Ochtrup einst und heute
Wo Opa Isegrim zu Hause war

Ochtrup -

Die Geschichte der Gaststätte Sandmann in Welbergen lässt sich bis ins Jahr 1850 zurückverfolgen. Doch nicht nur eine Wirtschaft wurde im Laufe der Jahre dort betrieben, sondern auch eine Bäckerei, ein Lebensmittelgeschäft, eine Landwirtschaft und die Post. Und welche Rolle Opa Isegrim dabei spielte, hat WN-Mitarbeiterin Irmgard Tappe von Renate Schier erfahren.

Mittwoch, 16.10.2019, 06:00 Uhr
Angefangen hat alles um 1850 mit einer Bäckerei. Später waren in dem Gebäude, in dem die Familie Niehue­sbernd heute die Gaststätte Sandmann betreibt, zudem besagte Schenke, die Post und ein Lebensmittelgeschäft beheimatet.
Angefangen hat alles um 1850 mit einer Bäckerei. Später waren in dem Gebäude, in dem die Familie Niehue­sbernd heute die Gaststätte Sandmann betreibt, zudem besagte Schenke, die Post und ein Lebensmittelgeschäft beheimatet. Foto: privat

„Das Haus, in dem nie das Licht ausging“, so beschreibt Renate Schier den Eindruck, den sie als Kind von der Gaststätte Sandmann hatte. Dass bei Sandmanns immer Licht brannte, lag daran, dass dort die fünf Wirtschaftszweige Schenkwirtschaft, Landwirtschaft, Post, Lebensmittelgeschäft und Bäckerei unter einem Dach vereint waren. „Wenn zu später Stunde in der Kneipe das Licht ausgeschaltet wurde, ging in der Bäckerei die Arbeit los“, erinnert sich die Welbergenerin, deren Vater Josef Schier dort Bäckermeister war. Seine Spezialitäten: Bienenstich, Spekulatius und Schwarzbrot.

Renate Schier zeigt einige alte und neue Fotos von dem Gebäude, das der Postwirt und Bäcker Hermann Leugers im Jahre 1899 errichten ließ. Aus dieser Zeit stammt auch der Name „Laiges“ (plattdeutscher Ausdruck für Leugers) der im Dorf noch heute geläufig ist.

Michael Niehuesbernd, seit 20 Jahren Inhaber der Gaststätte Sandmann, hat die Skizzen des Ursprungsgebäudes aufbewahrt. Haupteingang war die Schenke, von dort ging es rechts in den Laden. Dahinter waren Post und Bäckerei und im linken Bereich des Anwesens in den ersten Jahrzehnten die Stallungen fürs Vieh, bis man diesen Teil später zum Lebensmittelladen umfunktionierte. Auch wenn das Gebäude im Laufe der 120 Jahre innen oft saniert wurde, die Außenfassade des Hauses hat bis heute ihren ursprünglichen Charakter behalten.

Älter als das Haus aber ist die Geschichte dieser Welbergener Gaststätte. Das geht aus einem Artikel der Chronik „850 Jahre Welbergen“ hervor. Den Anfang machte um 1850 eine kleine Bäckerei, wo „Stuten und Schwattbraut“ gebacken wurde. Wer sie gründete? Es muss der Vater von Hermann Leugers gewesen sein. Später übernahm Hermanns Neffe Heinrich Sandmann das Anwesen. Renate Schier lernte ihn noch kennen, als er ein alter Mann war. „Er war der Patriarch des Hauses, streng und autoritär. Wir Kinder nannten ihn heimlich ‚Opa Isegrim’“, sagt sie. Heinrich Sandmanns unverheiratete Schwester Maria habe ebenfalls im Hause gelebt. Die alte Dame, die in ihrem Schlafgemach eine umfangreiche Madonnenfigurensammlung hortete, trug immer eine Schürze und darüber einen Kartoffelsack. „Damit die Schürze nicht schmutzig wurde“, schmunzelt Renate Schier. Dann erzählt sie von dem grünen Sofa, das in der Gaststätte stand. „Das war hauptsächlich für den Briefträger. Wenn der gegen Mittag von der Postzustellung zurück kam, nahm er dort Platz und trank ein Schnäpsken.“

Zurück zu Opa Isegrim. Er überlebte seinen Sohn und Nachfolger, den Bäckermeister Hermann Sandmann. Hermann starb 1952 nach kurzer Krankheit. Seine Frau Anni heiratete sechs Jahre später Josef Mohring. Mehrere Jahrzehnte führte dieser die Gaststätte und die Post, während seine Frau Anni für den Lebensmittelladen zuständig war.

Es war die Zeit, als die Stammtischkultur bei „Laiges“ wuchs. Ihre Blütezeit erreichte sie in den 1960er/70er­ Jahren. Damals arbeitete Gertrud Lastering als Servicekraft in der Welbergener Gaststätte. Dass manch ein Stammtischbruder seinen Frühschoppen zum Dämmerschoppen ausdehnte, war keine Seltenheit. Und wenn sich dann bei der einen oder anderen Gattin ein gewisser Groll ausbreitete, versuchte Gertrud Lastering den Unmut zu besänftigen. „Sie war die Seele der Gaststätte“, sagt Renate Schier.

Inzwischen ist Gertrud Lastring längst verstorben, und auch die Mentalität der Welbergener Männergeneration hat sich geändert. „Wir haben zwar sonntagmorgens noch zwölf Stammtische, aber die haben ihren Frühschoppen bis Mittag beendet. Frau und Kinder sind den Männern von heute wichtiger“, weiß Michael Niehuesbernd über das Familienbewusstsein der jungen Väter.

In guter Erinnerung ist dem Wirt der politische Frühschoppen am Donnerstagmorgen. „Das war eine kleine Männerrunde, die sehr lebhaft über lokalpolitische Themen und auch über die große Politik diskutierte. Besonders der ehemalige Inhaber der Gaststätte Sandmann, Josef Mohring, habe die Runde belebt. Als Altbürgermeister von Ochtrup und Kommunalpolitiker habe er eine Menge Gesprächsstoff eingebracht. „Onkel Josef wusste viel und konnte sehr interessant erzählen. Als er starb, wurde mit ihm ein Geschichtsbuch zu Grabe getragen“, sagt Renate Schier.

All das ist Geschichte. Das Haus, in dem nie das Licht ausging, ist heute ein reiner Gastronomiebetrieb mit Festsaal und Biergarten. „Wir haben uns den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Neben Veranstaltungen im Saal nimmt besonders in den Sommermonaten der Fahrradtourismus einen großen Stellenwert ein. Das E-Bike trägt dazu bei, dass immer mehr Radfahrer von auswärts unseren Biergarten ansteuern“, berichtet Michael Niehuesbernd. Den Namen „Sandmann“ hat er für seine Gaststätte beibehalten. Und wenn die älteren Welbergener Poahlbuörger dort einkehren, dann sagen sie: „Wi goaht nao Laiges.“

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