Systematische Fehlplanung am Bau
Baudebakel mit System

Burgsteinfurt -

Bauprojekte werden immer teurer und dauern immer länger, als ursprünglich geplant. Experten der Fachhochschule Steinfurt mahnen vor einem System, das sich längst zu verselbstständigt haben scheint. Und das zu einer flächendeckenden Belastung in ganz Deutschland geworden ist.

Montag, 20.10.2014, 18:10 Uhr

Missglückte deutsche Bauprojekte: Elbphilharmonie, Hauptstadtflughafen und Stuttgart 21. Foto: Pier
Missglückte deutsche Bauprojekte: Elbphilharmonie, Hauptstadtflughafen und Stuttgart 21. Foto: Gunnar A. Pier

Man kennt das ja, ein Investorenwettbewerb wird ausgeschrieben, gewonnen, eine Stadt feiert sich für ein neues Bauprojekt – und es wird und wird nicht fertig.

In Deutschland häufen sich Bauprojekte, bei denen Kosten, Termine und Qualität aus dem Ruder laufen.

Prof. Martin Höttecke vom Fachbereich Energie-Gebäude-Umwelt der Fachhochschule Steinfurt sagt dazu. „Es gibt einige Dinge im Bauwesen, die haben eine Entwicklung genommen, die ist nicht gut.“ Die FH hatte kürzlich zu einem Expertenforum eingeladen, um der Frage nach dem „Bau-Unwesen“ nach zu gehen. Der frühere Unternehmer und heutige Autor, Jürgen Lauber, hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, um zu erklären, warum bauen in Deutschland schief geht.

Die klassischen Beispiele sind der Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Elbphilharmonie. „Dass dieses Gebäude nicht für 40 Millionen Euro gebaut werden kann, hätte jedem vorher klar sein müssen“, sagt Höttecke. Und das war es wahrscheinlich auch. Sein Kollege, Prof. Bernd Boiting, sagt: „Heute ist es so, dass fast immer der Billigste den Zuschlag bekommt. Das führt zu Problemen, die Gebäude gehen schief, weil der Bauherr schon vor dem Spatenstich weiß, dass das im Vorhinein veranschlagte Geld nicht ausreicht, um das Bauprojekt in der geplanten Zeit, in der geplanten Qualität zu produzieren.“

Es kommt dann mitunter zu katastrophalen Entwicklungen. Gleichwohl: viele Leute haben ein Interesse daran, solche chaotischen Zustände am Bau aufrecht zu erhalten. Sie verdienen daran.

„Man hört in Berlin immer wieder, dass dort viele Menschen nicht unglücklich über die Entwicklung sind. Es gibt am Flughafen viele Arbeitsplätze, viele Firmen sind beteiligt und finden dort Beschäftigung.“ Wie Höttecke sagt, sei es ein Zusammenspiel vielfacher Kräfte, die zu solchen Baudebakeln führen. „Das liegt gar nicht daran, dass da ein schlechter Entscheider oder Architekt am Werk ist. Es liegt am System.“

Äußerlich ringen die Verantwortlichen später um Entspannungsvokabeln, um die Verschwendung von Steuergeldern zu erklären. Es rollen vielleicht hin und wieder Köpfe. Der Bau aber, der wird fortgesetzt. Bis zum bitteren Ende. Koste es, was es wolle.

„Als Steuerzahler, als Außenstehender muss man sagen: Das muss aufhören“, sagt Prof. Boiting. Es gebe aber eine Grauzone, die es nahezu unmöglich macht, solche Fälle bis ins letzte Detail zu klären und strafrechtlich zu verfolgen. Wo man hinschaut, findet man eine Mauer des Schweigens. Nicht zuletzt der Staat sorgt hier mitunter dafür, dass diese Intransparenz herrscht.

„Was aber mindestens genauso dramatisch ist, ist, dass wir flächendeckend betroffen sind – auch im Kreis Steinfurt – dieses System verhindert, dass wir in ganz Deutschland bessere Gebäude bekommen“, sagt Höttecke. Der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie, das alles seien allenfalls die Spitzen des Eisberges. Die Entwicklung an sich ziehe sich aber durchs ganze Bauwesen.

„40 Prozent der Energie, die in Deutschland verbraucht wird, wird in Gebäuden verbraucht. Mit besseren Gebäuden – und das ist eine tragende Säule der Energiewende – können wir viel weniger Energie verbrauchen, ohne, dass wir mehr dafür ausgeben.“

Energieeffiziente Gebäudetechnik, die auch an der FH entwickelt wird, kommt nicht zum Einsatz.

Im Übrigen: Beim Fachforum versuchten die Steinfurter Professoren eine Podiumsdiskussion anzuregen. Dabei luden die gehörten Vorträge tatsächlich zum Austausch ein. Von den 160 Teilnehmern aber wollte niemand in die Diskussion einsteigen: Die Firmen bekamen einen Spiegel ihres täglichen Tuns vor Augen gehalten. Das mussten sie zunächst verarbeiten.

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