Schwester Jucunda über ihre Zeit im Marienheim
Kriegswunden und Heiratsanträge

Ochtrup -

Heute ist das ehemalige Marienheim ein Wohnhaus, doch es hat bewegte Jahre hinter sich. Könnten die Mauern reden, würden sie von den „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ erzählen und den jungen Männern mit schweren Verletzungen, die während des Zweiten Weltkriegs in dem Gebäude versorgt wurden. Schwester Jucunda erlebte diese Zeiten mit und erinnert sich.

Samstag, 10.08.2019, 06:00 Uhr
Schwester Jucunda (kl. Bild) erlebte im Marienheim turbulente Kriegsjahre. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus (gr. Bild).
Schwester Jucunda (kl. Bild) erlebte im Marienheim turbulente Kriegsjahre. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus (gr. Bild). Foto: Irmgard Tappe

Wenn die Mauern des ehemaligen Marienheims reden könnten, sie würden den Menschen wahrscheinlich viel erzählen. Von den Gebrüdern Laurenz, die das Haus einst als Heim für junge Textilarbeiterinnen errichtet hatten und von den „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“, denen die Fabrikanten die Betreuung dieser jungen Frauen anvertrauten. Das Marienheim würde sich gewiss auch an jenen Tag Ende April 1884 erinnern, als die Ordensoberin und drei Mitschwestern ihre Tätigkeit in Ochtrup aufnahmen. Und es wäre stolz auf sich selbst, weil es über die Stadtgrenzen hinaus als „Symbol vorbildlicher Sozialarbeit in Zusammenarbeit von Kirche und Industrie“ bekannt war.

Natürlich würde das Gebäude auch aus den 1920er/30er Jahren berichten, als es die „Höhere Töchterschule“ beherbergte. Und vor allen Dingen von dem Lazarett, das ab 1942 in seinen Räumen eingerichtet wurde. Nebenbei war das Marienheim allzeit eine beliebte Stätte für Mädchen im heiratsfähigen Alter, die danach strebten, eine perfekte Hausfrau zu werden. Entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten erlernten sie von der Pike auf bei den Nonnen im Hause.

Hin und wieder kam es sogar vor, dass sich eine der Hauswirtschaftsschülerinnen für den Ordensberuf interessierte. Wie Schwester Jucunda, die heute im Haus Loreto in Horstmar-Leer lebt. „Ach, meine Zeit im Marienheim“, meint die 95-Jährige nachdenklich, „1944 war das. Aber für mich fühlt es sich so an, als wäre es gestern gewesen.“

Schwester Jucunda hieß damals noch Auguste Deitermann , war 20 Jahre alt und kam aus dem Nachbarort Metelen. „Wir waren insgesamt sieben Auszubildende. Die Schwestern brachten uns alle hausfraulichen Arbeiten bei. Nicht nur Kochen gehörte dazu, sondern auch Tisch decken, Nähen, Waschen, Bügeln, Mangeln und natürlich Putzen“, betont die Ordensfrau.

Dann erzählt sie von den verletzten Soldaten, denen sie während ihrer Ausbildungszeit im Marienheim begegnete. „Lauter junge Männer. Zum Teil kamen sie mit schweren Schussverletzungen zu uns. Amputationen und die Behandlung von Gesichtsverletzungen oder Bauchschüssen gehörten zum Alltag der Chirurgen. Ein Raum des Hauses war als Operationssaal eingerichtet. Es gab aber auch einen Internisten im Haus, der den allgemeinen Gesundheitszustand der Kriegsverletzten untersuchte“, berichtet die 95-Jährige.

Mit der Pflege der Patienten hatten Schwester Jucunda und ihre Kolleginnen allerdings nichts zu tun. Das war Sache der Sanitäter und Rote-Kreuz-Schwestern. „Ich denke noch oft an Schwester Hildegard. Sie war eine ausgesprochen liebenswerte Frau“, bemerkt sie. Wenn jedoch ein Transport mit verletzten Soldaten eingeliefert wurde, dann hätten alle mit anpacken müssen. Die Wäsche und Kleidung der Verletzten reinigen und entsorgen habe zu den Aufgaben der hauswirtschaftlichen Lehrlinge gezählt.

Die Kriegsverletzten, fährt Schwester Jucunda fort, seien selbstverständlich auch seelsorglich betreut worden. Viele von ihnen seien traumatisiert gewesen. Sofern sie nicht mehr bettlägerig waren, suchten sie gern die Kapelle des Marienheims auf. Bei den Nazis sei es ihnen ja verboten gewesen, in ein Gotteshaus zu gehen. Umso mehr hätten sie diese neue Freiheit geschätzt. „Welch ein Glück, dass wir wieder Mensch sein dürfen. Endlich können wir in eine Kapelle gehen um Gott zu danken. In den Schützengräben haben wir immer nur gefleht“, habe ein junger Soldat einmal geäußert.

Wenn die Hauswirtschaftslehrlinge den Soldaten im Speisesaal die Mahlzeiten servierten, kamen sie des Öfteren mit ihnen ins Gespräch. Dann beobachteten sie, wie erleichtert die Männer angesichts ihrer fortschreitenden Gesundheit waren. Gleichzeitig ging eine gewisse Angst um, die mit dem Begriff „Kriegsverwendungstauglich“ (KV) zusammenhing. Sie fürchteten sich vor dem Tag, an dem der Arzt ihnen eine KV bescheinigte und sie wieder in den Krieg mussten.

Trotzdem hatte während dieser Zeit auch die Fröhlichkeit ihren Platz im Marienheim. Sowohl bei den Soldaten als auch bei den Hauswirtschafterinnen. Etwa abends beim gemeinsamen Musizieren, Singen und Tanzen. „Sogar Heiratsanträge wurden uns gemacht. Bei meiner Kollegin Clara ist es später was geworden. Sie hat ihren Soldaten aus dem Lazarett geheiratet“, erzählt Schwester Jucunda. Sie selbst hatte zu der Zeit bereits andere Lebenspläne. „Ich hatte schon früher den Wunsch, ins Kloster zu gehen. Meine Erfahrungen im Marienheim haben mich bestärkt, dass es der richtige Weg sein würde. Das habe ich unserer Oberin, Schwester Agneta, auch mitgeteilt. Ich weiß noch genau, in welchem Raum unser Gespräch stattfand“, erinnert sich die 95-Jährige, die sich für den Orden der Vorsehungsschwestern entschied.

Ihr späterer Wirkungskreis war allerdings nicht in Ochtrup. Sie wurde in anderen Orten eingesetzt. 1961 war für das Marienheim dann das Jahr des Abschieds von den „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“. Weil immer weniger Frauen sich für das Klosterleben entschieden, wurden die Nonnen für Aufgaben innerhalb der Ordenshäuser oder der Pfarrgemeinden gebraucht. Schwestern der Spanischen Ordensgemeinschaft der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“, lösten die Vorsehungsschwestern im Marienheim ab. Sie betreuten allein stehende Mädchen und Frauen, die in ihrem persönlichen Lebensbereich Hilfe benötigten. In Ochtrup gründeten sie ihre erste deutsche Niederlassung. In den 1990er Jahren ging das Marienheim in Privatbesitz über. Es wurde kernsaniert und zu Wohnungen umgebaut.

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