Steinfurt
Zwischen Urlaubsidylle und Folter-Terror

Montag, 26.05.2008, 14:05 Uhr

Burgsteinfurt . Auf den ersten Blick sehen sie aus wie wunderbare Aquarelle , sanfte Farben, die nicht aufdringlich leuchten. Die Mühen eines täglichen Lebens, bei dem es den Menschen rein ums Überleben geht. Lasten werden transportiert, Boote schaukeln auf Flüssen, Frauen schneiden Gemüse, Bettler entlausen sich gegenseitig. Was für Reisende fremd und malerisch wirken kann, entpuppt sich für Einheimische als mühseliger Alltag im armen Kambodscha . Die Folgen eines Krieges und die Diktatur des Pol-Pot-Regimes bedrücken diese Gesellschaft nicht nur ökonomisch. Unterernährte, darunter viele Kinder, mangelnde medizinische Versorgung und die Sprachlosigkeit eines Volkes, die in die Vergangenheit hineinragt, lähmen immer noch. „Wer kann, lernt Englisch,“ berichtet Herbert Müller , „dann hat er eine Chance, Arbeit zu finden, vielleicht sogar in der Stadt. Außerdem können Gespräche mit Fremden, die ins Land reisen, geführt werden. Aus vielen bricht das Erlebte regelrecht heraus, wie bei dem Arzt, den wir trafen. Er erinnerte sich, dass er als neunjähriger Junge in einem Lager lebte und Ratten fing, die er abends vorzeigte, um etwas zu essen zu bekommen.“

Im Huck-Beifang-Hauses stellt Herbert Müller Eindrücke seiner Kambodschareise aus. Das Leid haftet diesen in Sonnendunst schwimmenden Arbeiten an, als wäre es schon halb vergessen.

Anders im Obergeschoss, dort hängen große Kohlezeichnungen von Personen, deren Arme auf dem Rücken gefesselt zu sein scheinen. Nahaufnahmen, aus dem Blick eines Künstlers, sehr genau beobachtet, aber auch mit Distanz. Das Foltergefängnis Tuol Sleng war grausamer Schauplatz für die Verfolgung. Fast die gesamte geistige Elite wurde unter dem Diktator Pol Pot vernichtet. Ihre hoffnungslosen Blicke treffen den Betrachter. Unendliche Verzweifelung und Schmerz liegen darin.

Die Einfachheit der Porträts verhindert jegliche Sentimentalität. Dem Betrachter erschließt sich die Gewalt der Peiniger in diesen Gesichtern. Es sind die Bilder, die Herbert Müller nach kleinen Porträts malte, die er auf den Killing Fields der Khmer gefunden hat. Sie atmen Stille.

Müller, der als freischaffender Künstler und Kunsterzieher am Gymnasium in Aurich arbeitet, begleitete bei seiner Kambodscha-Reise den Pathologen Dr. Gerhard Stauch . Stauch wie auch der Steinfurter Arzt Dr. Ralf Meermann gehören dem Freundeskreis Kambodscha an. Stauch hielt die Einführungsrede zur Ausstellungseröffnung, wobei er auch betonte, wie Müller, der über das KZ Engerhafe arbeitete, eine Verbindung zwischen Deutschland und Kambodscha entdeckte, die er künstlerisch weiter verfolgte. Für ihn zeigen das Leben in Kambodscha heute und die Nachkriegsjahre in Deutschland bleiernde Parallelen auf.

Der Kunstverein hat den Mut, eine politische Ausstellung zu präsentieren, die auch für Schüler wichtig sein kann. Hervorragend eröffnet wurde sie am Sonntag von Hans Lüttmann und Martin Poppe mit meisterlich gespielten Gitarre-Stücken. Zu sehen ist die Schau bis zum 29. Juni, samstags und sonntags, von 11 Uhr bis 18 Uhr, und nach Vereinbarung, Telefon 0 25 51/71 38.

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