Steinfurt
Freispruch für Französin

Donnerstag, 04.06.2009, 16:06 Uhr

Steinfurt - Wenn Cecile Lecomte sich vor einem Uran-transport von den Bäumen über der Bahnstrecke abseilt, dann ist das ihr gutes Recht. Das im Grundgesetz verankert ist: „Jeder hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung.“ Damit begründete gestern der Vorsitzende Richter am Steinfurter Amtsgericht seinen Freispruch für die französische Atomkraftgegnerin. Die 27-Jährige reagierte mit einem zufriedenen Lächeln auf den Richterspruch: „Ich bin froh, denn dafür habe ich gekämpft.“ Sie wolle mit ihren spektakulären Aktionen auf die Gefahren der Atomkraft machen. Und das hat die zierliche Frau gestern auf jeden Fall geschafft. Ein vergleichbares Medienaufgebot hat es im Amtsgericht selten gegeben.

Am 16. Januar, abends gegen 19.20 Uhr, hatte Cecile Lecomte den Urantransport von Gronau nach Rotterdam in Höhe von Steinfurt gestoppt. Sechs Stunden ging nichts mehr auf der Bahnstrecke. Für die ehemalige französische Meisterin im Sportklettern war es ein Leichtes gewesen, sich angeleint über den Bahnschienen herunterzulassen. „Ich passe schon selbst auf, dass mir nichts passiert.“ Auf die Fürsorgepflicht der Bundespolizei könne sie gut verzichten, sagte die Bewegungsarbeiterin (wie sie vor Gericht ihre berufliche Tätigkeit bezeichnete).

Mindestens sechs Meter, so stand es im Bericht, habe Cecile Lecomte über den Gleisen gehangen. Laut Eisenbahnbetriebsordnung sind für einen reibungslosen Zugverkehr 4,80 Meter notwendig. „Damit liegt keine Ordnungswidrigkeit vor“, verwies der Amtsrichter auf geschriebenes Recht. Den Tatbestand der Nötigung, mit der die Staatsanwältin eine Geldstrafe von 450 Euro forderte, sah das Gericht ebenfalls als nicht gegeben: „Sie hatte gar kein Opfer.“ Den Zug angehalten habe die Polizei. Und das nur aus Sorge um das Leben der jungen Französin: „Der Zug wäre beim Durchfahren nicht zu Schaden gekommen.“ Cecile Lecomte vermutlich wohl.

Seine Mandantin, so der Pflichtverteidiger, mit dem die Französin, die in Lüneburg wohnt und von Hartz IV lebt, erschien, habe sich in der dritten Dimension, der Luft, bewegt: „Unser Strafrecht ist aber nur für die Erdoberfläche ausgelegt.“ Deshalb zeigte er sich auch schon vor Prozessbeginn zuversichtlich.

Dass der Protest für sie eine Herzensangelegenheit sei, um die Welt ein wenig besser zu machen, erklärte Cecile Lecomte dem Gericht ausführlich. Nicht sie nötige andere, vielmehr fühle sie sich von der Urenco genötigt: „Denn die Atomindustrie setzt mich einer Gefahr aus, gegen die ich mich nicht wehren kann.“ Dafür gab es Applaus von den anderen Atomkraftgegnern, die zur Unterstützung mitgekommen waren. Schon vor dem Verhandlungstermin hatten sie ihren Unmut über die Anklage öffentlich gemacht.

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