Kristian Niemann
Der Philosoph mit dem Meißel

Saerbeck -

Mit Thales und Platon steht er auf Du und Du. „Es geht um den Sinn der menschlichen Existenz“, sagt er, wenn er über Kunst spricht. Der Bildhauer Kristian Niemann, der seit Januar an der Kolpingstraße wohnt, ist Philosophie und Handwerker zugleich.

Donnerstag, 10.10.2013, 19:10 Uhr

Mit Thales und Platon steht er auf Du und Du. Am Küchentresen unter den alten Balken plaudert er über die sieben freien Künste der Antike. Dazu gehörten damals auch Mathematik und Astronomie. „Künste – das war mehr als ein bisschen Malen.“ Und auch seine Skulpturen, meist weiche, an menschliche Körper erinnernde Wesen, sind ihm weit mehr als gefällige Form: „Es geht um Bewusstsein. Es geht um den Sinn der menschlichen Existenz.“ Er weiß, dass manch einer diese Ansprüche übertrieben findet und meint mit einem Seitenhieb auf manche Kreiselkunst im Kreis: „Wer will sich schon mit Kunst auseinander setzen, wenn es auch Gartenzwerge gibt?“

Kristian Niemann ist seit Januar 2013 Saerbecker. Durch Zufall hat er seine neue Wohnung gefunden auf dem Hof Lehmann mitten im Dorf. „Atelier 54“ steht groß am gläsernen Scheunentor. Zufall? „Es gibt keinen Zufall“, sagt der gebürtige Ibbenbürener, der in Emsdetten aufgewachsen ist. Er hat lange an Waldorfschulen gelehrt, er schätzt das ganzheitliche, spirituell geprägte Welt- und Menschenbild, das ihr zugrunde liegt, auch wenn er kein Anthroposoph ist. Und es empört ihn, dass heutzutage alles und jedes verzweckt wird. „Es interessiert doch nur der wirtschaftskompatible Mensch!“ Dagegen arbeitet er. Seinem Gast drückt er eine kleine schwarze Streichholzschachtel in die Hand, die sich nicht öffnen lässt. „Kunst – ist nutzlos“, hat Niemann darauf mit silbernem Stift notiert. Besuchern seiner nächsten Ausstellung in Mesum wird er sie in die Hand drücken. Diese Nutzlosigkeit der Kunst allerdings, daran lässt Niemann keinen Zweifel, macht sie so großartig, macht sie wichtiger, bedeutungsvoller als noch das Allernützlichste.

In seiner neuen Heimat ist Niemann schneller bekannt geworden als erwartet – einfach dadurch, dass er die Skulptur „Verbindung“ auf der Wiese vor seiner Wohnung aufgestellt hat. „Was das schon wieder gekostet hat?“, hieß es auf Facebook . Von „Schrott“ war die Rede. Aber auch „Klasse!“ lautete ein Kommentar. Den Künstler amüsieren diese Reaktionen. „Das ist genau das, was ich will: Kunst zur Sprache bringen.“ Er streitet sich gern, auch mit Künstlerkollegen – beispielsweise über handwerkliche Qualität. Die ist ihm nicht alles – aber sie ist ihm Grundlage. „Michelangelo, Leonardo – die haben sich alle als Handwerker verstanden.“

In der Dachwohnung des Künstlers, für einen „pazifistischen Anarchisten“ ausgesprochen ordentlich, reiht sich Skulptur an Skulptur, Bild an Bild. „Das meiste steht aber in Mesum“, sagt Niemann. Bei der Firma Marmor-Bruning hat er Werkstatt und Ausstellungsmöglichkeit. „Meine Skulpturen stehen zwischen Edelbädern.“ Und dann erzählt der Künstler vom sinnlichen Teil der Arbeit, dem Moment, wo der Meißel erstmals den Stein berührt, „vielleicht einen Lahn-Marmor, 380 Millionen Jahre alt, der riecht nach Meer“. Niemann scheint den Duft einzuatmen, während er erzählt – und man versteht, dass Kunst auch zu tun hat mit Sensibilität und mit Genussfähigkeit. Und vor allem – mit Vorstellungskraft.

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