Saerbeck
„Der Tod ist unser Zeithorizont“

Freitag, 24.06.2011, 16:06 Uhr

Peer Christian Stuwe kennt man als Maler und Bildhauer. Jetzt tritt er plötzlich als Liedermacher auf. Wie kommt es dazu?

Peer Christian Stuwe: Ich habe schon als Kind Gedichte geschrieben, und seither eigentlich immer. Als Sextaner habe ich mal einen Gedichtwettbewerb gewonnen und später in einer Klassenarbeit statt eines Stimmungsbildes ein Gedicht abgegeben (grinst). Der Deutschlehrer Dr. Leidinger kam mit blaurotem Kopf in die Klasse – und gab mir eine Vier minus dafür, der Feigling. Das hat mich dann doch geärgert – ich wollte entweder eine Eins oder eine Sechs.
Auch später habe ich neben dem Malen immer Gedichte geschrieben. Während des Studiums kam ich mit der von dem Surrealisten André Breton entwickelten „écriture automatique“, dem „automatisches Schreiben“ in Berührung, da kamen unglaublich skurrile Bilder zustande. Vieles, was während dieser Jahre entstanden ist, habe ich gesammelt. Das ist für mich noch immer eine unerschöpfliche Quelle.

Dichten ist das eine. Aber wie sind Sie zur Musik gekommen?

Stuwe: Ich spielte in den späten 60er Jahren in einer Band, - Beatband hieß das damals -, The Connection aus Ennigerloh . Damals musste ja alles „The“ heißen, und gesungen wurden natürlich Coversongs in Englisch. Deutsch ging damals nicht, das kam erst nach Udo Lindenberg. Wir hatten durchaus einigen Erfolg – aber am schönsten waren eigentlich die großartigen Chaosauftritte (lacht schallend).

Ihnen kommen Erinnerungen?

Stuwe: Wir haben mal in einer Kneipe in Ennigerloh gespielt. Der Bassist und ich waren schon eine Stunde vor dem Konzert da – und haben uns, sagen wir mal: etwas Mut angetrunken. Es wurde dann im Lauf des Auftritts so dramatisch, dass uns Wirt und Gäste erst beschimpften und dann rausschmeißen wollten – aber wir haben gesagt: Wir haben einen Vertrag bis 22 Uhr, und den erfüllen wir. Ich erinnere mich, dass wir den Beatles-Song Dizzy Miss Lizzy auf neun Minuten gezogen haben, normalerweise waren 3 Minuten das absolute Limit. Am Ende war die Tanzfläche leer.

Wann haben Sie damit begonnen, deutsche Lieder zu schreiben?

Stuwe: In den 70er Jahren begann Achim Reichel, der ehemalige Leadsänger von The Rattles , deutsche Volkslieder zu verrocken. Das hatten wir vorher aber schon mit Liedern von Hermann Löns gemacht. Während meines Studiums habe ich einige Jahre in einer großen WG in einem ehemaligen Kurhotel in Wolbeck gewohnt, wir hatten eine Art Hausband, die allerlei Musik machte, unter anderem irische und deutsche Folklore, - das war damals ziemlich in. Leute von Gruppen wie „Fiedel Michel“ waren dabei. In dieser Zeit, aber auch schon davor, habe ich eine ganze Menge Lieder auf Deutsch geschrieben. Bei einer Party setzte sich dann jemand auf meine geliebte 12saitige Gitarre, der Hals brach durch, und danach war erst mal Ruhe.

Und warum haben Sie jetzt wieder angefangen?

Stuwe: Weil meine Frau Ingrid als Vorstand einer Kunst-Stiftung in Bonn arbeitet, die erste Wochenhälfte nicht zu Hause ist, ich nicht gerne fernsehe und die Abende auf dem Land, besonders im Winter, lang werden können. Im Sommer kann man ja noch Motorrad fahren. Aber im Winter ist das Licht zum Malen um fünf weg. Da saß ich dann irgendwann auf dem Sofa, die Gitarre auf dem Schoß und plötzlich hatte ich wieder Lust, Musik zu machen. Da habe ich mich mit Willi Kleigrewe und Hermann Ueding in Verbindung gesetzt, mit denen ich früher schon bei The Connection gespielt habe – und daraus ist schließlich die Band „3Mann“ entstanden.

3Mann hat jetzt die erste CD „3 x 3 Gesänge“ vorgelegt. Der Sound und die Texte erinnern entfernt an die Lieder von Franz Josef Degenhardt .

Stuwe: Aber doch sehr entfernt. Degenhardt war immer sehr sozialkritisch. Mag sein, dass ich das auch bin – aber dann doch anders. Degenhardts Lieder waren eine Antwort auf die Adenauer-Ära. Als junger Mann war das auch durchaus ein Thema für mich, klar. Wenn du 25 bist, bist du optimistisch, du denkst nicht so viel über Tod und Teufel nach. Oder du bist mit 27 schon tot. Ich bin heute der Meinung, dass sich die Welt im Wesentlichen kaum verändert hat, im Guten wie im Bösen. Jahrhunderte lang bewegt die Menschen das Gleiche – die Liebe, der Tod, der Frühling.
Heute haben die Leute im Gegensatz zum Mittelalter zwar ihre Zentralheizung – und sind doch ausgesprochen froh, nach einem langen Winter endlich wieder nach draußen zu kommen. Oder nehmen wir zum Beispiel Hitler. Das ist nicht vorbei. Wenn der serbische General Mladic Zeit genug gehabt hätte, hätte er mit dem Morden erst aufgehört, wenn alle Moslems tot gewesen wären.

Eine pessimistische Lebenseinstellung?

Stuwe: Nein. Für mich war schon als junger Mann die Endlichkeit des Daseins eine entscheidende Bezugsgröße. Der Tod war und ist unser Zeithorizont und sollte eigentlich existenzieller Bezugspunkt aller Menschen sein. Ich war mir immer bewusst: Es muss meine Aufgabe sein, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Auf Ihrer neuen CD ist ein Lied mit dem Titel „Ich tausche nur die Räume“, das eigentlich einen anderen Eindruck vermittelt und eher Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod suggeriert.

Stuwe (seufzt): Dieses Lied ist eine Collage aus Originalzitaten aus Todesanzeigen, in denen der Verstorbene selbst in der Ich-Form zu uns zu sprechen scheint, uns Trost gibt und Mut zuspricht. Ursprünglich war dieses Lied als Reaktion auf einen, meiner Auffassung nach, seltsam verkitschten Umgang mit dem Tod gedacht. Aber als wir es dann spielten, war die Reaktion eine ganz andere. Statt wie erwartet eine Diskussion anzustoßen, waren die Zuhörer von dem Lied anscheinend tief berührt. Und so ist es dabei geblieben

Mich wiederum hat das “Kinderlied“, in dem es um Verlassenheit geht, besonders angesprochen.

Stuwe: Dieses Lied hat unmittelbar mit meiner Arbeit als bildender Künstler zu tun. In der Ausstellungsreihe „Die Ästhetik des Profanen“ habe ich ein altes Brotmesser verwendet, das noch aus dem Haushalt meiner Großeltern stammt, dann bei meinen Eltern landete und das ich nach dem Tod meines Vaters geerbt habe. Der Titel des Kunstobjekts ist: “Papa schneidet Brot nicht mehr“, und so fängt auch das „Kinderlied“ an. Dieses Brotmesser ist für mich ein Symbol für Zeit, Vergänglichkeit und Verlassensein. Ein Verlassensein, das nicht nur die Verlassenheit eines Kindes, wie in meinem Lied, beschreibt, sondern die grundsätzliche Einsamkeit des Menschen meint, ein Verlassensein, das die Philosophen im Bild des „principium individuationis“, dem Prinzip der Vereinzelung, schon seit 3000 Jahren beschäftigt. Der Existenzphilosoph Martin Heidegger spricht in diesem Fall zutreffend vom Begriff des „Geworfensein des Menschen in die Welt“. Es geht (auch) um die Frage, wie kann sich ein Mensch überhaupt mitteilen – und da kommt wieder die Kunst ins Spiel: Sie kann neue Wege der Kommunikation erschließen für Dinge, die man nicht in Worte fassen kann.

Auf Ihrer neuen CD sind neben ernsten auch sehr viele witzige Lieder, beispielsweise „Girls“, wo es um Dominas und Schmusekätzchen geht.

Stuwe (grinst): Das ist ein Lied, das habe ich aus Erotik-Anzeigen aus lokalen Anzeigenblättern zusammen gestellt.

Auch die Strophe über Lady Cosima und Zofen?

Stuwe: Auch die. Es gibt da noch ganz andere, aber irgendwann hat meine Frau gesagt: Jetzt wird’s zu hart.

Am 3. Juli tritt „3Mann“ erstmals mit einem abendfüllenden Programm auf. Warum haben Sie dafür Saerbeck gewählt?

Stuwe: Erstens wohne ich hier. Zweitens sind wir mit „3Mann“ bereits zweimal bei Ausstellungen hier aufgetreten, und beide Male sind wir auf wohlwollendes Interesse gestoßen. Und ich spiele lieber vor eher kleinem Publikum. Ich bin ja nicht die Rampensau, mir ist es lieber, ich habe noch den Blickkontakt mit den Leuten. Und außerdem finde ich, dass Saerbeck solchen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen ist.

Ein bisschen aufgeregt?

Stuwe: Bisher kam es ja nicht so ganz genau drauf an, wir haben ja im Rahmen von Kunstausstellungen gespielt. Da haben die Zuhörer gesagt, wenn es mal nicht so klappte: Na ja, eigentlich ist er ja Maler und Bildhauer. Das ist jetzt anders. Nein, der Maler hat keine Angst – nur ein bisschen.

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