Lebensmittelgeschäft der Familie Kerstiens
Köstlichkeiten von „Hürwel Hiärm“

Ochtrup -

Backfisch, Bückling und ein dickes Stück Käse gekauft bei „Hürwel Hiärm“ am Stand, das hatte einst für manch einen

Montag, 04.11.2019, 06:00 Uhr
Viele alte Relikte haben Wilhelm Kerstiens und seine Schwester Elisabeth Mai aus dem Geschäft ihrer Vorfahren noch aufbewahrt.
Viele alte Relikte haben Wilhelm Kerstiens und seine Schwester Elisabeth Mai aus dem Geschäft ihrer Vorfahren noch aufbewahrt. Foto: Irmgard Tappe

Er im weißen Kittel, sie in weißer Schürze – so kannte man Willi und Antonia Kerstiens , wenn sie in ihrem Laden an der Bültstraße standen und ihren Kunden Obst, Gemüse, Käse und Milchprodukte verkauften. Zum Wochenende kam dann noch frischer Fisch dazu. „Der wurde aus Bremerhaven geliefert. Oft holte unser Vater die Ware in der Nacht zu Donnerstag dort auch persönlich ab. Das Obst und Gemüse kaufte er immer auf einem Großmarkt in Essen ein“, erinnert sich Elisabeth Mai. Ihr Bruder Wilhelm Kerstiens kommt gerade mit einem Relikt aus dieser Zeit herein und stellt es auf die Küchenanrichte. „Das ist ein Käseschneider. Der kam im Laden und auf der Kirmes zum Einsatz“, sagt er.

Backfisch, Bückling und ein dickes Stück Käse gekauft bei „Hürwel Hiärm“ am Stand, das hatte einst für manch einen Ochtruper, Langenhorster oder Welberger Tradition, wenn in den Orten Kirmes war. Aber nicht nur das, auch „Hürwel Hiärms“ leckere Weintrauben und Pfirsiche waren unwiderstehlich. „Dafür habe ich meistens mein Kirmesgeld restlos ausgegeben“, erzählt eine Ochtruperin.

Doch woher stammt die Bezeichnung „Hürwel Hiärm“? „Wahrscheinlich aus der Zeit, als mein Großvater das Geschäft führte. Er hieß nämlich Hermann“, vermuten die Geschwister Kerstiens.

Gegründet hatte Urgroßvater Wilhelm Kerstiens das Familienunternehmen im Jahre 1891. „In den Anfangsjahren schob er mit der Schubkarre zur Langenhorster Kirmes, um dort Sprotten, Bücklinge und eingelegte Heringe zu verkaufen“, erzählt Wilhelm Kerstiens. Ein vergilbtes Bild belegt diese Geschichte.

1915 übernahm Wilhelms Sohn Hermann den Laden. „Mit ihm begann eine neue Epoche, wobei der Dienst am Kunden nach wie vor im Mittelpunkt stand“, heißt es in einem alten Zeitungsartikel.

Vermutlich hat Hermann Kerstiens auch den Laden an der Bültstraße erbauen lassen. Genaues darüber ist den Nachkommen nicht bekannt. Nach Hermanns frühem Tod im Jahre 1927 führte seine Frau Gertrud das Unternehmen zunächst allein weiter. „Unsere Oma muss wohl eine pfiffige Geschäftsfrau gewesen sein“, meint Elisabeth Mai schmunzelnd und erzählt von dem Sonderangebot „ein Pfund frische Pflaumen 30 Pfennig, drei Pfund eine Mark“ Die meisten Kunden hätten drei Pfund gekauft, weiß sie aus den Erzählungen ihres Vaters Willi Kerstiens.

Ursprünglich hatte Willi Kerstiens eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Später entschied er sich, das Geschäft seiner Eltern weiter zu führen. Seine unverheiratete Schwester Margret arbeitete ebenfalls in dem Familienunternehmen mit. Als dann Willis und Antonias Kinder heranwuchsen, wurden auch sie eingespannt. Zum Beispiel während der Ochtruper Kirmes. „Kirmes“, sagt Elisabeth Mai, „war früher ein großes Ereignis für die Ochtruper. Darauf freuten sie sich das ganze Jahr. Entsprechend viel war auch an unserem Stand los. Also fiel für uns der Kirmesbummel aus. Stattdessen mussten wir fleißig mit anpacken. Aber wenn wieder Ruhe eingekehrt war, fuhr Papa mit uns in einen Freizeitpark. Das war dann unser Kirmesvergnügen.“

Waren zur Kirmes Bücklinge oder Backfische die Gaumenfreuden der Kundschaft, so war es zu Weihnachten der frische Karpfen. Die lebenden Karpfen schwammen im Keller in einem Bottich. „Einer blieb meistens übrig. Den nannten wir Fridolin“, berichtet Elisabeth Mai.

Die Kerstiens-Geschwister haben noch viele lebendige Erinnerungen an den alten Laden an der Bültstraße. Es war die Zeit der Markenheftchen, Rabattmarken und Anschreibeblocks. „Mutter notierte auf ihrem Blöckchen nur den jeweiligen Vornamen der Kunden und den Betrag, den sie schuldeten. Aber sie hatte den genauen Überblick.“ Die Geschwister erzählen von ihrer Mutter Antonia, die zum Start in den Tag stets einen Prüttkaffee mit geschlagenem Ei trank und bereits morgens um sechs Uhr im Laden stand. Dann lieferte die Molkerei Milch, Butter und Eier. Vater Willi war neben dem Einkauf auch für die Buchführung zuständig. „Außerdem war er viele Jahre Wehrführer bei der Freiwillingen Feuerwehr Ochtrup. Ein Amt, das er mit viel Herzblut ausübte“, erzählen die Kinder.

Willi Kerstiens starb 1990 im Alter von 66 Jahren. Eine Weile führte seine Frau Antonia das Geschäft weiter. Doch auch in der Töpferstadt hatten die Supermärkte und Discounter längst den Lebensmittelmarkt erobert. Kleine Unternehmen der Branche gab es kaum noch. Es war eine neue Zeit angebrochen. Und so schloss auch Antonia Kerstiens das Ochtruper Fischgeschäft, das ihr Vorfahre Wilhelm Kerstiens 100 Jahre zuvor in Ochtrup gegründet hatte.

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