Familie Olfort hat in Borghorst eine neue Heimat gefunden
Plattdeutsch in Sibirien

Borghorst -

Ihre Heimat war mal Sibirien. Albina und Andrej Olfort sind mit ihrer Tochter Olga und dem Großvater Peter aus einem kleinen russischen Dorf nach Borghorst gekommen. Im Grottenkamp auf dem Dörper Feldweg haben sie eine neue Heimat gefunden. Zwei Brüder von Andrej Olfort leben mit ihren Familien in Emsdetten. Der vierte Bruder ist in Russland geblieben. Aber er kommt regelmäßig aus Severodwinsk bei Petersburg, um seinen 90- jährigen Vater zu besuchen.

Mittwoch, 07.08.2013, 14:08 Uhr

Die 13-köpfige Familie kam 1991 nach Deutschland zurück. Über die Bundesaufnahmelager in Schönberg bei Kiel und Unna-Massen erreichten die Olforts Riesenbeck, um dann in Emsdetten und Borghorst zu Hause zu sein.

Ihre kulturelle Identität ist deutsch und russisch. Norddeutsches Platt ist die Umgangssprache in den Familien. Die drei Brüder habe schnell Arbeit gefunden. Andrej Olfort ist als Polier in einem Baugeschäft beschäftigt.

Schon zwischen 1764 und 1767 wanderten ihre Vorfahren mit rund 30 000 anderen Deutschen nach Russland aus. Zarin Katharina die Große hatte sie ins Land geholt. Tausende der Aussiedler haben damals die Krankheiten, den Hunger und die Strapazen der Reise nicht überlebt. Der Start in der neuen Heimat war schwer. Ihre Abschiedslieder, die sie während der langen Reise gesungen haben, sind über viele Generationen erhalten geblieben. Großvater Peter Olfort hat sie alle, teils in russischer Schrift, aufgeschrieben.

Der 90-jährige Senior der Familie spricht gerne von dem Leben in dem deutschen Dorf Gljaden im Kreis Blagowestschenka. Drei Jahre hat er dort die deutsche Schule besucht, bis sie 1938 verboten und die Familie enteignet wurde. Russisch wurde offizielle Sprache. Nur noch zu Hause durfte plattdeutsch gesprochen. Seine Kinder und Enkel lernten im Kindergarten und der Schule nur russisch. Sie waren in der Minderheit und wurden diskriminiert. „Mit den Kindern über Gott zu sprechen, das war verboten”, erzählt der Großvater. Trotzdem sind christliche Traditionen geblieben. „70 Jahre lang waren wir gefesselt, wie verhaftet. In der letzten Zeit wurde es etwas besser”, erinnert sich der Aussiedler.

Peter Olfort hat 30 Jahre als Schmied in einer Kolchose gearbeitet. Als er aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit am Schmiedefeuer nicht mehr leisten konnte, reparierte der Schlosser landwirtschaftlichen Maschinen.

Die Deutschen waren den Schikanen der Russen ausgesetzt, sagt Peter Olfort: „Ihr seit Arbeitsochsen”, so wurden die Deutschen beschimpft. In den Läden gab es nichts zu kaufen, für Schnaps war alles zu haben. Langsam reifte der Entschluss in der Familie: „Wir wollen Deutsche bleiben und ausreisen.“

Peter Olfort hat viele alte Fotos von seinem Haus in Gljaden. Sie liegen in der Schublade. Drei einfache Häuser hat er selbst gebaut und für 16 000 Rubel – das sind knapp 500 Euro – verkauft. Mit zwei Koffern und ohne Geld kam die Familie in Frankfurt an.

Über die hochsommerlichen Temperaturen in Borghorst können die Russlanddeutschen nur schmunzeln. 35 bis 40 Grad waren in Russland ganz normal. Im Winter ging´s runter bis auf minus 55 Grad.

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