In den 1930er Jahren grassiert die Diphtherie
„Eifriges Gurgeln“ soll helfen

Ochtrup -

Das Coronavirus verändert derzeit unser aller Leben. Doch dass eine Seuche die Menschen in der Töpferstadt heimsucht, ist eigentlich nichts Neues – nur liegt das letzte Ereignis dieser Art bereits etliche Jahre zurück. Ein Blick in die Akten des Stadtarchivs lässt das deutlich werden. In einer kleinen Serie berichtet die Lokalredaktion über die Epidemien der vergangenen Jahrhunderte. Im dritten Teil geht es um die Diphtherie, die in den 1930er-Jahren in Ochtrup grassierte.

Freitag, 28.08.2020, 19:57 Uhr aktualisiert: 28.08.2020, 20:18 Uhr
In den 1930er Jahren grassierte in Ochtrup die Diphtherie. Wer erkrankte, musste in eine Decke oder Bettlaken gehüllt werden und sofort nach der Diagnose ins Pius-Hospital gebracht werden.
In den 1930er Jahren grassierte in Ochtrup die Diphtherie. Wer erkrankte, musste in eine Decke oder Bettlaken gehüllt werden und sofort nach der Diagnose ins Pius-Hospital gebracht werden. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Am 31. Januar 1936 erfahren die Ochtruper in der Zeitung von neuen Richtlinien, die im Kampf gegen die Diphtherie ergriffen worden sind. Wenige Tage zuvor hatte Amtsbürgermeister Dr. Linnhoff sich in einem Schreiben an den Landrat in Burgsteinfurt gewandt und Maßnahmen gefordert. Fast jeden Tag würden drei Erkrankungsfälle und mehr gemeldet. „Während in anderen Orten in solchen Fällen der Kreisarzt nicht nur die Schliessung der Schulen, sondern auch ein Verbot für sämtliche Veranstaltungen erlassen hat, sind hier irgendwelche Maßnahmen nicht ergriffen worden“, lauten die Worte des Amtsbürgermeisters, die im Archiv der Stadt Ochtrup nachzulesen sind. In Absprache mit der Ärzteschaft fordert er, Abstriche bei Schulkindern machen zu lassen, die Bevölkerung soll über die Presse aufgeklärt werden, zudem werden in Schulen und Betrieben Handzettel verteilt. Linnhoff wendet sich ferner an die Betriebskrankenkasse der Firma Gebrüder Laurenz: „In einer Besprechung mit den Ärzten wurde ich darauf hingewiesen, daß viel zur Verbreitung der Diphtherie auch die Scheu der Arbeiter beitrage, ihre Kinder rechtzeitig zum Arzt bzw. dem Krankenhaus zuzuführen. Als Grund der Zurückhaltung wird mit die Tatsache ausgegeben, daß von der Betriebskrankenkasse nur 50 Prozent der Krankenhauskosten übernommen werden. Ich bitte im Interesse ihrer Krankenkasse zu prüfen, ob bei dieser Erkrankung nicht die gesamten Kosten übernommen werden können.“ Die Dauer der Maßnahme könne zeitlich beschränkt werden, schlägt Linnhoff noch vor. Gerade in der rechtzeitigen Erfassung der erkrankten Personen sieht er ein Hauptmittel zur Bekämpfung der Ansteckung.

Wegen der Diphtherie wandte sich Amtsbürgermeister Dr. Linnhoff an den Landrat und forderte Maßnahmen.

Wegen der Diphtherie wandte sich Amtsbürgermeister Dr. Linnhoff an den Landrat und forderte Maßnahmen. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Wenn in Ochtrup damals ein Mensch ein Diphtherie erkrankt, muss er in eine Decke oder Bettlaken eingehüllt werden und sofort nach der Diagnose ins Pius-Hospital gebracht werden. Infektionskranke dürfen das Krankenhaus nur durch einen seitlichen Eingang betreten. „Gleichzeitig ist umgehend, also ohne die Aufforderung von Seiten der Polizeibehörde abzuwarten, der Desinfektor zu bestellen“, schreibt das Tageblatt für den Kreis Steinfurt. Die Begleitperson des Erkrankten muss sofort nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus ihre Kleider wechseln und sie „zumindest ordentlich durchlüften“. Schulpflichtige Kinder haben mindestens acht Tage zu Hause zu bleiben und dürfen keinen Kontakt zu anderen Kindern haben. „Da sich bei Erwachsenen eine derartige Isolierung aus wirtschaftlichen Gründen nicht darstellen lässt, wird diesen eifriges Gurgeln mit Salzwasser oder Wasserstoffsuperoxid empfohlen“, heißt es in dem Artikel weiter. Dieser Rat stammt vom Amtsarzt aus Burgsteinfurt. Er empfiehlt außerdem zu peinlicher Sauberkeit gegen Staub, Anhusten und Ansprechen. „Jeder, der irgendwelche Beschwerden im Halse spürt, muss sofort zum Arzt gehen und einen Abstrich machen lassen.“ Den Menschen wird damals zudem nahegelegt, das Krankenhaus möglichst zu meiden. „Jeder Volksgenosse ist in seinem eigenen und öffentlichen Interesse verpflichtet, an der Bekämpfung der Diphtherie mitzuwirken“, fordert der Amtsarzt. Und „ein schuldhaftes Verhalten“ ist auch damals bereits strafbar.

Das Engagement von Amtsbürgermeister Linnhoff bei der Krankenkasse ist indes nicht von Erfolg gekrönt. Anfang Februar 1936 teilt ihm die Betriebskrankenkasse mit, dass sie finanziell nicht in der Lage ist, die Krankenhauskosten für Diphtherie-Kranke vollständig zu übernehmen. Die Kasse habe bereits die Kosten für insgesamt 30 Diphtherie-Fälle zu tragen. Hinzu käme, dass die Beiträge der Versicherten kaum für die Auszahlung des Krankengeldes für arbeitsunfähige Kranke ausreichten. Die Krankenkasse finanziere die Arzt-, Zahnarzt, Apotheker- und Krankenhausrechnungen bereits aus dem Reserve-Fond.

Diphtherie

Die Diphtherie, auch Bräune oder Halsbräune, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch „Würgeengel der Kinder“ genannt, ist eine vor allem im Kindesalter auftretende, akute, ansteckende Infektionskrankheit, die durch eine Infektion der oberen Atemwege mit dem „Diphtheriebazillus“, hervorgerufen wird (Rachendiphtherie). Wie eine Internetrecherche ergab, ist die Diphtherie von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen- oder Schmierinfektionen übertragbar, beispielsweise durch engen Kontakt beim Niesen, Husten oder Küssen, selten auch über kontaminierte Gegenstände. Gefürchtet ist das von diesem Erreger abgesonderte Diphtherietoxin, das zu lebensbedrohlichen Komplikationen und Spätfolgen führen kann. Hiervor schützt der Diphtherieimpfstoff. Letzterer wirkt zwar gegen die Symptome der Erkrankung, aber nicht gegen das Bakterium. So können auch klinisch gesunde Bakterienträger die Krankheit übertragen. Die Häufigkeit der Erkrankung ist durch die vom Mediziner und Nobelpreisträger Emil von Behring eingeführte passive Impfung mit Serum und die von Gaston Ramon eingeführte aktive Impfung mit Diphtherietoxoid sehr stark zurückgegangen. Während des Zweiten Weltkrieges grassierte die in Europa letzte große Epidemie mit circa drei Millionen Erkrankungen. Die Diphtherie ist jedoch nicht, wie beispielsweise die Pocken, ausgerottet. Sobald die Durchimpfungsrate unter einen bestimmten Wert sinkt, nehmen die Erkrankungszahlen wieder erheblich zu. 2018 wurden in Deutschland 27 Fälle übermittelt. Während in westlichen Ländern wie Europa oder den USA nur noch Einzelfälle auftreten, tritt Diphtherie in Entwicklungsländern häufiger auf.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7555365?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F182%2F
Nachrichten-Ticker