Rochus-Bildstock auf Hof Voskort
Die Pest, der Tod und der Herrgott im Feuer

Saerbeck -

Der Bildstock auf dem Hof Rochus ist 275 Jahre alt. Er wurde lange Zeit für den armen Lazarus gehalten, wurde in Pestzeiten angerufen und steht in enger Verbindung mit dem Kreuz und dem Opferstock am gleichen Ort.

Samstag, 16.05.2015, 10:05 Uhr

Nachdem das Rochus-Bild restauriert worden ist, wird Restaurator Thomas Lehmkuhl aus Burgsteinfurt nun auch das Kreuz überarbeiten und den Opferstock reinigen.
Nachdem das Rochus-Bild restauriert worden ist, wird Restaurator Thomas Lehmkuhl aus Burgsteinfurt nun auch das Kreuz überarbeiten und den Opferstock reinigen. Foto: Hans Lüttmann

Der Hund ist schuld, dass die Saerbecker den Rochus lange nicht erkannten. Wann immer sie an Voskorts Bild vorbeikamen, grüßten sie den „Armen Lazarus“, denn seine Geschichte hatten sie ja in der Kirche schon sehr oft gehört: Wie er sich vor das Tor des reichen, in Purpur und feines Linnen gewandeten Prassers legte und um Brotstückchen bettelte, die von dessen Tisch auf den Boden fielen. Stattdessen aber kamen Hunde und leckten an seinen Geschwüren. (Wo solche Kaltherzigkeit hinführt, steht im 16. Kapitel des Lukasevangeliums.)

Auch dem Rochus leckt ein Hund die Geschwüre – und bringt ihm solange Brot, bis er genesen ist. (Dass man ihn hinterher ins Gefängnis warf, wo er fünf Jahre später starb, war ebenfalls eine Verwechslung: Wegen seiner Verunstaltungen durch die Pest erkannte man ihn nicht und hielt ihn für einen Spion.)

Als die Eheleute Arning vor 275 Jahren die Andachtsgruppe mit dem Kreuz, dem Rochus und einem Opferstock am Südhang des Nötle-Berges (am Abzweig zum alten Kirchweg) aufstellten, hofften sie damit auf Schutz vor Tollwut, Pest und schwärenden Geschwüren; deshalb der Rochus, der oben im Himmel eben dafür zuständig ist. (Und auch für Cholera, Beinleiden und Unglücksfälle.)

Einen ersten wundersamen Zwischenfall soll es dort 1813 gegeben haben, als im Zuge der Befreiungskriege eine Horde Kosaken durch Westladbergen preschte. Einer von ihnen, so erzählt man sich bis heute, soll im Galopp mit seinem Säbel einen Arm des hölzernen Korpus abgeschlagen und auch den Mittelbalken beschädigt haben. Kurz darauf sei er vom Pferd gefallen und habe sich den Arm an ebenjener Stelle gebrochen, wo er den Korpus getroffen hatte.

Der hölzerne Herrgott hat dann fast 25 Jahre auf dem Speicher gelegen, bis die Familie Ahring (die Namen wandelten sich im Lauf der über 600-jährigen Hofgeschichte) es herrichtete und 1837 wieder aufstellte. 1923, inzwischen hieß der Hof Voskort, war das Holzkreuz dermaßen vermorscht, dass steinerner Ersatz hermusste. Über den Verbleib des alten Kreuzes erzählt Alfred Voskort: „Als meine Großeltern das neue Kreuz errichten ließen, warfen sie den Korpus ins Herdfeuer, wo er trotz der glosenden Glut nicht brennen wollte. Als meine Ur-Oma das sah, rief sie entrüstet aus: Wu könn ji ussen Hiärgott auk in’t Füer smieten!“ Also nahmen die den hölzernen Herrgott wieder aus dem Feuer und vergruben ihn unter dem Fundament des neuen Kreuzes.

Der Kirchweg war ja auch Beerdigungsweg, über den man sich diese Geschichte erzählt: Voskorts Hund, lange ist es her, lief bisweilen zum Kreuz und bellte und jaulte, und dann konnte man sicher sein, dass wenig später eine Leiche vorbeigetragen wurde.

Weil im Zuge der Flurbereinigung Mitte der 1970er Jahre die Hofzufahrt von der Westladbergener Straße aufgehoben wurde, musste ein neuer Platz für „Voskorts Bild“ gefunden werden, und seit 1976 steht Saerbecks größte Andachtsgruppe mit dem zweitältesten Steinkreuz des Dorfs rechts vor der Hofeinfahrt. Das Rochusbild aber war derart verwittert, dass es bis dahin gründlich restauriert werden musste. Zum Glück bekam Familie Voskort finanzielle Hilfe: von der Gemeinde gab es Geld, und auch die Bezirksregierung beteiligte sich an dem Sandsteinbild von 1740 – mit exakt 1740 D-Mark.

Wenn fromme oder wissbegierige Radfahrer heute an dem Andachtsbild absteigen, den wieder frisch restaurierten Rochus sehen, das Kreuz, das demnächst fachmännisch bearbeitet wird, dann fragen sie sich oft, was es denn mit dem aufrechten Sandstein in der Mitte auf sich hat. Es ist ein Opferstock. Das Geld von genesenen oder gar wundersam Geheilten brachte man dem Pastor, der dafür Messen las. „Als wir Jungs damals spitzkriegten, dass da Geld drin lag“, unkt Alfred Voskort, und den Rest kann man sich denken. Da auch andere auf dieselbe Idee kamen, verschloss man den Opferstock mit wuchtigen eisernen Riegeln. „Heute steckt da keiner mehr was rein“, bedauert Alfred Voskort. Und hat auch keinen Rochus auf Wanderer und Radler, die noch immer den „Armen Lazarus“ grüßen.

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