Ausprobiert: Tanzschule
Vor-links-ran, rück-rechts-ran

Saerbeck -

Wer erinnert sich nicht noch an seinen ersten Tanzkurs. An kichernde Mädchen, nasse Hände und rasenden Puls. Das war schon ein Highlight damals. Aber was ist von all dem hängen geblieben? WN-Redakteur Hans Lüttmann wollte es wissen und hat bei der Tanzgruppe der Musikschule mitgemacht.

Dienstag, 08.07.2014, 16:07 Uhr

Unwillkürlich flackern auf dem Weg vom Auto zur Bürgerscheune diese alten Bilder wieder auf, Erinnerungsfetzen an die ersten Tanzstunden, an kichernde Mädchen, nasse Hände und rasenden Puls. Und dann diese legendäre Kellerparty, Schweiß, Parfüm und Cha-Cha-Cha, das Rascheln von Kleidern über Perlonstrumpfhosen, die kreisende Kugel, die farbige Flecken über die Wände streifen lässt, und der magische Moment, als das Licht ausgeht und mit „A whiter shade of pale“ der Freistil beginnt, der Klammerblues, bei dem man sich am besten gar nicht bewegt, nur ganz sanft wiegt und ihn endlich doch noch wagt, den ersten Kuss, der nach klebrigen Kirschbonbons schmeckt . . .

Alleine schon für diese süße Erinnerung hat es sich gelohnt, Christel und Rudolf Gans zu fragen, ob ich einmal mittanzen darf in ihrer Musikschulgruppe, die sich jeden Mittwoch trifft, um zwei ungezwungene Stunden lang zu walzen, foxzutrotten und neue Tango-Figuren zu lernen.

Tänzerisch bin ich ziemlich unbegabt, und bei meinem Schieber sehe ich wahrscheinlich eher aus wie ein betrunkener Wasserbüffel. Aber einen Versuch ist es allemal wert; vor allem, weil ich eine Tanzpartnerin mitbringe, die den Rhythmus im Blut hat und unerschrocken genug ist, mich aufs Parkett zu begleiten: die ungarische Saerbeckerin Tünde Kalotaszegi-Linnemann (die im Übrigen sämtliche Fakten und Zitate für diesen Artikel zusammengetragen hat).

Schon an der Tür verfliegt das flaue Gefühl im Magen, als Christel und Rudolf Gans uns mit den Worten begrüßen: „Wir wollen in erster Linie Spaß haben und ohne Druck lernen. Beim Hören der Musik tanzt jeder, was er möchte. Meistens sind die Vorgaben eindeutig, wie beim Walzer, aber jeder tanzt die Figuren so, wie er sie kann. Jederzeit können wir helfen, etwas zeigen, aber wir drängen uns nicht auf.“ Nach und nach trudeln die anderen Tanzpärchen ein, begrüßen und herzen sich, Sekt, Saft und Knabbersachen werden ausgepackt („Bei uns gibt’s immer auch lecker zu essen und trinken“). Dieter Michel stellt seinem Hunde-Senior Charlie noch etwas Wasser hin, und schon geht’s los mit einer Rumba. „Quatsch, das ist doch ein langsamer Walzer“, korrigiert Tünde. Wir nehmen Tanzhaltung ein und walzen, noch etwas staksig, los.

Die Tanzgruppe des Ehepaars Gans gehört seit Dezember 2007 der Musikschule an. Durch den Wechsel von Falke zur Musikschule ist sie vom Tanzsportverein unabhängig; damit können die Kosten für die einzelnen Tänzer wesentlich geringer gehalten werden, außerdem können die Räume in der Bürgerscheune genutzt werden. Zurzeit tanzen sieben Paare, mehr als zehn sollen es aber auch nicht werden.

Eine angenehme, offene und herzliche Atmosphäre weht übers Bürgerscheunen-Parkett, Rudolf Gans und seine Frau greifen nur ganz behutsam ein, korrigieren hier, zeigen dort und wiederholen diese eine schwierige Figur auch ein zweites, drittes und wenn es sein muss viertes Mal. Und immer locker, nett und ohne oberlehrerhaftes Getue: „Dieter, dreh dich mal um 45 – oder besser doch um 46 Grad!“

Anke Brüning ist seit Jahren dabei – ohne ihren Mann, der muss arbeiten, wenn sie zum Tanzen fährt. Also hat sie sich mal eben einen anderen zum Tanzen organisiert. „Da muss man mal flexibel sein und sich einen Mann besorgen. Gut, dass es eine gewisse Auswahl gibt.“ In diesem Fall ist es Dieter Michel, Musiker und Leiter der Musikschul-Big Band. Er hat schon als Kind gerne getanzt. Seine Mutter hatte ihm mit zehn Jahren die Grundschritte gezeigt, seitdem tanzt er zu jeder Gelegenheit. Früher war er auf Schulveranstaltungen, Abi- oder Unibällen als Tanzpartner sehr gefragt. 2002 veranstaltete er mit seiner Big Band eine „Liebeserklärung an Musik und Tanz“. Das waren drei Konzerte, jeweils in Greven, Emsdetten und Saerbeck. Dazu suchte er Tanzgruppen, die zum Big Band-Sound passen sollten. Aber alle Tanzschulen sagten ab, nur nicht Rudolf Gans mit seiner Truppe. Zu fortgeschrittener Stunde sagte Dieter Michel dann launig ins Mikrofon: „Da möchte man am liebsten doch gleich mittanzen.“ Und Gans erwiderte schlagfertig: „Ja, dann mach doch!“ Seitdem tanzt Dieter Michel jeden Mittwoch mit.

Oha, jetzt johlt ein Jive aus der Lautsprecher-Box. Wie man den schreibt, kriege ich noch hin, aber wohin mit den Füßen? „Sie können darauf genauso gut einen Foxtrott tanzen“, beruhigt Christel Gans, nimmt mich an der Hand, zeigt zwei, drei schnelle Schritte, und schon foxtrotte ich mit Tünde, immer links herum, fast unfallfrei (und am Ende sogar mit einer Drehung) durch den Saal. Die Bäckchen glühen, das T-Shirt klebt, aber zu den letzten Takten des Wiener Walzers schlurft und raffelt es verheißend: Tische rücken, Stühle holen, Weingummi, Nüsse, Sekt – jetzt ist die Pause dran, denn auch die gehört hier zur Musik.

Was nach diesen beiden Stunden bleibt, ist ein wohliges Gefühl, stilles Behagen mit einem Schuss Zufriedenheit. Die Tünde kriegt draußen am Auto noch ein herzliches Knuddelchen; und wer weiß – wenn ich mittwochs nicht immer zur Männerrunde müsste . . .

Sie können darauf genauso gut einen Foxtrott tanzen.“

Christel Gans

Dieter, dreh dich mal um 45 – oder besser um 46 Grad!

Rudolf Gans
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