschossen. Keine Frage, dieser Abend hat Eindruck hinterlassen. Im Rahmen einer Ratssitzung fand damals das Vorstellungsgespräch für Birgit Stening und ihren damaligen Konkurrenten statt. Der Ochtruperin ist das Gespräch positiv in Erinnerung geblieben. „Als ich da raus bin, war ich glücklich und stolz, dass ich das überstanden hatte“, erzählt sie. Und dabei lief es am Anfang überhaupt nicht. Denn nach ihrem Namen wusste Ochtrups heutige Erste Beigeordnete zunächst nichts mehr zu sagen. „Ich hatte einen Blackout. Um mich herum hätte man eine Stecknadel fallen hören können“, erzählt sie lachend. Doch sie meisterte die Situation offensiv. „Ich habe erklärt, dass ich ein bisschen nervös sei und mich jetzt mal kurz sammeln müsste“, berichtet die 49-Jährige. Das half, sie fand den Faden wieder. Ein echter Klassiker in Vorstellungsgesprächen war die Abschlussfrage: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Die Ochtruperin antwortete spontan und selbstbewusst: „Ja, wieso? Hier in Ochtrup, zwei Jahre nach meiner Wiederwahl.“

Die Politiker brauchten an diesem Abend noch ein bisschen Bedenkzeit, kurz darauf zog der damalige Gegenkandidat seine Bewerbung zurück. Doch für die Erste Beigeordnete wäre der Abend auch bei einer Absage positiv geblieben, so zufrieden sei sie mit sich gewesen. Drei Wochen später bekam sie die Zustimmung des Rates der Stadt Ochtrup.

Erster Arbeitstag

Und der erste Arbeitstag am 15. Dezember 2011? Wie gesagt, er hatte es in sich. Die damalige Ratssitzung mit Haushaltseinbringung und Vorstellung des Brandschutzbedarfsplans dauerte bis Mitternacht. „Wenn man nicht bereit ist, sehr viel persönlich einzubringen, ist man in diesem Job fehl am Platze“, hat Birgit Stening gelernt. Um das Amt der Ersten Beigeordneten auszufüllen, reichen die regulären Öffnungszeiten im Rathaus beileibe nicht aus. Mit dieser zeitlichen Inanspruchnahme habe sie vorab allerdings nicht gerechnet, gibt Birgit Stening zu. „Da musste ich erst mal reinwachsen.“ Das sei eben der „Unterschied zwischen Vorstellung und Echtbetrieb“.

Nach nun fast acht Jahren kommt sie mit der Allzuständigkeit und der Themenvielfalt ganz gut klar. „Ich mache einfach meinen Job.“ Große Unterstützung erfahre sie dabei im Rathaus, dessen Mannschaft einfach gut funktioniere und die ihr gerade am Anfang geholfen habe, sich in neue Themenfelder einzuarbeiten.

Ehrlichkeit und der direkte Kontakt mit ihren Mitarbeitern ist Birgit Stening besonders wichtig. Das gelte auch für die Kommunikation mit den Bürgern. „Ich muss da immer an meinen Pädagogik-Leistungskurs bei Monika Fahlbusch denken und stelle mir dann die Frage, wo ich mein Gegenüber abholen muss“, sagt Birgit Stening. „Wichtig ist, mit den Menschen zu reden.“ Und manchmal müssten dann auch harte Fakten auf den Tisch. Gerade in Anliegerversammlungen habe es sich bewährt, die Bürger direkt mit den Fakten zu konfrontieren und nicht lange um den heißen Brei herumzureden.

Rats- und Ausschussarbeit

In der Rats- und Ausschussarbeit hat sich Birgit Stening in den vergangenen acht Jahren ein dickeres Fell zugelegt, wie sie sagt. „Am Anfang habe ich mir bei Kritik den Schuh immer selbst angezogen. Das heißt nicht, dass ich heute abgestumpft wäre. Vielmehr nehme ich die Dinge nicht sofort persönlich“, erklärt sie. Mittlerweile habe sie zudem ein gutes Gespür für die politische Lage entwickelt. Und es helfe, sich in die Position des jeweils anderen hineinzuversetzen, um zu verstehen, warum jemand so und nicht anders handelt. Der Austausch mit ihrem Bruder, der in der Nachbargemeinde Metelen im Rat sitzt, sei in diesem Zusammenhang sehr hilfreich.

Und bei all der vielen Arbeit, der Komplexität der Themen, gab es da nicht auch Zweifel am Job? „Es gab keinen Moment, wo ich gesagt habe, dass ich die Brocken hinschmeiße“, betont Birgit Stening. Die 49-Jährige hat gelernt in ihrer Freizeit, abzuschalten. „Ich bin ein großer Fan historischer Romane“, erzählt sie. Beim abendlichen Lesen lasse sich die Rathauswelt hervorragend vergessen. Wahlweise eigne sich dazu übrigens auch Bügeln oder Putzen.

Vorteile der Nummer 2

Und einen Vorteil hat es in jedem Fall die Nummer 2 im Rathaus zu sein. „Wenn der Bürgermeister nicht im Haus ist, bin ich hier die Chefin“, sagt die Erste Beigeordnete und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. So erkläre sie auch immer, was genau im Rathaus ihr Job ist. Wobei ihr eines ganz wichtig ist: Eine Bürgermeisterkandidatur in Ochtrup, das ist für sie keine Option. Sie fühle sich in der zweiten Reihe und in ihrem Job wohl, sagt sie.

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