Ochtrup einst und heute
Als die Briefträger noch Schlips trugen

Ochtrup -

Seit Anfang der 1980er Jahre befand sich das Ochtruper Postamt an der Robert-Koch-Straße. Günter Ruhwinkel hat seine Ausbildung bei der Deutschen Post gemacht. Noch gut kann er sich an die unpraktische Uniform oder das Sortieren der Briefe von Hand erinnern. Heute gibt es viel weniger Briefe als früher, alles ist digitalisiert. Und auch die Arbeit von Günter Ruhwinkel hat sich verändert. Schalterdienst versieht er schon lange nicht mehr.

Dienstag, 18.02.2020, 18:08 Uhr
Das Postamt an der Robert-Koch-Straße kurz nach der Fertigstellung Anfang der 1980er Jahre.
Das Postamt an der Robert-Koch-Straße kurz nach der Fertigstellung Anfang der 1980er Jahre. Foto: Hermann-Josef Pape

Wenn sich Günter Ruhwinkel an seine Anfänge bei der Deutschen Post erinnert, fallen ihm gleich die alten VW Käfer ein – und sein privates Fahrrad. Denn während es zu Beginn der 80er Jahre für die Postzustellung im Außenbereich schon Autos gab, mussten die Briefträger für „innerhalb der Ortsschilder“ ihre privaten Fahrräder nutzen. „Die gelben Fietsen von heute, gab es damals kaum“, weiß der Ochtruper, der seine Karriere bei der Post am 1. August 1981 startete.

Damals gab es einen neuen Lehrberuf. Aus dem Postjungboten wurde die von der IHK anerkannte Ausbildung „Dienstleistungsfachkraft“. Weil er einen guten Schulabschluss gemacht hatte, durfte Ruhwinkel diese auf eineinhalb Jahre verkürzen.

Zunächst mit dem Drahtesel macht er sich an die Postzustellung in Ochtrup, Metelen und Schöppingen. Im Außenbereich wurde täglich Post zugestellt. „Damals gab es viel mehr Briefe“, weiß Ruhwinkel. Besagte VW-Käfer („Ach, das waren schöne Wagen“) waren manchmal ganz schön vollgepackt. „Man hatte viel Papier an Bord“, sagt der 55-jährige.

Das Postamt Ochtrup Anfang der 1980er Jahre

Das Postamt Ochtrup Anfang der 1980er Jahre Foto: Hermann-Josef Pape

Ihren Verwaltungssitz hatte die Post damals in Steinfurt. In Ochtrup gab es bis Ende der 80er Jahre ein Postamt. Günter Ruhwinkel wechselte nach einer Weiterbildung Mitte der 1980er Jahre in den Schalterdienst. „Ich wollte nicht in der Zustellung bleiben“, gibt er offen zu. In der Schalterhalle an der Robert-Koch-Straße, aber vor allem in den Räumen dahinter, wurde damals die Post noch per Hand sortiert. Die Briefe aus den Postsäcken landeten auf einem großen Tisch. Dann musten die Sendungen ordentlich gestapelt und gestempelt werden, bevor es an die Sortierung nach Postleitzahlen ging.

Gebündelt machten sich die Briefe dann per Lkw auf den Weg nach Münster, die Post aus Och­trup blieb in der Töpferstadt und wurde direkt verteilt.

Ende der 80er Jahre wurde die Post umstrukturiert und der Sortiervorgang mechanisiert. An der Robert-Koch-Straße mussten fortan nur noch die Briefe auf die verschiedenen Touren sortiert werden. Ruhwinkel weiß, dass sein Arbeitgeber damals eine Vorreiterrolle einnahm, denn auch im Ausland arbeiteten die Briefzusteller noch wenig mechanisiert.

1994 wurde das Briefzentrum in Greven-Reckenfeld eingerichtet. „Damit haben sich in Och­trup die Arbeitsabläufe verändert“, erinnert sich Ruhwinkel. Nun kam die Post vorsortiert für jeden Bezirk in Ochtrup an.

Heute seien die Briefe bereits nach der Gangfolge der Zusteller sortiert. Nur noch Groß- und Maxibriefe sowie Pakete müssen selbst zugeordnet werden. Mittlerweile erkennt eine Maschine außerdem nahezu jede Adresse – auch handschriftliche und mag sich auch noch so unleserlich gekritzelt sein. „Das ist schon erstaunlich“, findet Ruhwinkel.

DIe alte Post an der Poststraße/heutiger Dränke-Platz.

DIe alte Post an der Poststraße/heutiger Dränke-Platz. Foto: Hermann-Josef Pape

Früher hatten die Mitarbeiter übrigens regelmäßig sehr wertvolle Fracht zu verteilen. „Da wurden Renten an der Haustür bar ausgezahlt. Man ging dementsprechend mit teilweise großen Beträgen raus. Das war schon ein mulmiges Gefühl“, erinnert sich Ruhwinkel. Auch die Rundfunkgebühren oder das Zeitungsgeld sammelte der Postbote ein. „Ein absoluter Zeitfresser“, meint der Ochtruper lachend. Wie oft musste er da noch einmal wiederkommen, weil gerade kein Geld da war oder sonstige Gründe angeführt wurden.

Was sich noch verändert hat? Die Kleidung der Postboten. Während heute sportlich-praktische Cargohosen, Poloshirts, Caps und „erstklassige Regenbekleidung“ (Ruhwinkel) angesagt sind, gab es früher eine richtige Uniform. Dazu gehörte eine Stoffhose, ein privates Oberhemd – sämtliche Knöpfe mussten stets geschlossen sein –, ein Dienstschlips, eine Anzugjacke in blau mit Postemblem, eine Schirmmütze und im Winter ein schwerer Mantel. Letzterer sei vor allem auf dem Fahrrad als sehr unpraktisch gewesen, sagt Ruhwinkel. Zum Glück habe die Post später auf leichtere Regenjacken umgestellt.

Jeden Morgen wurde die Dienstkleidung vom Betriebsleiter kontrolliert. Da mussten die schwarzen Schuhe geputzt und die Hände sauber sein. Vor allem Letzteres stellte manchmal eine echte Herausforderung dar. Schließlich sortierten die Postboten auch Zeitungen. Doch wer in die Zustellung wollte, durfte kein bisschen Druckerschwärze an den Fingern haben.

Günter Ruhwinkel arbeit seit 1981 für die Deutsche Post.

Günter Ruhwinkel arbeit seit 1981 für die Deutsche Post. Foto: Anne Steven

Bezahlen mussten die Mitarbeiter ihre Dienstkleidung übrigens zu zwei Dritteln selbst. Heute beteiligen sie sich mit einem kleinen Betrag an den Kosten. Und manchmal kann sich Ruhwinkel nicht verkneifen, den einen oder anderen Kollegen daran zu erinnern, dass allzu abgetragene Polo-Shirts durchaus mal ersetzt werden sollten.

Tja, und der gute alte Schalter? „Schalterdienst kann nicht rentabel sein“, betont der Postmitarbeiter. Diese Dienstleistung sei von Einzelhändlern – in Ochtrup ist der Postshop heute im Gebäude des K+K-Marktes untergebracht – einfach wirtschaftlicher, weil nebenbei, darzustellen.

Am 1. Oktober 1999 wurden die Schalter an der Robert-Koch-Straße in Och­trup geschlossen, und damit war das gute alte Postamt endgültig Geschichte.

Heute ist der Schalterdienst für die Post nicht mehr rentabel.

Heute ist der Schalterdienst für die Post nicht mehr rentabel. Foto: Hermann-Josef Pape

Und Günter Ruhwinkel? Er ist heute Qualitätsmanager. Das heißt, er kontrolliert, ob die Zusteller sauber arbeiten, klopft Optimierungsmöglichkeiten ab, geht Kundenhinweisen nach und kümmert sich um die Einführung neuer Kollegen. Etwa 1000 bis 2000 Azubis hat die Post derzeit in der Zustellung. „Da kommen wir aber nicht mit aus“, weiß der langjährige Mitarbeiter. Deswegen werden zusätzlich Kollegen eingestellt – tarifgebunden, wie Ruhwinkel betont. Und damit diese Aushilfen wissen, was zu tun ist, kümmert sich der Ochtruper um Schulungen.

Bis in die 90er Jahre war es für die Mitarbeiter übrigens notwendig, sämtliche Straßen auswendig zu kennen, weil die Zustellungsbezirke rotierten. Da führte am Straßennamen büffeln kein Weg vorbei. Heute legt das Unternehmen Wert darauf, seinen Kunden direkte Ansprechpartner zu bieten, weshalb die Bezirke fest sind.

Postbeamte wie Ruhwinkel sind übrigens ein Auslaufmodell. Die Mitarbeiter sind heute Angestellte. Den Status einer Behörde hat die Post seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr.

Post-Statistik von anno dazumal

Ochtrup hatte seit dem 1. April 1904 ein Postamt. Aus der Chronik der Stadt geht hervor, dass dort im Jahr 1908 ein Postmeister, drei Postassistenten und ein Postgehilfe angestellt waren. An Postunterbeamten gab es einen Postschaffner, zwei Briefträger, fünf Landbriefträger, zwei Postboten und einen Leitungsaufseher. Die Töpferstädter brachten im Jahr 1907 311 500 Briefe, Postkarten, Drucksachen und Warenproben auf den Weg. Zugestellt wurden in Och­trup 270 900 Briefe. Immerhin 19 Ochtruper waren zu dieser Zeit bereits an das Telefonnetz angeschlossen. In Langenhorst befand sich eine eigene Postagentur. Diese war an das Fernsprechnetz Ochtrup angeschlossen.

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Die Welt dreht sich immer schneller . . .

Die Welt wird immer digitaler und scheint sich dadurch immer schneller zudrehen. Der Mensch hat in seiner Arbeits- und Lebenswelt oftmals das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen. Was heute vor allem bei zu viel Stress nicht selten in ein Burnout-Syndrom mündet, war den Menschen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ebenfalls schon ein Begriff. Auch ihre Welt veränderte sich rasend schnell. Nur liefen Erschöpfungszustände, geringe Belastbarkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen damals unter dem Begriff Neurasthenie. Letztere gehörte zu den Modekrankheiten einer gehobenen Gesellschaftsschicht. Heute ist die Neurasthenie ein in Vergessenheit geratenes Krankheitsbild, das quasi nicht mehr erforscht wird. Auch ein Fräulein Ruhwinkel aus Ochtrup erkrankte 1927 daran. Es war als Telegraphenassistentin beim Kaiserlichen Postamt der Töpferstadt angestellt. In ihrer Personalakte, die im Stadtarchiv lagert, ist vermerkt, dass sie am 1. September 1928 in den Ruhestand versetzt wurde, „wegen nachgewiesener dauernder Dienstunfähigkeit“. Es gibt dazu auch die Abschrift eines Zeugnisses von einem Professor Dr. Többen aus Münster: „Fräulein Ruhwinkel leidet an einer schweren Form der Neurasthenie, die nach einer Grippe aufgetreten ist. Sie ist besonders wegen der die Krankheit begleitenden Schlaflosigkeit noch weitere acht Wochen dienstunfähig.“

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