Ochtrup einst und heute
Fünf Hefeteilchen für eine Mark

Ochtrup -

In der Serie „Ochtrup einst und heute“ geht es diesmal um die Bäckerei Bäumer. Ursprünglich kommt die Familie aus Steinfurt. Im Jahr 1951 übernahmen Maria und Heinrich Bäumer die alte Bäckerei Hille im Stiftsgebäude in Langenhorst.

Freitag, 03.01.2020, 06:00 Uhr
Am Mührenplatz in Langenhorst fing alles an. Dort übernahmen Maria und Heinrich Bäumer im Jahr 1951 die Bäckerei Hille. Mittlerweile hat das Unternehmen zwölf Filialen und 170 Mitarbeiter.  Foto: Privatarchiv Familie Bäumer
Am Mührenplatz in Langenhorst fing alles an. Dort übernahmen Maria und Heinrich Bäumer im Jahr 1951 die Bäckerei Hille. Mittlerweile hat das Unternehmen zwölf Filialen und 170 Mitarbeiter.  Foto: Privatarchiv Familie Bäumer Foto: Privatarchiv Familie Bäumer

Wäre es nach den Vorstellungen seiner Eltern gegangen, dann hätte Ferdi Bäumer sich für den Priesterberuf entschieden. „Meine Eltern hätten aus ihrem Ältesten gern einen Pastor gemacht. Aber dazu fühlte ich mich nicht berufen“, bemerkt er. Mit dem zweitgrößten Elternwunsch, das Bäckerhandwerk zu erlernen, konnte sich der heute 72-Jährige schon eher anfreunden. „Damals“, sagt er, „war das allerdings auch nicht gerade mein Traumberuf. Aber aus heutiger Sicht betrachtet kann ich nur sagen, dass es die Erfüllung meines Lebens war. Bäcker ist für mich der schönste Beruf überhaupt. Und das ist nicht übertrieben.“

1951 übernahmen seine Eltern Maria und Heinrich Bäumer die Bäckerei Hille in einem Stiftsgebäude am Mührenplatz in Lan­genhorst. Familie Hille hatte das Anwesen 1910 vom Fürsten Salm-Horstmar erworben und eine Backstube mit Lebensmittelladen und Café eröffnet. Nun wollten Antonius Hille und seine Frau das Anwesen aus Altersgründen verkaufen. Eine Chance für Heinrich Bäumer, sich den Traum von einer eigenen Bäckerei zu erfüllen.

Bis dahin hatte der Bäckermeister in einem Borghorster Betrieb gearbeitet.

An den Tag des Umzugs seiner Familie nach Langenhorst erinnert sich Ferdi Bäumer nur noch schwach. „Das muss kurz vor Weihnachten gewesen sein, denn als wir mit dem Lkw durch Burgsteinfurt fuhren, war die Stadt weihnachtlich beleuchtet. Das ist aber auch das Einzige, was mir von diesem Tag im Gedächtnis blieb.“

Doch das Leben in der kleinen Backstube, wo sein Vater und ein Lehrling Kassler, Angeschobenes, Schwarzbrot und Weizenbrötchen von Hand verarbeiteten, hat ihn in den folgenden Jahren zunehmend interessiert. „Das Mehl bekamen wir von Berghaus, frisch gemahlen aus der Mühle. Dort ließen die Bauern damals noch ihr Korn mahlen“, erzählt Ferdi Bäumer. Er erinnert sich auch an die Hausfrauen, die samstags mit einem vorbereiteten Hefeteig in die Backstube kamen, und dort ihr Brot backen ließen. Ein Service des Hauses in einer Zeit, als fünf Hefeteilchen eine Mark kosteten und Spekulatius erst zur Weihnachtszeit im Handel waren.

In den 1960ern wurde die kleine Backstube zu eng. Die Bäumers erwarben ein weiteres Stiftsgebäude und errichteten 1969 im Erdgeschoss einen größeren Produktionsraum. Es war die Zeit, als Supermärkte die Tante-Emma-Läden nach und nach verdrängten. „Meine Eltern passten sich dem Zeitgeist an und eröffneten 1970 auf dem Gelände neben der neuen Backstube einen Rewe-Supermarkt“, erzählt Ferdi Bäumer.

Leider habe sein Vater die Entwicklung seines neu strukturierten Unternehmens nicht mehr erlebt. Sein plötzlicher Tod während der Arbeit am Karsamstag 1971 war ein Schock für die Familie. Auf Ferdi Bäumer und seinem inzwischen verstorbenen Bruder Ludger lastete plötzlich die Verantwortung für die Bäckerei. Eine große Herausforderung für die beiden 24 und 22 Jahre alten Brüder. Für alle sei das eine harte Zeit gewesen. Auch für Maria Bäumer und ihre Schwiegertöchter Dorothee und Helga, die das Lebensmittelgeschäft des Familienbetriebs leiteten.

Hinzu kam, dass in den Folgejahren alles größer und schnelllebiger wurde. Auch in der Bäckerbranche. Dem Trend der Zeit folgend errichteten Ferdi und Ludger Bäumer 1976 an der Schützenstraße eine größere Bäckerei. Dort wird seitdem gebacken.

Mittlerweile leitet Manuel Bäumer (r.) die Bäckerei Bäumer. Seniorchef Ferdi Bäumer kann sich aber noch gut an die Anfänge des Unternehmens am Mührenplatz in Langenhorst erinnern.

Mittlerweile leitet Manuel Bäumer (r.) die Bäckerei Bäumer. Seniorchef Ferdi Bäumer kann sich aber noch gut an die Anfänge des Unternehmens am Mührenplatz in Langenhorst erinnern. Foto: Irmgard Tappe

„Ich glaube, in unserem Betrieb musste sich jede Generation irgendwie durchbeißen. Was natürlich nicht immer einfach war“, überlegt Ferdi Bäumer. Diese Erfahrung hat auch sein Sohn Manuel gemacht. Seit 2001 leitet der Bäckermeister und Betriebswirt des Handwerks mit seiner Frau Rita den Betrieb in dritter Generation. „Als Unternehmer muss man sich dem Zeitgeist anpassen und darf kein Risiko scheuen“, hat Manuel Bäumer festgestellt.

Den Supermarkt am Mührenplatz gibt es schon lange nicht mehr. Die Bäumers beschränken sich auf die Produktion und den Verkauf von Backwaren. Dabei legen sie Wert auf Qualität. „Fertigmischungen kommen für uns nicht in Frage. Wir erstellen unsere Rezepturen selbst“, betont der 44-Jährige. Unter seiner Leitung ist das Unternehmen auf zwölf Bäckereifilialen und 170 Mitarbeiter gewachsen.

Trotz aller Neustrukturierung ist dennoch etwas erhalten geblieben aus der kleinen, alten Backstube im Stiftsgebäude am Mührenplatz: Die Spekulatius. Die werden noch immer nach Heinrich Bäumers altem Rezept gebacken – auch wenn sie heute bereits Anfang September angeboten werden und nicht erst in der Adventszeit.

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