Saerbeck
Die Winter-Arbeiter

Freitag, 30.12.2011, 11:12 Uhr

Saerbeck - Nach einer dreiviertel Stunde kriecht die Kälte in jeden Winkel des Körpers. Kein Wunder bei mangelnder Bewegung und Außentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Da helfen auch die lange Unterhose und die doppelte Lage Pullover wenig. Rajha, Justa, Ewald, Shaka und ihre sieben weiteren Artgenossen frieren ganz bestimmt nicht. Davor schützt sie nicht nur ihr dickes Fell. Rund zehn Kilometer haben die Hunde den Schlitten bereits gezogen. Egal ob Asphalt, Sand, Schlamm oder tiefe Pfützen - die elf geben immer Gas. „Die sind jetzt auf der Jagd“, sagt Harald Kraege . Er ist der Musher, er ist derjenige, der hinten auf dem Schlitten steht und dafür sorgt, dass die Hunde bei der Hatz quer durch Westladbergen nicht vom Kurs abkommen. Mit kurzen Kommandos weist er den Hunden den Weg. „Rechts“ oder „Gerade“ ruft er an Kreuzungen. Seine Stimmbänder kann er dabei nicht schonen, schließlich sind Rajha und Justa 16 Meter von ihm entfernt. Und auf die beiden Siberian Huskies kommt es an. Sie sind die „Leader“, die ganz vorne den Schlitten anführen. „Die wissen, was zu tun ist“, sagt Kraege. An einer Weggabelung stutzen sie kurz. „Rechts“ hat der Musher gerufen und eigentlich links gemeint. Rajha und Justa blicken sich etwas verwirrt um, schließlich kennen sie den Weg. Kraege korrigiert sich, und schon nehmen die beiden wieder Fahrt auf. Als plötzlich einige Hühner am Wegesrand stehen, scheint der Jagdinstinkt für einen kurzen Moment die Oberhand zu gewinnen. Aber dann halten Rajha und Juste doch Kurs. „ Als Leader sind nur intelligente, selbstbewusste und sensible Hunde geeignet“, sagt Kraege. Anders die beiden „Wheeler“ die direkt vor dem Schlitten angespannt sind. „Das sind nicht unbedingt die Schlausten.“ Aber dafür kräftig und mit einem absoluten Laufwillen ausgestattet. Und wie in jedem guten Team kommt es nicht nur auf die Häuptlinge an, sondern auch auf die Indianer.

Im Münsterland haben Hundeschlitten Räder statt Kufen, auch wenn, wie im vergangenen Winter, genug Schnee liegt. „Einige Straßen sind immer gestreut“, sagt Kraege, der mit seinen Hunden nur auf Wegen fährt - allein schon, um misstrauische Waidmänner nicht zu ärgern. Für die Hunde war die vergangene Saison eine Herausforderung - nicht wegen der Temperaturen, sondern weil die Räder im Schnee nur schwer ins Rollen kommen. Auf seinem Schlitten haben zwei Fahrgäste Platz. Heute sind gleich zwei Gespanne unterwegs. Kraeges Mitarbeiterin Diana Schlüter hat acht Hunde dabei. Weil sie das kürzere Gespann hat, übernimmt sie immer dann die Führung, wenn es Straßen zu überqueren gilt.

Eine Stunde zuvor: Harald Kraege und Mitarbeiterin Diana Schlüter haben die Hunde aus ihren Gehegen auf dem Hof in Westladbergen vis à vis vom Flughafen geholt und einen nach dem anderen vor den Schlitten gespannt. Das Anspannen ist die stressigste Phase bei einer Hundeschlittenfahrt. „Die brennen wie die Blöden“, sagt Kraege. Die Nervosität ist spürbar. Die Tiere quengeln, jaulen, heulen und konkurrieren mit dem Lärm des nebenan startenden Düsenjets. Vor allem die fünf einjährigen „Jungspunde“ im Team machen ordentlich Rabatz. Ganz anders die beiden Leader. Ruhig und abgeklärt lassen sie das Prozedere über sich ergehen. Rund eine Stunde dauert die Vorbereitung, zu der auch das Wässern gehört, bei dem die Tiere mit Futter und Aromastoffen angereichertes Wasser verabreicht bekommen. Wenn alle Tiere eingespannt sind, geht es ganz schnell. Musher Kraege ruft ein kurzes „Okay“ und von einer Sekunde zur anderen verstummen die Tiere. Die Jagd beginnt. 20, 30 oder 40 Kilometer rennen die Hunde am Stück, bis auf eine kurze Pause am Kanal, wo sie trinken. Und das fast jeden Tag von Oktober bis März. „Ich lasse die Tiere nur bei Temperaturen unter 12 Grad laufen“, sagt Kraege. Und was machen die Winter-Arbeiter im Sommer? „Die Rüden lesen Playboy und die Weibchen Brigitte“, scherzt Kraege. Aber im Ernst. In den warmen Monaten relaxen die Tiere und bekommen viele Schmuseeinheiten.

16 Jahre ist es her, dass der gebürtige Telgter sich seinen ersten Schlittenhund angeschafft hat. Heute sind es 26 Tiere, fast ausschließlich Siberian Huskies und einige Mischlinge mit Grönländern. Auf den Hund gekommen ist Kraege schon als Kind. 1983 machte der heute 53-Jährige in Westladbergen seine Hundeschule und -pension auf. Das Wohl der Tiere steht bei ihm an erster Stelle. Bis zu 12 Jahre arbeiten die Hunde am Schlitten, manche legen dabei über 25 000 Kilometer zurück. Danach dürfen sie in Westladbergen ihre Rente genießen.

Die letzten Meter zum Hof, dann ist die Fahrt nach 22 Kilometern zu Ende. Andert­halb Stunden hat sie gedauert. Den Hunden hängt die Zunge aus dem Hals, Fell und Schnauze sind mit Schlammspritzern übersät. Die beiden Musher bedanken sich bei jedem Hund für die geleistete Arbeit. Sie befreien die Hunde vom Geschirr und bringen sie in die Gehege, wo sie sich ausruhen können. Morgen beginnt die Jagd von Neuem.

» In den Wintermonaten bietet Harald Kraege Schlittenhundefahrten mit unterschiedlicher Dauer an. Es gibt auch die Möglichkeit, an einem Musherlehrgang teilzunehmen. Weitere Infos unter www.hundepension-kraege.de

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