Georg Erber seit 75 Jahren in der Kolpingsfamilie – Glück und Zufall führten ins Münsterland
Von der Bäckerei zum Kampfmittelräumdienst

Saerbeck -

75 Jahre Kolping-Mitglied. Das will was heißen. Für Georg Erber steht dahinter ein wechselvolles Schicksal, das ihn nach dem Krieg nach Saerbeck geführt hat

Montag, 01.02.2021, 06:00 Uhr
Urkunde und einen Präsentkorb überreichten Pastoralreferent Werner Heckmann als Präses und Alfons Bücker, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Saerbeck.
Urkunde und einen Präsentkorb überreichten Pastoralreferent Werner Heckmann als Präses und Alfons Bücker, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Saerbeck. Foto: Kolping

War es Glück oder Barmherzigkeit des Fahrers, dass der kanadische Panzer, vor dem er gerade zur Seite gesprungen war, nicht drehte und Georg Erber überfuhr?

Er überlebte die ersten Tage der Invasion in der Normandie und egal, was der Grund dafür war, nur deswegen konnten Kolpingvorsitzender Alfons Bücker und Präses Werner Heckmann ihn jetzt mit Urkunde und Präsentkorb als ältestes und treuestes Mitglied der Kolpingsfamilie Saerbeck ehren. Mittlerweile ist Georg Erber 94 Jahre alt, 1945 trat er in die Kolpingsfamilie ein.

Viel Glück und der Zufall haben mitgespielt, dass Georg Erber sich nicht nur immer noch seines Lebens erfreut, sondern auch das Münsterland seine Heimat geworden ist. Als junger Soldat erlebt er die Invasion in der Normandie mit, wird gleich am zweiten Tag verwundet, kann sich nur mit einem Seitensprung vor dem kanadischen Panzer retten und kommt ins Lazarett. Nur 39 von 200 Kameraden seines Trupps haben die Invasion überlebt.

Knapp überlebt

Vorbei ist der Krieg für den damals 18-Jährigen jedoch nicht, ein halbes Jahr später steht er in der Ardennenoffensive an der Front. Wieder erwischt es ihn nur eine knappe Woche später. Mit einem Granatsplitter im Bein wird er in die Heimat gebracht.

Die Steyler Missionare in St. Arnold nehmen ihn auf und pflegen ihn gesund. Dort erlebt er das Ende des Krieges, doch seinen Plan, in sein Heimatdorf Tscherbeney in Niederschlesien zurückzukehren, kann er erst 40 Jahre später umsetzen. Mit knapp 14 Jahren war er dort beim Bäcker in die Lehre gegangen. Weil beide Gesellen eingezogen wurden, stand er bald mit dem Meister 15, 16 Stunden in der Backstube. Als er den Gesellenbrief nach drei Jahren in der Hand hielt, war er erschöpft und meldete sich freiwillig zu den Gebirgsjägern. Stattdessen wurde er in die 12. SS-Panzerdiivision „Hitlerjugend“ gesteckt.

In der Bäckerei

Nach einem Jahr konnte Georg Erber St. Arnold verlassen. Er kehrte in den erlernten Beruf zurück und arbeitete in der Bäckerei Laukötter am Grevener Damm in Emsdetten. In der Küche sorgte eine junge Frau aus Saerbeck für das leibliche Wohl der Familie und Gesellen. Erber wechselte noch in andere Bäckereien, zuletzt in Lienen hatte die Bäckersfamilie ihn schon als künftigen Schwiegersohn im Auge. Doch er hatte sich längst in Anni Plagge aus Laukötters Küche verliebt. Sie arbeitete mittlerweile in einer Weberei und verdiente dort mehr als er. Georg Erber folgte ihr in den neuen Beruf und später in eine Näherei.

Hochzeit 1952 mit Anni Plagge in der St. Georg Kirche in Saerbeck

Hochzeit 1952 mit Anni Plagge in der St. Georg Kirche in Saerbeck Foto: Kolping

Nach der Hochzeit sollte die Familie wachsen und Geld war knapp. Als einzigen Besitz hatte Georg Erber aus dem Krieg seine Uniformjacke mitgebracht, die er blau umfärben ließ. Beim Bau des Hauses an der Bachstraße musste soviel wie möglich selbst gemacht und beim Material gespart werden. „Arbeit habe ich nie gescheut“, sagt Erber. Am Rheinsalm haute er einen alten Bunker auseinander. Dicke Moniereisen waren dort verbaut: „Das reichte für die Betondecken“, erinnert er sich und kennt noch die genauen Maße des Bunkers, „24 Meter lang mit einem Umfang von 7.50 Meter.“

Auf Genesungsurlaub 1944: 14 Tage später wollte Georg Erber für seinen regulären Fronturlaub zurückkehren. Es wurden 40 Jahre, bis er sein Heimatdorf wiedersehen konnte.

Auf Genesungsurlaub 1944: 14 Tage später wollte Georg Erber für seinen regulären Fronturlaub zurückkehren. Es wurden 40 Jahre, bis er sein Heimatdorf wiedersehen konnte. Foto: Kolping

Schon während seiner Bäckerzeit in Emsdetten trat Georg Erber in die Kolpingsfamilie ein, eine Selbstverständlichkeit für den Gesellen. Er kannte Kolping aus seiner Heimat, aber damals musste man nicht nur männlich und Gesell, sondern auch 18 Jahre alt sein, um Mitglied werden zu können.

Kampfmittelräumdienst

Im Kampfmittelräumdienst, in den er wegen der wiederum besseren Bezahlung wechselte, auf Empfehlung von „Foppen, Änne und Jopp“, wie er sagt, gab es reichlich zu tun und die Familie wuchs auf fünf Kinder. Kaum hatte er die Rente erreicht, erkrankte seine Frau an Alzheimer. 14 Jahre pflegte er sie zuhause bis zu ihrem Tod im Alter von 86 Jahren vor gut zehn Jahren.

Das Denkmal der deutsch-polnischen Freundschaft in der Nähe seines Heimatortes hat Georg Erber mitinitiiert. Es liegt ihm besonders am Herzen.

Das Denkmal der deutsch-polnischen Freundschaft in der Nähe seines Heimatortes hat Georg Erber mitinitiiert. Es liegt ihm besonders am Herzen. Foto: Kolping

Eine sehr anstrengende Zeit, bekennt Georg Erber, in der er manchmal etwas Ausgleich brauchte, sich auch mit bald 80 Jahren aufs Rad schwang und eine Tour nach Wolbeck und zurück unternahm. Zur Ruhe setzte er sich nach dem Tod von Anni nicht. Aktiv wurde er vor allem im Kolping-Seniorenkreis, buk über lange Jahre die Brote für das gemeinsame Frühstück alle vier Wochen im Bürgerhaus. Im JuZe spielte er mit den Kindern und Jugendlichen Schach und brachte ihnen das Backen bei.

Schach wurde schon in den ersten Bäckerei-Jahren seine Leidenschaft, er spielte in der ersten Mannschaft in Greven und zusammen mit Bürgermeister Wilfried Roos in Saerbeck. Heute genießt er noch die Partien mit Nachbarin Margret Resing, die täglich vorbeischaut.

Klasse beim Schach

Sein Sohn spiele eher selten mit ihm, bekennt Georg Erber, „er verliert zu oft“. Regina Heckmann geht es ebenso, aber sie sagt, dass sie von ihm lerne. Offensichtlich schon soviel, dass Pastoralreferent Werner Heckmann bekennt, dass er kaum eine Chance gegen sie habe.

Augen und Verstand braucht er dafür – und die seien noch sehr gut, sagt Erber, nur der Rest wolle nicht mehr so richtig. 70 Jahre nach dem Krieg hat sich sein Bein in Folge der Verletzung in den Ardennen wieder entzündet, drei Operationen waren notwendig. Seitdem kann er nicht mehr Radfahren, aber kein Grund, deswegen Trübsal zu blasen. Stattdessen fahre er jetzt bei gutem Wetter mit dem Elektro-Scooter spazieren. Schön wäre es jetzt, wenn die Coronazeit endet und die Senioren wieder gemeinsam frühstücken könnten, wünscht er sich. Auch wenn er jetzt nicht mehr die Brote dafür backen kann, „nur ab und zu ein Rosinenbrot“.

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