Ochtrup einst und heute
Als das Wetter wirklich noch schlecht war

Ochtrup -

Im Winter, bei Schnee und Eis, beginnt auf dem Bau die ruhige Zeit. „Schlechtwetter“ heißt es dann. Heute bekommen Maurer und Zimmerleute dann Saison-Kurzarbeitergeld. Doch das war nicht immer so. Früher bedeutete Schlechtwetter oftmals Arbeitslosigkeit.  

Samstag, 18.01.2020, 07:00 Uhr
Wilhelm Scheipers hat seine Lohnabrechnungen aus den frühen 1960er Jahren – damals gab es noch lange, schmale Lohnstreifen – aufgehoben. Er kann sich noch gut an wochenlangen Frost und die damit verbundene Schlechtwetterzeit erinnern.
Wilhelm Scheipers hat seine Lohnabrechnungen aus den frühen 1960er Jahren – damals gab es noch lange, schmale Lohnstreifen – aufgehoben. Er kann sich noch gut an wochenlangen Frost und die damit verbundene Schlechtwetterzeit erinnern. Foto: Anne Steven

Eines ist beim Blick ins alte Lohn-Steuer-Buch der Firma Büter für die Jahre 1936/1937 auffällig: Im Sommer stehen knapp 40 Mitarbeiter auf der Lohnliste. In der Woche vor Weihnachten sind es nur noch vier. Wie das sein kann? Ganz einfach: Auf dem Bau ist in den Wintermonaten Schlechtwetterzeit. Doch was Maurern und Zimmerleuten heute ein paar Tage freie Zeit bei immerhin 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohnes (Saison-Kurzarbeitergeld, siehe Infokasten) ohne Kündigung des Arbeitsverhältnisses beschert, bedeutete noch bis Ende der 1950er-Jahre Arbeitslosigkeit.

Keine Diskussionen

Hermann Diek kann sich daran noch gut erinnern. Der heute 85-Jährige kam 1947 in die Lehre. Eigentlich wäre er gerne Gärtner geworden, doch sein Vater war dagegen. „Blomen gifft nich“, war seine Reaktion auf den Wunsch des zweitjüngsten seiner sieben Kinder. Stattdessen meldete er seinen Sohn beim Bauunternehmen Ransmann an. „Montag um 7 Uhr kannst du da anfangen“, informierte er seinen Sohn. Diskussionen habe es nicht gegeben, weiß Hermann Diek. Er tat sich vor allem anfangs schwer mit dem Beruf des Maurers. Die 50-Stunden-Woche war für den 14-Jährigen kein Zuckerschlecken. Zementsäcke wogen damals beispielsweise noch 50 Kilogramm und Hilfsmittel gab es nur wenige. Doch Hinschmeißen sei nicht in Frage gekommen – nicht zu dieser Zeit.

Immerhin wurden die Lehrlinge in den Wintermonaten nicht gekündigt. Sie mussten andere Arbeiten erledigen. Eine dieser Tätigkeiten war etwa, das „Nägel gerade kloppen“. „Mit den eiskalten Händen wahrlich kein Vergnügen“, erzählt Hermann Diek.

Vom Handlanger zum Maurer

Wilhelm Scheipers begann seine Lehre 1957. Anders als Hermann Diek ging der Ochtruper diesen Schritt ganz bewusst. Drei Jahre hatte er zuvor in der Spinnerei der Firma Laurenz gearbeitet. „Diese Arbeit mochte ich nicht“, erzählt der heute 81-Jährige. In seiner Freizeit half er als Handlanger auf Baustellen mit. „Da haben sie mir gesagt: ‚Hau aff ude Spinnerei’!“, erinnert sich der Ochtruper. Doch er schloss seine erste Lehre zum Ringspinner ab. Erst danach wechselte er auf den Bau. Bei der Firma Borgers durfte er als Maurer-Lehrling anfangen. Das sei mitunter sehr schwere Arbeit gewesen. Ein Mal habe sich sogar sein Vater bei seinem Chef beschwert und gesagt, sie sollten „den Jung nich kapott maken“.

Ein gewachsener Zimmermann

Hans Oelerich musste nach seiner Volksschulzeit noch ein bisschen wachsen, ehe er stark genug für den Beruf des Zimmermanns war.

Hans Oelerich musste nach seiner Volksschulzeit noch ein bisschen wachsen, ehe er stark genug für den Beruf des Zimmermanns war. Foto: Anne Steven

Hans Oelerich musste nach seiner Volksschulzeit genau aus diesem Grund noch ein Jahr warten, ehe er mit seiner Berufsausbildung anfangen konnte. „Ich musste noch ein bisschen wachsen. Denn ich sollte Zimmermann werden und das war ja schwere Arbeit “, erzählt der heute 75-Jährige schmunzelnd. Seinen Eltern sei wichtig gewesen, dass er nicht in die Fabrik geht. „Du musst an die Luft, weil das gesund ist“, hätten sie damals gesagt.

Einen Betrieb hatte sich der junge Hans Oelerich schon ausgeguckt, doch seine Eltern waren mit seiner Wahl nicht einverstanden. Sie meinten, dass auf dessen Baustellen zu viel getrunken werde. Sie wählten ein anderes Unternehmen, die Firma Brockevert in der Oster, aus. „Da hatte ich vorher noch nie etwas von gehört“, erinnert sich Hans Oelerich, dass sich sein Aktionsradius als Jugendlicher noch auf die Weiner-Bauerschaft beschränkte.

Mit dem Fahrrad auf den Bau

1959 ging es los – und wie. Sein Lehrmeister versprach, ihn abzuholen. Sie trafen sich an der Lambertikirche – der Lehrjunge mit dem Fahrrad, sein Chef mit dem Motorrad. „Da musste ich dann hinterher“, schmunzelt Hans Oelerich bei der Erinnerung. Von nun an hieß es, jeden Tag um 7 Uhr auf der jeweiligen Baustelle sein und 9,5 Stunden zu arbeiten. Die Strecken in einem Radius von etwa 15 Kilometern inklusive den Transport seines Werkzeugs bewältigte er als Lehrjunge wie auch später als Geselle weiterhin mit dem Rad – bei jedem Wetter.

Schlechtwetter bei Frost und Schnee

Nur in den Wintermonaten gab es auch bei den Zimmerleuten „Schlechtwetter“. „Das war dann aber wirklich Schlechtwetter“, betont Hans Oelerich und meint damit nicht Regen oder eine schwache Auftragslage, sondern tatsächlich wochenlangen Frost und heftigen Schneefall. Immerhin konnten die Zimmerleute im Gegensatz zu den Maurern auch bei minus fünf Grad Celsius noch arbeiten. „Nur wenn es glatt wurde, war finito.“ In diesem Fall musste die komplette Mannschaft aber noch bis 11 Uhr in der Werkstatt warten, ehe sie nach Hause gehen konnte. „Dann war die Freude natürlich groß“, erzählt der Zimmermann. Und manchmal nahmen die Handwerker den freien Tag auch zum Anlass für einen feucht-fröhlichen Umtrunk. Auch auf den Baustellen gab es damals noch Alkohol. „Wenn es richtig kalt war, wurde ich als Lehrling losgeschickt, ‚Eenen halen’“, erzählt Hans Oelerich. Da musste er dann Schnapps für die älteren Kollegen besorgen.

Stempelzeit

Für Wilhelm Scheipers ging es als Lehrling in der Schlechtwetter-Zeit in die Ziegelei seines Ausbildungsbetriebes. „Die anderen sind stempeln gegangen“, weiß er noch genau. „Im ehemaligen Jugendheim musste man ein Mal pro Woche vorstellig werden“, erzählt der 81-Jährige. Die Zimmerleute bekamen ihren Stempel übrigens in der Gaststätte Krechting. „So manch einer war da genervt, weil er sich dafür extra umziehen musste“, erzählt Hans Oelerich augenzwinkernd. Schließlich sei es damals üblich gewesen, „nebenher“ ein bisschen Geld zu verdienen. Und es hätte ja merkwürdig ausgesehen, wären die arbeitslosen Handwerker in staubiger Arbeitskleidung „stempeln“ gegangen.

Hermann Diek (l.) und Wilhelm Scheipers schwelgen bei einem Schnäpsken in Erinnerungen an ihre frühere Tätigkeit auf dem Bau.

Hermann Diek (l.) und Wilhelm Scheipers schwelgen bei einem Schnäpsken in Erinnerungen an ihre frühere Tätigkeit auf dem Bau. Foto: Anne Steven

Den Lohn habe es zu dieser Zeit übrigens noch wöchentlich und in Lohntüten gegeben, weiß Wilhelm Scheipers zu berichten. „Und in den Kneipen wurde dann der Lohntütenball gefeiert“, schmunzelt Hermann Diek. Wilhelm Scheipers hat noch seine alten Abrechnungen aufgehoben. In dem Ordner sind aber keine DIN-A-Seiten abgeheftet, sondern schmale, lange Lohnstreifen. Etwas unpraktisch, aber so sei das früher gemacht worden.

Er wie auch Hermann Diek und Hans Oelerich sind froh, dass 1959 das Schlechtwettergelt eingeführt wurde und die Handwerker auf dem Bau ab da im Winter nicht mehr zwingend arbeitslos wurden. Auch wenn es für Maurer wie auch für Zimmerleute sicherlich immer, überall und zu jeder Zeit etwas zu tun gibt.

Regelungen zum Schlechtwettergeld

Schlechtwettergeld war in Deutschland in Betrieben des Baugewerbes eine vom Arbeitsamt zwischen dem 1. November und dem 31. März gewährte Ausgleichszahlung, falls aus Witterungsgründen an einzelnen Tagen nicht gearbeitet wurde. Das Schlechtwettergeld wurde 1959 eingeführt, dann zunächst 1996 durch das Winterausfallgeld und dieses ab 2006 durch das Saison-Kurzarbeitergeld ersetzt. Es ist als Sonderregelung des Kurzarbeitergeldes konzipiert und ersetzt seit der Schlechtwetterperiode 2006/2007 das System der Winterbauförderung.2013 wurde die entsprechende Verordnung zuletzt angepasst und 2016 durch eine Neuerung ergänzt.Seitdem entfällt die Pflicht, den Arbeitsausfall zu melden. War dies bisher für Betriebe, die das Saison-Kurzarbeitergeld beziehen wollten, nur bei witterungsbedingten Ausfällen vorgesehen, so gilt dies nun auch, wenn der Ausfall andere Gründe hat – etwa einen Auftragsmangel oder andere wirtschaftliche Gründe.Die Schlechtwetterzeit ab dem 1. Dezember gilt für das Bauhauptgewerbe, die Betriebe des Dachdeckerhandwerks sowie des Garten-, Landschafts- und Sportplatzbaus, für das Gerüstbaugewerbe beginnt sie am 1. November.Das Saison-Kurzarbeitergeld beträgt für Arbeitnehmer mit mindestens einem Kind 67 Prozent, alle anderen bekommen 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohnes. Das Geld wird ab der ersten Ausfallstunde geleistet, sofern nicht noch angesparte Arbeitszeitguthaben aufzulösen sind.Diese Leistungen sind sowohl steuer- als auch sozialversicherungsfrei.Den Arbeitgebern werden die von ihnen alleine zu tragenden Sozialversicherungsbeiträge für Bezieher von Saison-Kurzarbeitergeld in voller Höhe erstattet (nicht im Gerüstbauerhandwerk).  

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