Literaturcafé-Auftakt in der Stadtbücherei
Kein Blatt vor dem Mund

Burgsteinfurt -

Er war ein lebenslustiger Mensch und wahrlich kein Kostverächter: der Dichter Francois Villon. Rezitator Christoph Rösner aus Hagen gestaltete mit Lyrik des lasterhaften, wortgewaltigen Franzosen am Sonntag in der Stadtbücherei Steinfurt das erste „Literaturcafé“ der Saison.

Sonntag, 19.04.2015, 15:04 Uhr

Er schöpfte aus dem prallen Leben. Er liebte die Frauen und kein Glas edlen Rebensaftes hat er wohl je verschmäht. Der Dichter François Villon (1431-1463) war wahrlich kein Kostverächter. Rezitator Christoph Rösner aus Hagen gestaltete mit Lyrik des lasterhaften, wortgewaltigen Franzosen am Sonntag in der Stadtbücherei Steinfurt das erste „ Literaturcafé “ der Saison. Rösner, der auch als freier Autor und Kabarettist erfolgreich unterwegs ist, gehört zum Ensemble von „Melange“, der Gesellschaft zur Förderung der Kaffeehauskultur.

Als Mensch und Dichter wurde Villon, mit dem es kein gutes Ende nahm, „verehrt und angespien“, wie es in seiner Ballade von den Vogelfreien heißt. „Nichts scheint mir sicherer als das nie Gewisse“, schreibt er und spielt dabei auf die Unwägbarkeiten des Lebens an. Als Hauptwerk gilt „Das große Testament“, das er mit Ende 20 verfasste. „Ob alles stimmt, was er darin behauptet wird oder ob er prahlt, weiß man nicht“, so Rösner. „Des ganzen Lebens schwarze Litanei, vom Mutterleibe bis zum Todesschrei“ schrieb Villon und sprach von „langen Wanderungen durch die kalten Gelächter aller Menschen“. Villon lässt keinen Zweifel daran, dass das Leben kein Ponyhof ist. Doch er ruft dazu auf, jeden Augenblick in vollen Zügen zu genießen so wie im Gedicht „Villon, das bin ich“: „Mit dem schönsten Suff im Bauch fängt die Welt noch einmal an, und die Weiber sagen auch: Lieber zwei als keinen Mann“. Mangelndes Selbstbewusstsein war dem Dichter fremd.

Was bis heute fasziniert, ist seine bunte, derbe Sprache, mit der er kein Blatt vor den Mund nahm. Rezitator Rösner versteht es meisterhaft, Lebensübermut, Daseinsfrust und die Respektlosigkeit der Lyrik Villons herauszukitzeln.

Der französische Poet studierte, erreichte den Grad eines Magister Artium, brach jedoch das Studium der Medizin und Theologie wieder ab. Das Rotlicht-Milieu faszinierte ihn mehr als die Universität. Außerdem wurde er in kriminelle Machenschaften verwickelt. Trotz seines derb-rustikal-wirkenden Charakters durchziehen auch wunderschöne, gefühlvolle Liebesballaden Villons Werk.

Er saß mehrfach im Gefängnis, wurde zum Tode verurteilt, dann aber doch „nur“ in die Verbannung geschickt. Villon starb mit 32 Jahren als „Vogelfreier“ irgendwo in Frankreich. Bekannt wurde sein Werk in den 1970er-Jahren durch extravagante Interpretationen des berühmt-berüchtigten Charakter-Schauspielers Klaus Kinski.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3202029?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F186%2F4852168%2F4852177%2F
Nachrichten-Ticker