Zurück aus Indien: Oliver Jochmaring über Paukerei, Armut und Hilfsbereitschaft
„Sinne aufs Äußerste strapaziert“

Saerbeck -

Bittere Armut, freilaufende Kühe auf den Straßen von Millionenstädten, Hitze, Lärm – das Auslandssemester, das Oliver Jochmaring in der indischen Wirtschaftsmetropole Ahmedabad absolvierte, stellte den 26-jährigen BWL-Studenten immer wieder vor Herausforderungen. „Diese Extreme haben mich irgendwie angezogen und fasziniert“, sagt Oliver Jochmaring über seine Motivation. „Das wollte ich hautnah erleben.“

Dienstag, 18.02.2020, 16:38 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 17:30 Uhr
Lärm und Hitze: Während seines Auslandssemesters tauchte Oliver Jochmaring ein ins indische Leben.
Lärm und Hitze: Während seines Auslandssemesters tauchte Oliver Jochmaring ein ins indische Leben. Foto: privat

Indien, Portugal, Ghana – in den letzten Monaten war es nicht einfach, Oliver Jochmaring persönlich zu sprechen. Mitte August vergangenen Jahres stieg der Saerbecker in ein Flugzeug, das ihn nach Indien brachte. In Ahmedabad, mit 5,6 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Landes, hatte sich der BWL-Student am dortigen Indian Institute for Management eingeschrieben. „Eine arbeitsintensive Zeit“, vermerkt Oliver Jochmaring rückblickend. Die Uni gelte als Top-Adresse für ein Management-Studium. Entsprechend hoch seien seine Erwartungen gewesen, erzählt der 26-Jährige.

Wie für ihn ein typischer Tag in Ahmedabad aussah, dem wirtschaftlichen Zen­trum des Bundesstaates Gujarat? Nun, eigentlich paukte der Saerbecker den ganzen lieben Tag lang. „Nach einem Frühstück in der Mensa ging es in die Bibliothek. Dort blieb ich, bis es wieder Zeit zum Schlafen war“, berichtet Oliver Jochmaring, der inzwischen sein BWL-Studium an der Uni Münster fortgesetzt hat. „Selten habe ich die Bibliothek vor Mitternacht verlassen, auch weil Gruppenarbeiten teilweise erst um 2 Uhr morgens begannen.“

Das Lernniveau sei sehr hoch gewesen, erläutert der Saerbecker. Hauptsächlich weil er geradezu zugeschüttet wurde mit Aufgaben, die man in einem hohen Tempo abarbeiten musste – auch wenn dies zu Lasten der Genauigkeit ging. Eine Arbeitsweise, mit der er an der Uni Münster nicht weiterkommen würde, wie der 26-Jährige einräumt: „Hier ist Perfektionismus gefragt.“ Dennoch sei der Auslandsaufenthalt eine „unvergessliche Erfahrung“ gewesen, weil „ich realisiert habe, mit welchem Ehrgeiz und mit welcher Motivation viele indische Studenten das Studium angehen und die Chancen ergreifen, die ihnen geboten werden.“

Warum Indien? Weil er es aus Fernsehberichten als ein sehr lebens- und farbenfrohes und vielseitiges“ Land einschätzte, „das keine halben Sachen macht“. Das sei die eine Seite. Dass viele Menschen in bitterer Armut leben, sei die andere Seite. „Diese Extreme haben mich irgendwie angezogen und fasziniert“, sagt Oliver Jochmaring. „Das wollte ich hautnah erleben.“

Diese Parallelwelten waren jedoch auch eine tagtägliche Herausforderung. Hier der gepflegte Campus mit der Bildungselite Indiens. Dort das Treiben außerhalb der Mauern, „das meine Sinne bis aufs Äußerste strapazierte“. Die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit, der Gestank von Müll, Abgasen und Fäkalien, der laute Verkehr, die dunklen Gassen, die durchbohrenden Blicke obdachloser Kinder – und nicht zuletzt die freilaufenden Kühe auf den Straßen. „Diese Eindrücke waren extrem, besonders in dem Bewusstsein, dass Indien ein stark aufstrebendes Land ist, in dem viele Menschen zu den Reichsten der Welt gehören.“ Zudem habe er Indien als ein Land empfunden, das „einen persönlich unglaublich bereichern“ könne. „Die Lebensfreude der Menschen ist hoch ansteckend, überall wird getanzt. Zu Festen wird alles bunt geschmückt. Und die Leute sind jederzeit hilfsbereit.“

Das erfuhr der Saerbecker während seiner Reisen durchs Land. Auf seiner Route lagen natürlich Mumbai, größte Stadt Indiens, und Kalkutta, das wegen seines Kalighat-Tempels zu Ehren der Göttin Kali einer der bedeutendste hinduistischen Wallfahrtsorte ist. Oliver Jochmaring wanderte im Himalaya-Gebirge, stand vor riesigen Tee-Plantagen, spazierte über Kamelmärkte und durchquerte die größten und wohl schmutzigsten Städte der Welt.

Kurz vor Weihnachten traf er wieder in Saerbeck ein, nur um kurz darauf erneut seinen Koffer zu packen. Diesmal ging es nach Portugal, wohin es seine Freundin für ein Semester verschlagen hatte. Als er auch von dieser Reise zurückgekehrt war, machte er noch einen zweiwöchigen „Abstecher“ nach Ghana. Dorthin war er mit einer Reisegruppe des Arbeitskreises Eine Welt der St.-Georg-Pfarrgemeinde unterwegs. Wie berichtet, wird in der dortigen St.-Theresa-Gemeinde mit Spenden aus Saerbeck derzeit eine Krankenstation errichtet.

Wie der Weltenbummler die Rückkehr ins beschauliche Saerbeck empfand? „Ganz normal. Jetzt bin ich halt wieder da“, sagt er fast so, als ob er die Frage nicht ganz verstand.

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