Saerbeck will Stromnetz-Gesellschaft komplett übernehmen
2,5 Mio. Euro für die volle Kontrolle

Saerbeck -

2,5 Millionen Euro will die Gemeinde Saerbeck in die Hand nehmen, um die volle Kontrolle über das örtliche Stromnetz und dessen Ausbau zu bekommen. Dafür verhandelt sie mit den Stadtwerken Lengerich über den Kauf von deren 40-Prozent-Anteil am bisherigen Gemeinschaftsunternehmen SaerVE mbH. Bürgermeister Wilfried Roos sieht unter anderem Vorteile beim Ausbau von E-Auto-Ladestationen und Speichern.

Samstag, 05.01.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 06.01.2019, 14:33 Uhr
Das neue Umspannwerk im Schulkamp, hier ein Foto von den Bauarbeiten Ende 2011, war eine Investition der SaerVE.
Das neue Umspannwerk im Schulkamp, hier ein Foto von den Bauarbeiten Ende 2011, war eine Investition der SaerVE. Foto: Alfred Riese

Die Gemeinde Saerbeck will Besitz und Kontrolle des örtlichen Stromnetzes komplett in die eigenen Hände bringen. Im Entwurf für den Haushalt 2019 stehen dafür 2,5 Millionen Euro. Mit dieser Summe soll den Stadtwerken Lengerich (SWL) ihr 40-Prozent-Anteil an der Saerbecker Ver- und Entsorgungsgesellschaft mbH ( SaerVE ) abgekauft werden. Das Unternehmen wäre dann eine hundertprozentige Tochter der Gemeinde. Es ist Eigentümer des örtlichen Stromnetzes in Saerbeck, das 2011 von den RWE übernommen wurde.

„Wir bereiten uns auf die finalen Verhandlungen mit den SWL vor mit dem Ziel der vollständigen Übernahme der SaerVE“, erklärte Bürgermeister Wilfried Roos am Freitag auf Nachfrage dieser Zeitung. Die Mehrheit des Gemeinderats stehe nach Beratungen und Diskussionen in nicht-öffentlichen Sitzungsteilen und der Einbringung des Haushaltsentwurfs im Dezember hinter dem Vorhaben, Alleineigentümer der SaerVE zu werden, sagte Roos. Das Einplanen der 2,5 Millionen Euro in den Haushalt diene allerdings lediglich der „Vorbereitung auf den Ankauf der Gesellschaftsanteile“. Das Geschäft „muss nicht so umgesetzt werden“.

Martin Schnitzler, Geschäftsführer der Stadtwerke Lengerich (Mitte), zusammen mit den Bürgermeistern Wilfried Roos (Saerbeck, links) und Friedrich Prigge als Aufsichtsrat der Stadtwerke (Lengerich, rechts) im Juli 2011 bei der Unterzeichnung des Vertrags, der das Saerbecker Stromnetz von den RWE zum Gemeinschaftsunternehmen SaerVE holte.

Martin Schnitzler, Geschäftsführer der Stadtwerke Lengerich (Mitte), zusammen mit den Bürgermeistern Wilfried Roos (Saerbeck, links) und Friedrich Prigge als Aufsichtsrat der Stadtwerke (Lengerich, rechts) im Juli 2011 bei der Unterzeichnung des Vertrags, der das Saerbecker Stromnetz von den RWE zum Gemeinschaftsunternehmen SaerVE holte. Foto: Alfred Riese

Warum das Millionen-Geschäft? „Wir sehen steuerliche Vorteile darin, selbst zu 100 Prozent Gesellschafter der SaerVE zu sein“, sagt Bürgermeister Roos und beschreibt diesen Grund als „rechtlich komplex“. Zum Hintergrund gehört aber auch, dass die 2006 gegründete SaerVE aus rechtlichen Gründen nie, wie ursprünglich beabsichtigt, auch alleiniger Netzbetreiber sein konnte. Dafür wurde das Netz zunächst bis Ende 2021 an das Unternehmen SaerVE Netz verpachtet, das vollständig den Stadtwerken Lengerich gehört. „Die Konstruktion ist da an ihre Grenzen gestoßen“, bestätigt Roos. Nun wird neu sortiert.

Ein weiteren Zweck erfüllt die Ver- und Entsorgungsgesellschaft aber. „Die Verbesserung der Stromversorgung hat unter der Regie der Gemeinde geklappt“, erklärt Roos. Gemeint sind unter anderem der Bau stärkere Leitungen in das Gewerbegebiet Schulkamp, unter anderem mit dem Großbetrieb Saertex, im Bioenergiepark (BEP) und von dort zum Einspeise-Knotenpunkt in Emsdetten. Diese Leitungen ermöglichten den Anschluss der Ökostromanlagen im BEP und des Bürgerwindparks Sinningen.

In Zukunft sieht Roos den Bereich Ladeinfrastruktur für Elektromobilität und Speichertechnik für Ökoenergie als Aufgaben beim lokalen Netzausbau. „Das gibt das Netz zurzeit nicht her“, gesteht er ein. Aber „das ist das Thema der Klimakommune Saerbeck“, die demnächst die volle Kontrolle über ihr Stromnetz haben soll.

2015 reichte die Gemeinde ein Gesellschafterdarlehn von 4,5 Millionen Euro an die SaerVE weiter für den Netzankauf. 2019 könnte weitere 2,5 Millionen Euro folgen. Dann fließen allerdings auch die Einnahmen aus Pacht und Netzentgelten vollständig zur SaerVE, der Anteil der Stadtwerke Lengerich entfiele. Das nennt der Bürgermeister wie auch Gemeindekämmerer Guido Attermeier eine „rentierliche Investition“, die die Wertschöpfung vor Ort auch im Ort halte und nicht in Konzernkassen abfließen lasse. „Perspektivisch überwiegen die wirtschaftlichen Vorteile“, bilanziert Roos. Laut Haushaltsentwurf sind vom ersten Darlehn zum Jahresende noch 3,7 Millionen Euro übrig. Laut ursprünglichem Plan sollte das Stromnetz bis 2031 schuldenfrei im Besitz der Gemeinde sein.

Und das große Ganze? „Wir haben nichts Unvernünftiges vor, sondern schaffen Infrastruktur, um Saerbeck zukunftsfähig zu machen“, bekräftigt Roos die Motive aus dem SaerVE-Gründungsjahr 2006.

Für das Verhältnis von Stromkunden und Versorgungsunternehmen würde sich durch den Besitzerwechsel der Leitungen dazwischen nichts ändern.

Stromnetz in Zahlen

Die SaerVE besitzt nach eigenen Angaben in Saerbeck Freileitungen in einer Länge von 21,7 Kilometern (Mittelspannung) und 6,5 Kilometern (Niederspannung). Die Kabelleitungen umfassen 82,4 Kilometer (Mittelspannung) und 127,6 Kilometer (Niederspannung). Entnahmestellen (Stromzähler) gibt es 3774. Die Höchstlast betrug am 24. Januar 2017 5,4 Megawatt.

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