Premiere für das Repair-Café
„Es ist schon eine Sucht“

Ochtrup -

Jede Menge Zulauf gab es am Samstag bei der Premiere des Repair-Cafés in Ochtrup.

Montag, 21.10.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 21.10.2019, 17:40 Uhr
Michael Böhnke (Foto o.) nimmt sich geduldig eines alten Radios an und versucht, dem „Schätzchen“ wieder Töne zu entlocken. Besonders viel zu tun hatte Friedrich Kersting, der mit seinem Messerschleifer extra aus Rees am Niederrhein angereist ist. Normalerweise ist er im Bocholter Repair-Café aktiv.
Michael Böhnke (Foto o.) nimmt sich geduldig eines alten Radios an und versucht, dem „Schätzchen“ wieder Töne zu entlocken. Besonders viel zu tun hatte Friedrich Kersting, der mit seinem Messerschleifer extra aus Rees am Niederrhein angereist ist. Normalerweise ist er im Bocholter Repair-Café aktiv. Foto: Maximilian Stascheit

Diese Chance lässt sich Olaf Lewejohann nicht entgehen. Als im Repair-Café gerade etwas Ruhe eingekehrt ist, kommt der Leiter der Bücherei St. Lamberti mit einer defekten Schreibtischlampe zu dem Tisch, auf dem Elektrogeräte repariert werden sollen. Ein Kabel ist gerissen, da die Lampe von einigen jüngeren Büchereibesuchern zu oft um 360 Grad gedreht wurde. „Man müsste vielleicht etwas ins Gewinde einbauen, damit sich die Lampe nicht mehrfach um die eigene Achse drehen lässt“, so Lewejohann.

Alfons Daldrup nimmt die Lampe genau in den Blick. Der pensionierte Grundschullehrer ist einer von rund 25 Ehrenamtlichen, die sich bei den Organisatoren Klaus Schnabel und Wolfgang Götze auf ihren Zeitungsaufruf gemeldet haben. Selbst war er handwerklich bisher vor allem in den eigenen vier Wänden aktiv. „Ich habe zu Hause immer viel repariert“, erzählt der Pädagoge. Außerdem sei er ein „alter Grüner“ und wehre sich gegen den wachsenden Ressourcenverbrauch.

Die Lampe aus der Bücherei kann er an diesem Morgen jedoch noch nicht reparieren. Es fehlt noch das passende Ersatzteil. „Müssen wir beim nächsten Mal machen“, erklärt Alfons Daldrup, der sich des Problems trotzdem annehmen möchte.

Dass es weitere Auflagen des Repair-Cafés geben wird, steht nach der Premiere am Samstagmorgen im Forum der Bücherei außer Frage. Selbst die beiden Organisatoren hatten mit einem so großen Andrang bei der ersten Auflage nicht gerechnet. „In Ochtrup dauert es normalweise, bis so etwas in Gang kommt“, weiß Klaus Schnabel aus Erfahrung.

Besonders viel zu tun hat Friedrich Kersting, der mit seinem Messerschleifer extra aus Rees am Niederrhein angereist ist. Normalerweise ist er alle zwei Wochen im Repair-Café in Bocholt aktiv. Um den Start der Initiative in Ochtrup zu unterstützen, lockte Wolfgang Götze ihn jedoch für diesen Morgen in die Töpferstadt. „Ich bin eigentlich jeden Samstag unterwegs“, erzählt der Rentner, der jahrzehntelang als selbstständiger Tischler tätig war und mittlerweile ein echter Experte in Sachen Repair-Cafés ist.

„Ich habe kürzlich mit einem Kollegen überlegt, ob das eine Sucht ist. Und ich glaube ja, das ist es wirklich.“ Gezählt hat er die Messer und Scheren, die er bisher geschliffen hat, nicht. Fest steht aber, dass er mit der Arbeit an der Schleifmaschine schon unzählige Besucherinnen der Repair-Cafés mit einem strahlenden Gesicht wieder nach Hause geschickt hat. „Wenn ich morgens losfahre, sage ich immer zu meiner Frau: ,Ich mache jetzt wieder Frauen glücklich‘“.

Einen Tisch weiter sitzt Jürgen Kuczwalska und widmet sich den Elektrogeräten. Zwei defekte Staubsauger hat er bisher schon wieder in Gang gebracht. „Bei einem war zum Beispiel nur der Schalter kaputt und musste ersetzt werden“, erzählt er. Genau wie den anderen Ehrenamtlichen ist ihm die Freude an der Arbeit anzumerken. Der gelernte Elektriker musste seinen Beruf nach einem Schlaganfall früh an den Nagel hängen, da er von der Berufsgenossenschaft nicht mehr versichert wurde. Auch mit seiner Spezialisierung auf Computerelektronik und Informatik, die er später erwarb, fand er keinen Job mehr. „Ab 50 Jahren gehörst du in dieser Branche zum alten Eisen. Du hast ein Riesen-Wissen, wirst aber von der Industrie nicht mehr gebraucht.“ Doch im Repair-Café ist der Frührentner mit seiner Expertise eine wertvolle Kraft. Neben den beiden Staubsaugern konnte er auch einen Laptop wieder reparieren.

Messerschleifer Friedrich Kersting.

Messerschleifer Friedrich Kersting. Foto: Maximilian Stascheit

„Neben dem ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit ist mir bei diesem Projekt vor allem die soziale Komponente sehr wichtig“, erklärt Klaus Schnabel. „Die Senioren werden aus ihrer Ecke herausgeholt und können ihre Reparaturfähigkeiten anwenden.“ Die Besucher, die sich während der Reparaturarbeiten von den „Repair-Engeln“ – so nennen sich die ehrenamtlichen Helferinnen – mit Kaffee, Kuchen und Brötchen verwöhnen lassen können, danken es ihnen mit einer Spende, über deren Höhe jeder selbst entscheiden darf. Und natürlich auch mit strahlenden Gesichtern, von denen es am Samstagmorgen viele gab.

Auftaktbilanz

Während am Samstag in Ochtrup die erste Auflage des Repair-Cafés startete, feierte die internationale Initiative am selben Tag ihr zehnjähriges Bestehen. Die Gründer aus Amsterdam hatten dazu aufgerufen, alle an diesem Tag reparierten Geräte zu protokollieren. Nun wollen sie ausrechnen, wie viel CO2 dadurch insgesamt eingespart wurde. In Ochtrup wurden folgende Reparaturen erfolgreich durchgeführt: 33 Messer, ein Spezialmesser, zwölf Scheren, zwei Stecheisen, ein Foto-Schneidebrett, zwei Staubsauger, ein Stabmixer, zwei Leuchten, ein Alles-Schneider, zwei Radios, eine Fernsteuerung, drei Notebooks, ein Handy, ein Akkuschrauber, eine Armbanduhr und ein Wäscheständer.

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