Zeitzeugengespräch: Schulzeit im Zweiten Weltkrieg
„Totale Manipulation“

Saerbeck -

Schulbücher, die kennen Schüler. Wie sie aber aussahen unter dem Nazi-Regime, erfuhren jetzt 150 Neunt- und Zehntklässler der Maximilian-Kolbe-Gesamtschule (MKG). Josef Berkemeier vom Heimatverein, der die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in der Region und besonders im Dorf aufgearbeitet hat, und der Zeitzeuge Alfred Maimann erzählten es ihnen.

Mittwoch, 10.04.2019, 13:00 Uhr
Der Zeitzeuge des Weltkrieg-Endes in Saerbeck, Alfred Maimann (links), mit Josef Berkemeier vom Heimatverein vor Schülern der MKG.
Der Zeitzeuge des Weltkrieg-Endes in Saerbeck, Alfred Maimann (links), mit Josef Berkemeier vom Heimatverein vor Schülern der MKG. Foto: Alfred Riese

Eine Aufgabe aus einem Mathebuch dieser Zeit zitierten sie: Berechnet, was ein Erbkranker den Volkskörper kostet und dass es billiger ist, ihn umzubringen. „Totale Manipulation“, antwortete Berkemeier in der Mensa auf die Schülerfrage, ob das Nazi-Denken auch in der Schule durchgesetzt wurde. „Natürlich mussten wir unsere Lehrer mit „Heil Hitler“ grüßen, berichtete Alfred Maimann von seinen Erinnerungen.

Der Vortrag von Berkemeier und Maimann schlug den großen Bogen vom Ermächtigungsgesetz, dass das Regime der Nationalsozialisten und Adolf Hitlers im Deutschen Reich an die Macht brachte, über Gräuel und individuelles Leid des Kriegs bis zu dessen Ende – immer wieder mit Bezug zu Saerbeck, zu Saerbecker Ereignissen und Orten. Zum Beispiel zum heutigen Sparparadies, wo 1942 eine Radarstation stand. Oder zu der Arrestzelle am Ort des heutigen Pfarrheims, wo 1945 ein gefangener französischer Pilot erschossen wurde. „Ich habe die Schüsse gehört“, holte Alfred Maimann mit seinen Zeitzeugen-Schilderungen das Geschehen aus der Vergangenheit – ein Erzähler für viele.

Auf der Leinwand ist die alte Kaplanei am Kirchplatz zu sehen.

Auf der Leinwand ist die alte Kaplanei am Kirchplatz zu sehen. Foto: Alfred Riese

Er erinnerte sich unter anderem an den Karsamstag 1945, als die alliierten Streitkräfte den „Westfalen-Wall“ durchbrachen und in Saerbeck die weiße Kapitulationsfahne vom Kirchturm wehte. „Noch in diesen letzten Stunden drohte das deutsche Militär damit, die Kirche zu beschießen, wenn die Fahne nicht verschwindet“, erzählte Maimann. Zehn Jahre war er damals alt und flüchtete sich vor der Hitler-Jugend in die Arbeit für einen Korbflechter. Nur ein paar Jahre älter waren die Jugendlichen, die noch Ostern 1945 als Soldaten an einer Flak-Stellung starben, ergänzte Berkemeier. „So alt wie ihr“, sagte er den Zuhörern, „sie liegen bei uns auf dem Friedhof“.

Ein Dokumentarfilm mit teils drastischen, düsteren Spielszene über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in der Region tat für Vortrag und Zeitzeugen-Schilderungen seine Wirkung. MKG-Lehrer Werner Engels, der die zwei Vorträge organisierte, stellte besonders die Anbindung des Geschilderten an die lokale Historie und heutige Orte heraus: „Das schafft Bezug.“

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