Kirchenaustritte beschäftigen die Gemeinden
Ein zweiminütiger Verwaltungsakt – das war’s

Ochtrup -

Es ist nur ein etwa zweiminütiger Verwaltungsakt: Man fährt zum Amtsgericht, sagt, dass man aus der Kirche austreten will, bekommt ein Formular, unterschreibt – das war’s. Diesen Schritt, der Institution Kirche den Rücken zu kehren, gehen mittlerweile immer mehr Menschen. Auch die Gemeinden vor Ort bekommen das zu spüren.

Donnerstag, 12.09.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 13.09.2019, 09:09 Uhr
Eine steigende Zahl von Kirchenaustritten verzeichnen sowohl die evangelische als auch die katholische Kirchengemeinde (hier St. Lamberti).
Eine steigende Zahl von Kirchenaustritten verzeichnen sowohl die evangelische als auch die katholische Kirchengemeinde (hier St. Lamberti). Foto: Anne Steven

Sowohl Pfarrerin Imke Philipps von der evangelischen Kirchengemeinde als auch Pfarrer Stefan Hörstrup von St. Lambertus haben festgestellt, dass die Zahl der Kirchenaustritte in den Sommermonaten gestiegen ist.

Die grauen Umschläge

„Ich erkenne das immer an den grauen Umschlägen“, erzählt Philipps von ihrem Unbehagen, wenn sie die Benachrichtigungen vom Amtsgericht aus dem Briefkasten fischt. Sie wie auch Hörstrup haben sich bisher immer in einem Brief an diejenigen gewandt, die aus ihrer Kirche ausgetreten sind. Schließlich wollen beide erfahren, welche Gründe zu dem Austritt geführt haben. „Ich kann mich aber an keine Reaktion erinnern“, sagt Hörstrup. Und auch bei Philipps gab es kaum Resonanz. Die Pfarrerin ist deshalb dazu übergegangen, ihre Briefe und das damit verknüpfte Gesprächsangebot persönlich abzugeben. Dabei erfuhr sie, dass es überwiegend finanzielle Gründe sind, warum Menschen aus der Kirche austreten. „Es ist ihnen einfach zu viel“, weiß Philipps heute. Vielleicht sei in vielen Fällen auch die Bindung zur Kirche nicht mehr so eng und es fehle die Bereitschaft, etwas für die Gemeinschaft zu tun, ohne einen direkten Nutzen daraus zu ziehen.

Glaube wird heute eher privat gelebt

„Die Frage des Glaubens wird heute eher privat gelebt, als in Gemeinschaft“, hat Hörstrup festgestellt. Er persönlich findet es aber wichtig, sich auszutauschen und so den eigenen Glauben zu vertiefen. Zudem könnten Fragen beantwortet und Dinge aus anderen, neuen Perspektiven betrachtet werden, statt immer im stillen Kämmerlein „vor sich hinzukrauten“. Kirche gelinge es oftmals nicht mehr, lebensrelevant zu sein. „Und das ist ein Punkt, an dem ich manchmal verzweifle“, gibt der Pfarrer offen zu.

Gerade in kleinen Orten wie Ochtrup spiele die Kirche aber immer noch eine wichtige Rolle. Da gebe es noch Vertrauen. „Dafür bin ich dankbar.“ Gerade bei existenziellen Fragen wie etwa dem Tod eines Angehörigen, stelle sich bei vielen Menschen doch wieder die Ahnung ein, dass Kirche hilfreich sein könne. „Es werden jedes Jahr 6000 Kerzen an den Opferstöcken abgebrannt. Ich denke, das ist auch ein Statement“, ist der Pfarrer überzeugt.

Es werden jedes Jahr 6000 Kerzen an den Opferstöcken abgebrannt. Ich denke, das ist auch ein Statement.

Stefan Hörstrup

Eine Sache ist beiden Geistlichen ganz wichtig: Die Taufe behält auch nach einem Kirchenaustritt ihre Gültigkeit. „Die Tür ist niemals zu“, betont Imke Philipps. Und Stefan Höstrup ergänzt: „Wer getauft ist, bleibt auch getauft.“ Doch mit dem Kirchenaustritt bleiben den Menschen einige Dinge in den Kirchen verwehrt. Da ist zum einen das kirchliche Begräbnis. „Das ist für Angehörige manchmal eine Überraschung“, weiß Philipp. Sie wie auch Hörstrup kommen den Angehörigen aber oftmals entgegen und lassen „Barmherzigkeit walten“, wie Hörstrup es formuliert. Doch die Entscheidung des Verstorbenen, aus der Kirche auszutreten, müsse ebenfalls respektiert werden.

Trauungen sind möglich, wenn ein Ehepartner der Kirche angehört. Anders sieht es beim Amt des Taufpaten aus. „Da müssen wir kirchenrechtlich genau sein. Schließlich geht es um die Begleitung in die Gemeinschaft des Glaubens“, erklärt Hörstrup, warum er Menschen, die nicht in der Kirche sind, nicht erlaubt, Taufpate zu sein. Das sorge bei den Tauffamilien oft für Ärger, da in vielen Fällen ein anderes Verständnis von Patenschaft vorliege. „Eine unserer Pfarrsekretärinnen formuliert das immer sehr treffend: ‚Wenn du in Welbergen Schützenkönig werden willst, musst du auch im Verein sein. Sonst geht das nicht.“

Wenn du in Welbergen Schützenkönig werden willst, musst du auch im Verein sein. Sonst geht das nicht.

Eine Pfarrsekretärin

Diesen „Verein“ zu verlassen, sei mittlerweile kein Tabu mehr, hat Philipps festgestellt. Die evangelische Kirche will deshalb neue Wege gehen. Es sei wichtig, die Menschen schon lange vor ihrem Austritt zu erreichen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören, sie einzubinden und zu binden, findet Jennifer Feldevert, Presbyterin in der evangelischen Kirchengemeinde. Klar, ecke man damit auch schon mal an. „Aber vielleicht ist das wichtig“, meint die 39-Jährige.

Zurück zur Kirche

Ausgehend von der englischen Bewegung „Back to Church“ (Dt. „Zurück zur Kirche“) gestaltet die Gemeinde deshalb Gottesdienste besonders für Menschen, die schon lange nicht mehr in der Kirche waren. Das siebenköpfige Vorbereitungsteam ist bunt gemischt und arbeitet schon fast ein halbes Jahr, sucht Lieder aus, diskutiert über Texte. Bewusst seien Bibelstellen ausgewählt worden, die leicht zugänglich sind. Doch grundsätzlich müsse man auch in der Kirche nicht alles verstehen, betont Imke Philipps. „Das Fremde kann doch auch etwas Spannendes sein“, findet sie. Wichtig sei vielmehr, sich einzulassen auf die Gemeinschaft und festzustellen, dass ein Gottesdienst stärkend, reinigend und wohltuend wirken könne. Im Anschluss biete das traditionelle Kirchcafé Gelegenheit zum Austausch und zum Gespräch – ganz unverbindlich.

Pfarrerin Imke Philipps (l.) und Presbyterin Jennifer Eilert laden zum Gottesdienst ein.

Pfarrerin Imke Philipps (l.) und Presbyterin Jennifer Feldevert laden zum Gottesdienst ein. Foto: Anne Steven

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Der Gottesdienst unter dem Motto „Aufstehen, aufeinander zugehen“ findet am 22. September (Sonntag) um 10.15 Uhr in der evangelischen Kirche statt.

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