Vortrag des Interventionsbeauftragten Peter Frings vor der KAB
Kirche steht vor Mammutaufgabe

Ochtrup -

Auf große Resonanz stieß der erste Vortag der KAB seit dem Corona-Lockdown. Das lag sicherlich auch an dem Referenten: Peter Frings ist seit dem vergangenen Jahr Interventionsbeauftragter des Bistums Münster und damit verantwortlich für die Bearbeitung der zahlreichen bekannten und immer wieder neu ans Licht kommenden Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche.

Montag, 07.09.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 07.09.2020, 10:44 Uhr
Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, stieß mit seine
Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, stieß mit seine Foto: Maximilian Stascheit

Die Freude war Arnold Hoppe am Sonntagmorgen im Saal der Gaststätte Bücker sichtlich anzumerken. „Zum ersten Mal seit der Einführung von Corona“, wie der Vorsitzende der KAB St. Paulus es formulierte, konnten die Mitglieder der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung wieder zu einem Treffen zusammenkommen. Und angesichts des eingeladenen Gastes war das Interesse groß.

Peter Frings ist seit 2019 Interventionsbeauftragter des Bistums Münster und damit verantwortlich für die Bearbeitung der zahlreichen bekannten und immer wieder neu ans Licht kommenden Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche . Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Anwesenden merkten, dass es dem Jurist ein Herzensanliegen ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und mit größtmöglicher Transparenz und Offenheit über das Thema zu sprechen, über das an zahlreichen Stellen viel zu lange geschwiegen wurde.

„Sie sind die erste katholische Gruppierung, die mich gefragt hat, ob ich zu dem Thema mal was sagen kann“, so Frings, der zuvor als Jurist beim Caritasverband tätig war. Zum Einstieg griff er eine aktuelle Umfrage auf, die deutlich mache, dass die Bevölkerung in Sachen Missbrauchsaufklärung wenig Vertrauen in die katholische Kirche habe. „Uns glaubt im Moment kein Mensch mehr. Die Leute sind der Meinung, dass die Kirche nicht energisch genug gegen Missbrauch vorgehe.“

Peter Frings weiß, dass es eine Mammutaufgabe sein wird, dieses Vertrauen zurückzugewinnen, nach alldem, was in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit gelangt ist. Sein Credo, das er an während des Vortrags immer wieder deutlich macht, lautet: „Wir müssen den Leuten, die sich bei uns melden, zuhören. Denen hat über viele Jahre kein Mensch geglaubt. Das liegt daran, dass man da in Abgründe schaut, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann.“

Ein zentrales Problem, das ihm in allen bekannten Fällen bewusst geworden sei: „Die Täter sind eben nicht der böse Mann mit Bart aus dem Wald, sondern ganz nette Menschen aus der Nachbarschaft.“ Geistliche, die in der Kirchengemeinde ein hohes Ansehen hätten, oftmals gerade aufgrund ihres Umgangs mit Kindern. In den betroffenen Städten habe er schon oft mit Gemeindemitgliedern gesprochen, die wussten, dass es sich bei den Personen um Täter handelte und trotzdem schiegen. „Zu glauben, dass es nur die Kleriker waren, die etwas gewusst haben, ist deutlich zu kurz gegriffen“, so Frings.

Schon während des Vortrags stellten die Anwesenden dem Referenten viele durchaus kritische Fragen nach dem aktuellen Umgang mit bekanntwerdenden Fällen. Dabei beteuerte Frings mehrfach, dass im Bistum Münster nichts mehr unter den Tisch gekehrt und alles an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werde – sofern die Betroffenen mitspielen. Das jedoch sei oft das große Problem. „Es ist für die Betroffenen nicht damit getan, sich bei uns zu melden. Die müssen dann vor der Polizei, Staatsanwaltschaft und vor Gericht als Zeugen aussagen. Und viele können das einfach nicht.“ Die Kirche biete allen Betroffenen an, sich vorab von darüber beraten zu lassen und alle Kosten – auch für einen unabhängigen Anwalt – zu übernehmen.

Eindrücklich machte der Interventionsbeauftragte zudem deutlich, dass er selbst schon durchaus in Gewissenskonflikte geraten sei. Als Beispiel nannte er den aktuellen Fall aus Borghorst, in dem ein ehemaliger leitender Pfarrer des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurde. Es ist nur eines von vielen Beispielen, das Frings im Laufe seines Vortrags aufgriff. Zumindest für diesen Morgen ließ er bei den KAB-Mitgliedern keine Frage mehr offen. Was blieb, war der Eindruck, dass es da jemand wirklich ernst meint mit der Aufklärung. Aber auch die Gewissheit, dass die katholische Kirche dabei noch einen langen Weg vor sich hat.

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