Warum Familie Plastrotmann und ihre Nachbarn den Glasfaser-Ausbau in den Außenbereichen herbeisehnen
Langes Warten hat bald ein Ende

Saerbeck -

Sie wollen nicht meckern. Und auch nicht drängen. Erwarten können Stefan und Michaela Plastrotmann den Glasfaserausbau in ihrer Bauerschaft dennoch nicht. Versprechen sie sich davon ein schnelles Internet, das sie bislang vermissen. Im April sollen die Kabel verlegt.

Mittwoch, 30.12.2020, 17:14 Uhr aktualisiert: 30.12.2020, 17:19 Uhr
Michaela und Stefan Plastrotmann vor ihrem Laptop: Damit ihr Sohn Maik in der Coronakrise am Distanz-Unterricht seiner Schule teilnehmen kann, holen sie sich schnelles Internet vorübergehend mit einem teuren Funkanschluss ins Haus.
Michaela und Stefan Plastrotmann vor ihrem Laptop: Damit ihr Sohn Maik in der Coronakrise am Distanz-Unterricht seiner Schule teilnehmen kann, holen sie sich schnelles Internet vorübergehend mit einem teuren Funkanschluss ins Haus. Foto: Katja Niemeyer

Sie wollen sich nicht beschweren oder gar meckern. Und auch nicht drängen. Aber in dieser Corona-Pandemie sorgt die schlechte Internetverbindung zu ihrem Haus und dem ihrer Nachbarn für zusätzliche Anspannung – und für zum Teil absurde Situationen.

Dass sie keine Videos herunterladen oder Filme streamen können, damit hatten sich Stefan und Michael Plastrotmann abgefunden. Mit der Corona-Pandemie sahen sie sich aber einem ganz neuen Problem gegenübergestellt. Als die Käthe-Kollwitz-Realschule in Emsdetten, die ihr Sohn Maik besucht, im Frühjahr auf dem Höhepunkt der Krise auf Digitalunterricht umstellte, war guter Rat teuer. Denn Videokonferenzen mit Lehrern und Mitschülern waren vom heimischen Computer schlichtweg nicht möglich. „Also fuhr Maik regelmäßig zu seiner Tante nach Emsdetten, um von dort am Online-Unterricht teilzunehmen“, berichtet Michaela Plastrotmann. Was in Zeiten, in denen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden sollen, eigentlich nicht gewollt ist. Wenn der 13-Jährige nicht zum Schulschwänzer werden sollte, gab es aber keine Alternative.

Auch Elke Richard , eine Nachbarin der Plastrotmanns, kann ein Lied singen von der atemberaubend langsamen Internetverbindung zu ihrem Haus. Die 64-Jährige ist Mitglied in einem Pferdezuchtverband und wird in dieser Funktion neuerdings zu Online-Hengstkörungen und -Stutenschauen eingeladen. „Die würde ich gerne verfolgen“, sagt Elke Richard. Meistens bekommt sie aber kein Pferd zu Gesicht, weil die Verbindung zum Netz zu schwach ist.

Die Plastrotmanns und Elke Richard wohnen in Sinningen. Damit Außenbereiche wie diese Bauerschaft in den Genuss eines superschnellen Internets kommen, hatte die Gemeinde vor mehr als drei Jahren einen Förderantrag gestellt. 2,5 Millionen Euro werden benötigt, um die 262 Haushalte in den Saerbecker Bauerschaften Sinningen, Middendorf und Westladbergen ans Glasfasernetz anzuschließen. 90 Prozent fließen aus einem Programm des Bundes und des Landes NRW zum Ausbau des Glasfaser-Netzes im ländlichen Raum, die übrigen zehn Prozent, also 250 000 Euro, steuert die Gemeinde bei.

Laut Bauamtsleiter An-dreas Bennemann soll im April kommenden Jahres mit den Ausbauarbeiten begonnen werden. Das Warten für die Familie Plastrotmann und ihre Nachbarn dürfte dann also ein Ende haben.

Bis dahin haben sich die Plastrotmanns jetzt entschieden, schnelles Internet per Funk ins Haus zu holen. Hierfür greifen sie tiefer in die Tasche als die meisten anderen. 75 Euro, erzählt Stefan Plastrotmann, koste der Monatsbeitrag. Damit sein Sohn beschult werden kann, habe es aber keine Alternative zu dieser Variante gegeben. Jetzt muss Maik nicht mehr zur Tante nach Emsdetten fahren. Zum digitalen Lernen kommt jetzt ein Nachbarjunge zu den Plastrotmanns.

Mit der Funk-Verbindung verfügt die Familie nun über ein Datenvolumen von sage und schreibe 60 Gigabyte. Damit sei nicht nur Distanz-Unterricht möglich. Damit können Eltern und Kinder neuerdings auch mal ein Youtube-Video herunterladen oder einen Film streamen. „Zuvor reichte das Datenvolumen meist nur bis zur Mitte eines Monats. Dann brach die Leitung ab“, beschreibt Michaela Plastrotmann den Ausnahmezustand, in dem sich viele Haushalte wie ihrer im Außenbereich befinden.

„Die Leute können manchmal nicht glauben, wie schlecht die Internet-Verbindung ist. Man denkt, man ist in diesem Punkt in den 1970er-Jahren stehen geblieben“, sagt Elke Richard. Ihre E-Mails kann sie zwar abrufen, zumeist aber nicht von ihren eigenen vier Wänden aus. Dafür streift sich die 64-Jährige eine Jacke über, steigt in ihre Schuhe, steckt ihr Handy ein und läuft hinüber zur nächsten größeren Straße. Von dort loggt Elke Richard sich in ihr E-Mail-Programm ein – und liest endlich ihre neuesten Nachrichten.

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