Die Frühjahrsreisesaison der Tiere
Ein großes Kommen und Gehen

Tecklenburger Land -

Die Corona-Pandemie sorgt seit Monaten dafür, dass die Deutschen eine ihrer großen Leidenschaften nur sehr begrenzt ausleben können: das Reisen. In der Tierwelt hingegen steht die Hochsaison bevor. Viele Zugtiere kommen aus ihren Winterquartieren zurück – und das auch ins Tecklenburger Land. Zudem starten einige von hier gen Norden und Osten.

Donnerstag, 18.02.2021, 06:10 Uhr
Aale ziehen zum Laichen aus den hiesigen Gewässern in eine Region nahe der Bahamas.
Aale ziehen zum Laichen aus den hiesigen Gewässern in eine Region nahe der Bahamas. Foto: dpa

Dumm gelaufen, mag da mancher Kiebitz denken. Mitarbeiter der Biologischen Station Kreis Steinfurt hatten in der vergangenen Woche beobachtet, dass erste Gruppen aus ihren Winterquartieren in die Region zurückgekehrt waren. Ins Recker Moor etwa oder auch nach Kattenvenne. Dann kam der Winter mit Macht, viel Schnee und eisigen Temperaturen – und das, sagt Stations-Mitarbeiter Thomas Starkmann , veranlasste die Vögel, wieder umzudrehen gen Küstengebiete im westlicheren Europa. „Sie können bei uns jetzt einfach keine Nahrung finden.“

Die Tiere mit den prägnant abstehenden Federn am Kopf gehören zu den Zugvögeln. Während der Mensch hierzulande pandemie-bedingt auf den Shopping-Wochenendtrip, das Skivergnügen in den Bergen, den Strandurlaub im Süden oder die große Sause mit der Familie verzichtet, sieht es in der Natur gänzlich anders aus. Da steht nun die Frühjahrsreisesaison an. Es wird geflogen und geschwommen, gekrochen und gelaufen was das Zeug hält.

Was deutlich macht, dass es beileibe nicht nur Vögel sind, die den Wechsel der Jahreszeiten zum Anlass nehmen, sich auf den Weg zu machen. Beispielsweise finden sich solche Wandergesellen auch unter den Insekten. Thomas Starkmann nennt den Distelfalter, ein Schmetterling, der im Tecklenburger Land oft zu sehen ist. „Der kommt im Frühjahr aus Südeuropa und Nordafrika über die Alpen zu uns.“

Aber natürlich gehören die gefiederten Vertreter unter den reisefreudigen Tieren zu den bekanntesten – und zum Teil auch zur Kategorie Fernreisende. Mauersegler – sie sind im Sommer oft am Himmel über der Stadtkirche in Lengerich zu sehen –, Rauch- und Uferschwalben kommen zurück aus Afrika. „Teilweise aus Regionen südlich des Äquators“, sagt Starkmann.

Ähnlich große Entfernungen kann die Uferschnepfe zurücklegen. Manche dieser Vögel schlagen ihr Winterquartier im westafrikanischen Senegal und dem angrenzenden Mauretanien auf, andere zieht es „nur“ bis Südwesteuropa. Damit gelten sie als Mittel- bis Langstreckenzieher. Wie die Kiebitze sind auch Uferschnepfen manchmal schon im Februar wieder im Tecklenburger Land zu sehen.

Ähnlich den den Menschen gibt es unter den Tieren jene, die, wenn sie zu ihrer Reise aufbrechen, am Ende doch lieber in nicht allzu entfernte Gegenden schweifen. Amphibien wie Frösche und Molche, die nach dem Winter aktiv werden, sobald die Nächte wieder milder sind, wandern nur wenige Kilometer zu ihren Laichplätzen.

Ganz anders der Aal. Zum Laichen zieht es ihn aus den hiesigen Gewässern in die Sargassosee, erklärt Thomas Starkmann. Ein Gebiet bei den Bahamas. Reiseproviant? Fehlanzeige. Es werden zuvor Fettreserven gebildet, die für den über ein Jahr dauernden Trip reichen müssen. Am Ziel angekommen, sterben die Fische nach der Eiablage. Die jungen Larven brauchen dann ähnlich lang, um sich von der Strömung gen Küsten Europas treiben zu lassen. Dabei verwandeln sie sich in sogenannte Glasaale. Im bevorstehenden Frühjahr geht es schließlich in großen Schwärmen in die Binnengewässer, verbunden mit einer weiteren Wandlung.

Ebenfalls unterwegs sind in den nächsten Wochen einige heimische Fledermaus-Arten. Starkmann verweist auf den Großen Abendsegler, der aus seinen bis zu 1600 Kilometer weiter südlich gelegenen Winterquartieren zurückkommt. Das Große Mausohr hingegen legt beim Umzug in das sommerliche Zuhause gerade einmal 50 bis 100 Kilometer zurück.

Es kehren aber nicht nur Tiere über Frühling und Sommer zurück ins Tecklenburger Land. Manche verlassen auch die Region, sie zieht es in den Norden und Osten. Der Experte der Biologischen Station erklärt, dass viele der Mäusebussarde, die man momentan beobachten kann, bald für die nächsten Monate nach Skandinavien übersiedeln werden. Und bei den Rotkehlchen sei es so, dass einige das ganze Jahr hier sind, einige aus dem Süden zurückkommen und andere hier nur überwintern und dann ebenfalls gen Norden entflattern.

Nach den Worten von Thomas Starkmann spielt bei den Reisetätigkeiten in der Tierwelt inzwischen auch der Klimawandel eine Rolle. Während den Langstreckenfliegern wie Schwalbe und Mauersegler die „innere Uhr“ sehr genau vorgebe, wann sie zu ihren weiten Touren aufbrechen, sei bei Tieren wie dem Großen Brachvogel, der ähnlich wie der Kiebitz vornehmlich aus dem westlichen und südwestlichen Europa einfliegt, das Wetter der entscheidende Faktor. Und da führe die zunehmende Erwärmung dazu, dass sie eher aufbrechen als in früheren Jahren.

Wenn dann der harte Winter doch noch Einzug halte, so wie derzeit, führe das einerseits zu den eingangs beschriebenen unplanmäßigen Rückflügen und andererseits zu sogenannten Zugstaus: Vögel haben sich auf den Weg in ihre Sommerquartiere gemacht, legen unterwegs aber unplanmäßig längere Pausen ein, weil sie das winterliche Wetter vom Weiterflug abhält. Das führe dazu, so Starkmann, dass sich an bestimmten Stellen bestimmte Vögel in ungewohnt großer Zahl aufhalten.

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