Gestern Morgen begann der Abriss
Villa Heimann ist Geschichte

Borghorst -

Als wenn ein Riese in ein Knäckebrot beißt. Knack, knack, knack. Und schon ist die Mauer in einer Wolke aus Staub in sich zusammengefallen. Auf dem Boden bleibt ein Haufen aus Schutt, Steinen und Holzbalken, den die Baggerschaufel ruckzuck auseinander- und in die Container einsortiert hat. So geht es im Minutentakt. „Heute Abend ist das Meiste geschafft“, hatte der Fahrer der mächtigen Baumaschine gesagt, als er nach der Frühstückspause über die Straße zurück zu seiner Baustelle schlenderte.

Montag, 23.06.2014, 16:06 Uhr

Was für den Baggerfahrer Routine ist, das verfolgen auf dem Bürgersteig von gegenüber eine Handvoll meist älterer Menschen mit einem zum Teil fassungslosen Gesichtsausdruck. Sie sehen mit Schrecken, wie der Bagger das letzte Kapitel der Geschichte der Villa Heimann schreibt. Bald erinnern nur noch die sechs Stolpersteine im Gehwegpflaster an das jüdische Leben an dieser Stelle. Schon in wenigen Wochen wird hier der erste Spatenstich für das neue Feuerwehrgerätehaus gemacht.

„Nein, sonderlich schwierig ist der Job hier nicht“, gibt der Baggerfahrer gerne zu. „Die Bausubstanz ist marode, da muss man nicht sonderlich Kraft aufwenden.“ Außerdem sei drum herum viel Platz. „Da kann dann auch nicht viel passieren.“ Der Kollege muss nichts anderes tun, als mit dem Wasserschlauch Staub und Dreck am Boden zu halten. Dort sortiert der Greifer sofort die Baumaterialien auseinander. Holz, Metall , Steine und Müll.

Es stehen außerdem zwei Paletten bereit, auf denen „deutlich mehr als 200“, so Technischer Beigeordneter Reinhard Niewerth , der gelben Ziegelsteine gesammelt werden. Sie sollen auf Anregung aus dem Arbeitskreis, der sich mit dem Gedanken an das jüdische Leben in der Start auseinandersetzt, eventuell für ein Mahnmal verwandt werden. Wie so etwas aussehen könnte – Bruno Eierhoff, der aufmerksamer Zeuge des Abbruchs ist, hat seine Gedanken dazu zu Papier gebracht und dem Baudezernenten schon gezeigt. „Ist nur so eine Idee“, faltet er den Zettel zusammen und lässt ihn in der Jackentasche verschwinden. Die Zeichnung zeigt einen Mauerwinkel, auf dem eine der Fensterverzierungen zu sehen ist, die der Bagger gegenüber gerade gen Boden stürzen lässt.

Proteste oder größere Menschenaufläufe bleiben am Montag übrigens an der Anton-Wattendorff-Straße aus. Keine zehn Bürger verfolgen den Tag über den Abbruch. Heute wird er Geschichte sein.

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