Auslandsaufenthalt für Bianca-Azubis
Bulgarien im Akkord kennenlernen

Ochtrup -

Fünf Azubis der Firma Bianca Moden verbrachten jetzt im Rahmen ihrer Ausbildung zwei Wochen im bulgarischen Velingrad. Das Ochtruper Unternehmen hat vor einigen Jahren die Produktion dorthin verlagert. Was die fünf jungen Leute während ihres Auslandsaufenthalts erlebt haben und wie es ist, im Akkord zu arbeiten, haben sie Redakteurin Anne Steven erzählt.

Samstag, 16.11.2019, 05:00 Uhr
Produktion im Akkord lernten die fünf Azubis der Firma Bianca Moden – hier Luisa Pundt und Isabella Zavarse – im bulgarischen Produktionsstandort Velingrad kennen.  
Produktion im Akkord lernten die fünf Azubis der Firma Bianca Moden – hier Luisa Pundt und Isabella Zavarse – im bulgarischen Produktionsstandort Velingrad kennen.   Foto: privat

„Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viel genäht, wie in dieser Zeit“, meint Isabella Zavarse lachend. Die 24-Jährige war Ende Oktober zusammen mit vier weiteren Auszubildenden der Firma Bianca Moden für zwei Wochen am Produktionsstandort des Unternehmens in Bulgarien beschäftigt. Dort haben die fünf nicht nur eine andere Kultur erlebt und viele nette Menschen getroffen, sondern fürs Leben gelernt, wie sie selbst sagen.

Isabella Zavarse lernte in Bulgarien, im Akkord zu arbeiten.

Isabella Zavarse lernte in Bulgarien, im Akkord zu arbeiten. Foto: privat

Jedes Jahr schickt das Ochtruper Unternehmen Auszubildende im dritten Lehrjahr ins Ausland. Während die Lehrlinge im Bereich Textil- und Modeschneider zwei Wochen in Bulgarien sind, bleiben die angehenden Industriekaufleute eine Woche vor Ort. Isabella Zavarse und Luisa Pundt können als Azubis im dritten beziehungsweise zweiten Lehrjahr nähen, keine Frage. Doch Mode unter Akkordbedingungen herzustellen, sei dann doch etwas völlig anderes, sind sich die beiden jungen Frauen einig. „Wir sind es gewöhnt, das ganze Teil zu fertigen“, erklärt Isabella Zavarse. Nun galt es aber, Einzelteile zu nähen, nur viel schneller als im Musterzimmer – bei gleichbleibender Qualität. Ein echte Herausforderung. Doch sie meisterten sie. Nach drei Tagen Akkordarbeit, in denen sie unter anderem Hosentaschen nähten, schafften sie immerhin 50 Prozent der geforderten Quote. „Das ist gut“, weiß ihr Ausbildungsleiter in Och­trup, Christof Oskamp, die Leistung seiner Azubis zu schätzen.

Blick in die Produktionshalle der Firma Bianca Moden im bulgarischen Velin­grad

Blick in die Produktionshalle der Firma Bianca Moden im bulgarischen Velin­grad Foto: privat

In den Produktionshallen in Bulgarien wird nicht nur viel schneller genäht als im Musterzimmer. Dort stehen auch ganz andere und vor allem viel größere Maschinen. Deren Bedienung stand selbstverständlich ebenfalls auf dem Programm. „Ich merke jetzt schon, dass es mir etwas gebracht hat“, fasst Luisa Pundt zusammen, die ganz begeistert eine Hose, die sie als Muster in Ochtrup genäht hat, in der Produktion in Bulgarien wiederentdeckte und nun ein viel besseres Gespür für die Abläufe im Unternehmen hat. „Alle Schwerpunkte des Ausbildungsrahmenplans können wir am Standort Ochtrup gar nicht erfüllen“, weiß Christof Oskamp. Allein schon deshalb sei der Auslandsaufenthalt so wichtig. Reinhard Nienkötter ist als Ausbilder für den kaufmännischen Bereich bei Bianca zuständig. Als er 1987 seine Ausbildung zum Industriekaufmann anfing, produzierte das Unternehmen noch in der Töpferstadt. „Da gab es die Maschinen noch hier vor Ort“, erinnert er sich gut. Erst in den Jahren 2002/2003 wurde die Produktion nach Bulgarien verlagert.

Industriekaufleute lernen nähen

Dennis Herding, Alina Genkel und Nele Reinhard sind angehende Industriekaufleute. Als solche sehen sie am Standort Ochtrup zwar, was produziert werden soll, mit Nadel und Faden haben sie aber eigentlich nichts zu tun. Das sollte in Bulgarien anders werden, denn auch die Bürokräfte lernten dort zunächst die Grundlagen des Nähens. „Da weiß man erst einmal, wie viel Arbeit in jedem Teil steckt“, hat Nele Reinhard festgestellt. Die 21-Jährige zieht symbolisch den Hut vor den etwa 220 Kollegen im bulgarischen Velin­grad. Denn sie lernten dort die Basis kennen, arbeiteten ganz unten mit. „Das ist harte Arbeit. Jetzt versteht man einfach vieles besser“, sagt Nele Reinhard.

Mit den Kollegen in Bulgarien – hier Achilleas Kiparissis, leitender Angestellter im Velingrader Betrieb – haben sich die fünf Azubis aus Ochtrup (v.l.) Dennis Herding und Isabella Zavarse sowie (v.r.) Alina Genkel, Nele Reinhard und Luisa Pundt bestens verstanden.

Mit den Kollegen in Bulgarien – hier Achilleas Kiparissis, leitender Angestellter im Velingrader Betrieb – haben sich die fünf Azubis aus Ochtrup (v.l.) Dennis Herding und Isabella Zavarse sowie (v.r.) Alina Genkel, Nele Reinhard und Luisa Pundt bestens verstanden. Foto: privat

Auch für den einzigen männlichen Azubi in der Runde ging es in die Produktion. Der 22-jährige Dennis Herding durfte im Zuschnitt arbeiten. „Es war super ungewohnt, aber trotzdem eine gute Erfahrung.“ Neben dem Wissen, wie man Papiervorlagen für Hosen richtig auf dem Stoff sortiert und dabei nichts durcheinander bringt, erfuhren er und seine beiden kaufmännischen Mitstreiterinnen noch nützlichen und praktischen Background im Umgang mit einem Entlohnungsprogramm. „Das ist wichtig für unsere Abschlussprüfung.“

Tolle bulgarische Kollegen

Er hat nach dem Auslandsaufenthalt einen viel besseren Bezug zum Unternehmen. Isabella Zavarse geht sogar noch weiter: „Da entwickeln sich Gefühle.“ Letzteres hängt sicherlich auch mit dem tollen Empfang der Azubis in Bulgarien zusammen. „Die Kollegen waren echt toll“, findet Alina Genkel und die strahlenden Gesichter der anderen Lehrlinge bestätigen sie. Übernachtet haben die fünf zwar in einem Hotel, doch mit Unterstützung einer engagierten Dolmetscherin und „mit Händen und Füßen“ lernten sie die Bulgaren im Betrieb kennen, wurden von ihnen zum Essen eingeladen, probierten sich in einer Volkstanzgruppe. „Wer die Möglichkeit hat, ins Ausland zu gehen, sollte das unbedingt machen“, fasst Nele Reinhard zusammen. Sie und die vier anderen würden jeder Zeit wieder nach Bulgarien fahren – allein schon, um die tollen Kollegen dort wiederzutreffen.

Beratung für Unternehmen und Azubis

Unternehmen, die Auszubildende und junge Fachkräfte ins Ausland schicken wollen, können sich an die Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen wenden. Die IHK unterstützt bei der Vermittlung von Praktikumsplätzen, Unterkünften und klärt die Frage von Fördermöglichkeiten und Formalitäten. Damit verfolgt sie gemeinsam mit dem Bundestag und der nordrhein-westfälischer Landesregierung das Ziel, den Anteil der jungen Fachkräfte, die in der Ausbildung ein Auslandspraktikum absolvieren, bis 2020 auf zehn Prozent zu erhöhen. Derzeit liegt die Quote bei knapp sechs Prozent.

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Die IHK zeichnete die Firma Bianca Moden jetzt für die Qualifizierung von Nachwuchskräften im Ausland aus: (v.l.) Auslandspraktikant Julian Termühlen, Ausbilder Reinhard Nienkötter, Auszubildende Nele Reinhard, Ausbilder Christof Oskamp, Klaus Weßendorf und Dorothe Hünting-Boll von der IHK, Auszbuildende Isabella Zavarse, Maike Schlüter aus der Geschäftsleitung und Auszubildende Luisa Pundt.

Die IHK zeichnete die Firma Bianca Moden jetzt für die Qualifizierung von Nachwuchskräften im Ausland aus: (v.l.) Auslandspraktikant Julian Termühlen, Ausbilder Reinhard Nienkötter, Auszubildende Nele Reinhard, Ausbilder Christof Oskamp, Klaus Weßendorf und Dorothe Hünting-Boll von der IHK, Auszbuildende Isabella Zavarse, Maike Schlüter aus der Geschäftsleitung und Auszubildende Luisa Pundt. Foto: IHK Nord Westfalen/Joachim Busch

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